Der eigentliche Hauptanstoß aber liegt in der biblischen Sünden- und Gnadenlehre. Die Bibel, besonders das Neue Testament und dort namentlich Paulus, erklärt den Menschen für einen verlorenen Sünder. Er sei radikal, zentral und total verderbt und auch nicht in der Lage, sich durch sein allerbestes Bemühen, durch Streben und Veredelung, selber zu erlösen. Das erscheint Hunderttausenden moderner Menschen aller Länder als eine unerhörte Zumutung, eine Beleidigung ihrer Ehre, eine untragbare Herabsetzung und Verneinung ihres »Menschheitsadels«.
Was haben wir hierzu zu sagen?
»Sünde« in absolutem Sinne gibt es nur im Verhältnis zu Gott.
»Gegen Dich, gegen Dich allein habe ich gesündigt« (Ps 51,6). Wer also das Dasein eines persönlichen Gottes und einer von Ihm eingesetzten, moralischen Weltordnung leugnet, muß auch die Realität der Sünde ablehnen. Für den kann es nur »Unvollkommenheit«, »Fehlerhaftigkeit«, »Disharmonie«, »Mangelhaftigkeit«, aber nicht »Sünde« geben. Mit solchen Gottesleugnern beziehungsweise Pantheisten setzen wir uns hier nicht auseinander. Wir verweisen Sie auf den vierten Teil dieses Buches (S. 186 ff).
Hier haben wir es nur mit solchen zu tun, die das Dasein eines persönlichen, überweltlichen Gottes nicht bestreiten, jedoch, im Sinn des Idealismus, an Selbsterlösung glauben.
Wenn es einen persönlichen Gott gibt - und die Welt um uns und in uns ist voll von geradezu unüberhörbaren Zeugnissen Seiner unbedingten, ewigen, lebendigen Existenz - , so muß Er der Urquell alles Lebens und der Inbegriff aller Vollkommenheit sein. Nur so weit kann dann auch die Natur wirklich »Leben« haben, als sie verbunden ist mit dieser Quelle, als sie Anteilnahme an Seinem Leben, das heißt, Gemeinschaft mit Gott hat.
Aber gerade das ist das Verhängnisvolle im Leben des Menschen, daß er diese Verbindung mit Gott nicht mehr besitzt. Gott spielt keine entscheidende Rolle mehr in seinem Leben. Die meisten könnten sich Gott wegdenken, ohne daß dies ihr Leben wesentlich verändern würde. Man lebt praktisch, als wenn es keinen Gott gäbe, auch wenn man ihn theoretisch vielleicht bejaht und religiös-gottesdienstlich gelegentlich verehrt. Das ist aber gerade das Wesen dessen, was die Bibel »Sünde« nennt. Nicht auf das Wort, sondern auf die Sache kommt es hier an. »Sündigen« heißt »sich absondem«, sich losgelöst haben von Gott, leben in Gottesfeme. »Sünde« ist gewollte, geschöpfliche Eigengesetzlichkeit. Sie ist Ausschaltung des göttlichen Herrschaftsanspruchs, Nichtbeachtung der obersten Befehlsgewalt, Ignorierung der höchsten Majestät, Emanzipation des Geschöpfes vom Schöpfer. Sie ist nicht zu erklären als seelisches Gefühl irgendwelcher Minderwertigkeit, sondern als seinsmäßiger Zustand, in dem sich sowohl hochwertige wie auch minderwertige Menschen befinden (Röm 3,23). Sie kennzeichnet das ganze Sein des Menschen, nicht nur seine Einzeltaten. Sie ist Verselbständigung der Kreatur, Flucht aus der Wirklichkeit der geschöpflichen Abhängigkeit, verkrampfte Illusion über unsere tatsächliche, kreatürliche Begrenztheit.
Nach Gottes Plan hatte der Mensch gleichsam ein geistlicher Kopernikaner sein sollen, der, wie ein Punkt auf der Kreislinie, von Gott als seiner Sonne und seinem Zentrum abhängt. Anstatt dessen ist er jedoch nun in den Irrtum des ptolemäischen Systems gefallen und stellt sein Ich in den Mittelpunkt von allem, um den sich Gott und Welt drehen müsse. Damit aber wird die Sünde Empörung gegen Gott, Revolutionär im Reich des Geistes und, ihrer Absicht nach, Thronräuber des göttlichen Weltregiments.
In diesem Zusammenhang erweist sich auch die »kleinste« Sünde als von katastrophalster Bedeutung. Denn wenn Gott der Absolute und Unbedingte ist - und als solcher der eine Schöpfer und folglich Alleinbesitzer und Alleinherrscher der ganzen Welt - , so ist mit jedem Geschehen, das irgendwie gegen Seinen Willen gerichtet ist, so klein es auch sein mag, diese Seine unbedingte Allgewalt in Frage gestellt und damit überhaupt die ganze Gottheit Gottes. Mit jeder, auch der allerkleinsten Sünde ist gleichsam die »Kabinettsfrage« gestellt, ob Gott überhaupt noch der unbedingte König und damit der Herr des Universums und der alleinige Gott ist. »Auch die kleinste Sünde bedeutet immer einen Angriff auf die Wirklichkeit Gottes Selbst, eine Revolution gegen die Majestät Gottes, die von einer Macht ausgehen muß - ein Versuch dieser revolutionären Macht - , Gott vom Thron zu stoßen und sich selbst an Seine Stelle zu setzen. Mit anderen Worten: Jede, auch die kleinste Sünde gegen Gott hat einen satanischen Charakter.«80
Mit dem allen stürzt sich der Mensch in die denkbar größte Verschuldung. Denn ist es nicht vernünftig und logisch, daß der Herr des Universums, der doch der Allerhöchste ist, in jedem Gebiet Seines eigenen (!) Universums den allerhöchsten Platz einnehmen muß? Ist es nicht recht und billig, daß der Schöpfer das erste Anrecht auf Sein Geschöpf hat, das Er doch Selber ins Dasein gerufen hat? Ist es nicht folgerichtig, daß die oberste Spitze des Weltalls auch den Vorrang haben muß in jedem Einzelglied dieses gewaltigen Weltorganismus, der Ihm, als Sein Werk, als Eigentum von vornherein gehört, und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch?! Ja wahrlich, es ist darum durchaus auch nur vernünftig und logisch, daß das Neue Testament die Liebe zu Gott für das allergrößte Gebot erklärt. »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken! Dies ist das vornehmste und größte Gebot!« (Mt 22,37.38).
Dann aber muß die Nichtbefolgung dieses allergrößten Gebotes - Gott also nicht wahrhaft über alles zu lieben - auch die allergrößte Verfehlung sein. Damit aber steht jeder Mensch - auch der moralische und edle - unter dem Urteil der allergrößten Sünde! An dieser erschütternden Tatsache vermag keine Klügelei oder Sophisterei vorbeizuführen. Die Wahrheit ist hart. Aber nur »die Wahrheit« kann uns frei machen (Joh 8,32). Sünde ist eben nicht nur äußerliches Tun, sondern innere Haltung. Diese Haltung aber besteht in dem Nichtfest»halten« des Zusammenhangs mit Gott.
Sünde ist darum Autoritätslosigkeit, Konzentrierheit auf das eigene Ich, Drehkrankheit um sich selbst. Ihren Gipfel erreicht sie in der Selbstvergottung. Sie ist Ablehnung der Führerschaft Gottes, Vergötzung des eigenen Lebenstriebs. Vorbeileben am wahren Gott. Damit aber ist sie zugleich ein Vorbeileben an der Quelle des Lebens. Das aber heißt, sie ist, ihrem tiefsten Wesen nach, Lebensverneinung, Auflösung und Zerstörung, geistseelischer »Tod«. Kein Wunder, daß sie auch den leiblichen Tod im Gefolge hat. »Der Tod ist der Sünde Sold« (Röm 6,23).
Der leibliche Tod ist also nicht nur ein bloß naturhafter Vorgang, sondern ist ethisch zu verstehen. Ein Sündloser brauchte nicht zu sterben. Der Tod ist Gericht. Er ist das Wesen der Sünde und ihre notwendige Folge.
Aus der falschen Gesinnung aber kommen die falschen Handlungen, aus dem Sünden»baum« die Sünden»frächte«, aus der Sünde die Sünden: Lüge und Haß, Einbildung und Selbstüberschätzung, Hochmut und Unmoral. Der Mensch ist »tot in Sünden und Übertretungen« (Eph 2,1).
Durch dies alles aber wird die Sünde Entehrung der Persönlichkeit, Erniedrigung des menschlichen Verhaltens, Vergeudung der angestammten Hoheit, also Entgöttlichung und Entwürdigung des »Menschheitsadels«. Die Sünde ist unser Unglück. »Die Sünde ist der Leute Verderben« (Spr 14,34).
In dieser Lage ist Selbsterlösung kraftlos. Selbst wenn es gelänge - was aber niemand erreicht! - , durch Arbeit an sich selbst, durch Erziehung und Selbstveredelung zu einem absolut fehlerlosen und vollkommenen Leben zu gelangen, so wären ja immer noch die alten Schulden da. Diese aber könnten auf keinen Fall ungeschehen gemacht werden! Töricht wäre der Wahn, diese alte Schuld durch Werke eigener Kraft selber wieder gutmachen und gleichsam abtragen zu wollen. Denn das Wesen einer Selbsterlösung durch edles Tun würde doch darin bestehen, daß diese neuen, guten Werke als einzelne und äussere verdienstvoll sein sollten. Sie würden also von dem organischen Ganzen der Gesinnung losgelöst und als Einzelleistung betrachtet, mit denen gleichsam »bezahlt« würde. Die Gesinmmg aber müßte, sollten die Werke überhaupt Wert haben, in der Liebe zu Gott bestehen. Diese ist das allergrößte Gebot (Mt 22,36-40). Aber gerade hier ist der Mensch in Ohnmacht gefangen, ganz abgesehen von allen seinen unmoralischen Einzelhandlungen! Nicht aus Liebe zu Gott, sondern aus Liebe zu sich selbst hätte er dann ja auch hier seine Werke vollbracht! Sich wollte er damit helfen, sich die Erlösung erwerben! Darum sind seine Werke überhaupt keine wahrhaft vollkommenen Handlungen mehr. Wert hätten sie nur dann gehabt, wenn sich in ihnen die reine und heilige, selbstlose Liebe zu G ott ausgesprochen hätte.
Aber gerade diese ist es, die dem Sünder fehlt! Um also zur rechten Stellung zu Gott zu gelangen, müßte der Mensch sie schon innehaben. Er müßte schon am Ziel sein, um überhaupt erst anfangen zu können, den Weg zum Ziele zu gehen. Er müßte das Erlöstsein schon besitzen, um sich mit den von dort stammenden Kräften das Erlöstsein erst zu erwerben. Damit aber bewegt er sich in einem Zirkel, als wenn ein mathematischer Lehrsatz seine eigene Voraussetzung erst beweisen müßte. Die Selbsterlösung also kann niemals einen neuen Menschen schaffen, weil sie von den Kräften des alten Menschen lebt. Man kann nicht mit neuen Schulden alte Schulden wahrhaft bezahlen.
»Was kann der Mensch geben, daß er seine Seele wieder löse?« (Mt 16,26) Die Werke des alten Menschen sind also für Selbsterlösung ohne Kraft. »Sie erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes« (Röm 3,23 wörtl.).
Aber noch mehr. Der Weg der Selbsterlösung ist geradezu gefährlich. Denn in solchem Fall tut doch der Mensch seine »guten Werke«, um sich vor Gott rechtlich einen Lohn zu erwerben, gleichsam einen Abschlag an der zu leistenden Schuldzahlung. Er betrachtet also sie, die wertlosen, die aus falscher Gesinnung heraus geborenen Werke, als Leistungen, die der höchsten, göttlichen Anerkennung würdig seien. Damit aber stürzt er sich in törichten Hochmut, und, anstatt sich zu retten, ist er gerade in das Gegenteil gefallen. Auch die Erfahrung zeigt, daß heidnische, modern-idealistische oder »christliche« Selbstgerechte am schwersten zu gewinnen sind. In Wahrheit aber ist der Mensch Gott nicht nur einzelne gute Handlungen, sondern seine ganze Person, sein ganzes Ich, seine ganze Geschichte schuldig. Er müßte also, wenn er wahrhaft seine Schuld abbezahlen wollte, seine ganze, durch die Sünde durchdrungene Lebensentwicklung noch einmal von vorn anfangen können.
Dies aber kann natürlich ebenfalls nicht geschehen. Aber selbst dann, wenn dies möglich wäre, hätte der Mensch noch immer keine Aussicht, sich irgendein Verdienst vor Gott zu erwerben. In keiner Existenzform, weder gegenwärtig noch zukünftig, könnte irgendein Plus, ein Uberschuß guter Werke erreicht werden, mit dem er das Minus seiner früheren Entwicklung wieder gutmachen könnte. Denn mehr als heilig sein, könnte er ja auch dann nicht! Und Heiligkeit wäre nie ein »Verdienst«, das über Gottes Gesetz hinausginge und darum ein Gegengewicht gegen das sein könnte, was hinter demselben zurückgeblieben war. Nein, Heiligkeit ist ganz einfach unsere Pflicht. So wäre selbst im Fall einer möglichen Wiederholung unserer Lebensentwicklung nicht die allergeringste Aussicht auf Ausgleichung der Schuld des früheren Lebens vorhanden. »Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen war, so sagt: Wir sind Knechte ohne Verdienst; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan« (Lk 17,10). So bleibt es dabei: »Auf Grund von Gesetzeswerken wird kein Sterblicher vor Gott gerechtfertigt werden« (Röm 3,20; Gal 3,10). Wir mögen noch so sehr dagegen revoltieren, wir mögen noch so sehr dagegen ankämpfen, wir mögen noch so sehr in unserer Verblendung geradezu eine Beleidigung unserer Menschenwürde darin sehen: Wir kommen an dieser unausweichlichen Wirklichkeit nicht vorbei: Wenn es eine Erlösung geben soll, so muß sie das Werk Gottes sein. Sie muß freies Geschenk, sie muß Gabe von oben, sie muß - Gnade sein!
Die Gnade aber erniedrigt nicht, sondern erhöht. Sie entwürdigt nicht, sondern adelt. Sie entehrt nicht, sondern krönt. »Du krönest mich mit Gnade und Barmherzigkeit« (Ps 103,4). Wohl demütigt es uns tief, daß wir zu unserer Errettung nichts beitragen können; wohl beugt es uns, daß es nicht Verdienst, sondern Geschenk, nicht Leistung, sondern Gabe sein muß: aber als staubgeborene Kreatur sich von dem ewigen Gott beschenken lassen, ist doch wahrlich nichts, was unsere Menschenwürde aufhebt! Dann müßte ja auch schon jedes Geschenk im alltäglichen Leben eine Verletzung unserer Ehre sein. Was unserem Menschheitsadel widerspricht, ist die Sünde, nicht aber die Erlösung! Der Sünde sollte man sich darum schämen, nicht aber der Sinnesänderung, der Buße!
Buße im Sinn der heiligen Schrift ist nicht pessimistische Selbstbespiegelung. Sie ist nicht hoffnungsloser Zerknirschungszustand oder krankhaftes Angstgefühl, sondern innere, neue Lebensumstellung auf Gott. Schon die sprachliche Zusammensetzung des neutestamentlichen Wortes bezeugt dies klar (griech. metanoia). Sein erster Bestandteil ist das Vorwort »um« (griech. meta). Dieses bezeichnet den Übergang aus einem Zustand in einen anderen. Es findet sich in Zeitwörtern wie »umwerfen« (griech. metaballo), »von einem Ort in einen anderen Ort übergehen« (griech. metabaino), also in zusammengesetzten Zeitwörtern der Veränderung. Sein zweiter Bestandteil kommt von dem Zeitwort für »einsehen, erkennen« (griech. noeo). So bedeutet es in dieser seiner Zusammensetzung »Sinnesänderung«, Umdenken, Umschaltung des ganzen, inneren Menschen und damit zugleich Neuordnung des äußeren Verhaltens.
»Buße tun« heißt nicht Mönchwerden, Selbstquälerei treiben, im Wimmern und Jammern über die eigene Schuld steckenbleiben, sondern »Buße tun« heißt: in Beugung und Trauer über die eigene Schuld, aber zugleich im Glauben an Christi Heil, umkehren zu Gott.
»Tut Buße!« will sagen: »Denkt um! Laßt euch erneuern! Vollzieht eine Umstellung! Macht eine volle Kehrtwendung!«
So ist Buße das aktive Erleben eines sittlich-geistigen Umbruchs. Sie ist der Eintritt in eine neue Lebenshaltung. Sie ist ein persönlicher Willensakt, für den der Mensch verantwortlich ist und der ihm darum von Gott auch befohlen wird. »Gott gebietet jetzt . . ., Buße zu tun« (Apg 17,30).
Das Endziel des Ganzen aber ist des Menschen Erhöhung. Die Gnade stürzt nicht herab, sondern hebt empor. Sie ist konzentrierte Gotteskraft. Sie erhebt den Menschen in den wahren, ewigen Adelsstand. Sie gibt ihm das echte, freie Herrentum gottgewollter Persönlichkeit. Begnadigung ist Krönung.
Dabei aber kann Gott nur in Übereinstimmung mit Seinem heiligen Wesen begnadigen. Er kann die Sünde nicht einfach annulieren, sondern muß richterlich mit ihr handeln. Menschen, die sich gegenseitig etwas vorzuwerfen haben, mögen einfach erklären: Wir wollen einander vergeben; wir wollen vergessen und alles begraben sein lassen. Gott aber ist kein Sünder. Er handelt als Hüter Seines heiligen Gesetzes, und das Gesetz Seines eigenen Wesens bindet Ihn daran, nur so zu begnadigen, wie es Seiner eigenen, heüigen Natur entspricht.
»Wenn Gott Gott ist, dann kann Er die Sünde der Kreatur nicht als Harmlosigkeit behandeln, die vor Ihm nichts bedeutet. Es kann nicht ewig so getan werden, als wäre die Sünde überhaupt nicht da, als wäre sie eine Belanglosigkeit, über die sich niemand aufzuregen braucht.« Die Heiligkeit Gottes verlangt, daß Er Sein »Nein!« dazu sagt. Seine Gnade gegen den Sünder kann sich nur so offenbaren, daß Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit in der Erweisung dieser Gnade nicht aufgehoben, sondern mit aufgenommen werden. Sie können nicht verneint, sondern müssen erhalten werden. Darum ist Sühne eine innergöttliche Forderung liebend erlösender Heiligkeit. Gnade und Gericht gehören in der Erlösung zusammen. Auf Golgatha sind beide in vollkommenster Weise vereint. »Gerechtigkeit und Gericht sind deines Thrones Grundfeste; Güte und Wahrheit gehen vor deinem Angesicht her« (Ps 89,14).
Das neutestamentliche Wort für »Gnade« (griech. charis) ist wurzelverwandt mit »Freude« (griech. chara). Es bedeutet zunächst »etwas, was erfreut«. Da es aber für den Griechen kaum etwas gab, was ihm mehr Freude einhauchte als Lieblichkeit und Schönheit, bekam das Wort die Bedeutung »Anmut, Lieblichkeit, Holdseligkeit«. In diesem Sinne wird es auch verschiedentlich in der Ursprache des Neuen Testaments gebraucht. So sprach Jesus in der Synagoge in Nazareth »Worte der Holdseligkeit« (charitos, Lk 4,22). So sollen die Er lösten ihre Unterhaltungen so führen, daß es dem Hörenden »Holdseligkeit« darreicht, daß es »holdselig sei, zu hören« (Eph 4,29).
Aber auch jede Gunstbezeugung eines Menschen erfreut, in Sonderheit die eines hochgestellten Menschen. So erhält das Wort den Sinn »Wohlwollen, Geneigtheit, Gunst«. Auch in diesem Sinne findet es sich im Originaltext des Neuen Testaments. So hatte die Urgemeinde in Jerusalem »Gunst« (gr. charin) bei dem ganzen Volk (Apg 2,47 vgl. auch Apg 25,3; 2Kor 8,19).
Und wenn es sich schließlich um die Gunstbezeugung eines Königs handelt und wenn diese in der Verleihung von Reichtum, Titeln und Ehrenstellimg bestand, so war dies, bei der Unumschränktheit orientalischer Herrscher, ein Handeln, das nur seinem eigenen Willensentschluß entsprang, also unverdiente Gabe, das heißt, »Gnade«, und zwar eine »Gnade«, die für den Beschenkten dann Fülle, Glanz, Freude und Erhöhung mit sich brachte.
Hier ist die Stelle, von wo aus das Wort dann in der biblischen Offenbarung noch weiter veredelt und verherrlicht wird. Von der Bezeichnung einer irdischen Wohltat wird es zur Bezeichnung einer himmlischen Wohltat emporgehoben, zur Bezeichnung einer Gunstbezeugung Gottes gegenüber dem Menschen, also notwendigerweise des Würdigen gegenüber dem Unwürdigen, des Heiligen gegenüber dem Sündhaften. Damit aber hat das Wort charis jetzt seine biblische Vollbedeutung von »Gnade« erlangt. Es bedeutet eine Liebeserweisung Gottes, die sich in freier Weise entfaltet, ein unverdientes Geschenk, eine freie Gottesgabe und die innere Haltung der göttlichen Liebe, die dies bewirkt. Gott »schenkt« nicht nur Gnade, sondern Er »hat« Gnade und Barmherzigkeit.
So ist »Gnade« im Neuen Testament ein Geschenk, das erfreut. Dieser Grundzusammenhang mit Freude ist an allen Stellen festgehalten. Paulus spricht wiederholt von dem Reichtum, den die Gnade bringt (Eph. i, 7; 1. Tim. r, 14). Wo Gnade ist, kann man aus dem Vollen schöpfen. Ein anderes Mal spricht er von dem Lichtglanz der Gnade (gr. doxa, Eph 1,6); denn sie gibt dem Menschen etwas Strahlendes. Gnade bedeutet niemals bloßes Vergeben, sondern immer zugleich ein unbeschreibliches Geben Gottes, nicht nur eine Streichung von Schulden, sondern ein Schenken von ewigen Himmelsreichtürnern. So führt die Gnade in Gottes Nähe. Sie bringt in die Familie Gottes. Die Gnade ist eine Königin (Röm 5, zi wörtl.) Sie macht die, die sie beschenkt, teilhaftig ihres eigenen Wesens. Sie macht die Begnadigten zu freien Herren, zu einem »königlichen Geschlecht« (1Pet 2,9 ; Off. i, 6), zu Söhnen des Allerhöchsten (Röm 8,14-17). Gnade gibt wahren »Menschheitsadel«. Darum sollen die, die sie empfangen haben, ihrer auch »würdig« wandeln (Phil 1,27; Eph 4,1).
Die Sünde ist das finstere Nein Satans gegen alles echte Leben. Sie will Vernichtung und Zerstörung aller bleibenden Werte. Sie liefert den Menschen, der sich ihr hingibt, der Vergänglichkeit, ja, dem leiblichen, geistlichen, ewigen Tode aus. Sie ist bestrebt, seinen Untergang zu bewirken und ihn auf ewig in Sklaverei, Nacht und Verderben versinken zu lassen.
Der Mensch ist in einem Kerker geboren. Als Glied eines gefallenen und entthronten Königsgeschlechts steht er von Beginn seiner Existenz an im Bann des Bösen. Wohl hat er eine gewisse Freiheit. Er muß nicht jeder Einzelsünde unterliegen, die an ihn herantritt. Aber obwohl er eine Freiheit in der Sünde und unter der Sünde hat, hat er dennoch keine Freiheit von der Sünde. Er hat eine verhältnismäßige Bewegungsfreiheit innerhalb seines Kerkers. Er kann sich gewissermaßen in diesem Kerker den Platz aussuchen, an dem er sich niederlassen will. Aber die Tür des Kerkers sprengen, das vermag er nicht.
Das kann nur Einer! Jesus Christus, der Heilige! Er, der in Seiner Person Selbst außerhalb der Sünde gestanden hat und nun alle befreien kann, die in der Sünde stehen, sich aber von Ihm retten lassen wollen.
Und mit dieser Gabe der Freiheit verbindet Er das Geschenk ewigen Lebens. Wahres Christentum gibt unvergängliche Werte. Es ist, als wenn ein zum Tode verurteilter Rebell vom Richter begnadigt und in die Königsfamilie aufgenommen wird.
Christus enttäuscht nie, aber Er überrascht stets. Er erlöst die glaubende Seele und bringt sie aus dem Elendsverließ des Todes in den Königspalast himmlischen Lebens. Sein Sieg hat Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht. Dies gilt sowohl für den glaubenden Einzelnen wie auch für die von der Schrift geweissagte Vollendung des Heilsplans G ottes im Großen.
»Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; Er, der Sohn Gottes, der machet recht frei, Bringet zu Ehren aus Sünde und Schande: Jesus ist kommen, nun springen die Bande!«
Mit diesem Geschenk unvergänglicher Güter ist zugleich das Gebiet der christlichen Hoffnung berührt. Auch hier erweist der neutestamentliche Glaube seine Überlegenheit über allen Unglauben.I.
80 Prof. Dr. Karl Heim, Weltschöpfung und Weitende. Hamburg 1952.
S. 141. 142. - Das Gleiche bezeugt im 11. Jahrhundert der englische Erzbischof Anselm von Canterbury in seinem Werk „Cur Deus Homo“.↩︎