Zwei Hauptschriftstellen sind es, aus denen, wie uns scheint, der kosmische Erlöserberuf der Menschheit mit besonderer Klarheit hervorgeht. Die eine gehört dem Alten, die andere dem Neuen Testament an. Die erste bezieht sich auf den Menschen vor seinem Fall ( 1Mo 1,26-29), die zweite auf den zu erlösenden Menschen nach seinem Fall (Röm 8,19-22).52
Die erste lautet: »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich, d ie da herrsdien sollen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde und über alles Gewürm, das auf dem Erdboden kriecD. Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde, nach seinem Bilde schuf er ihn; als Mann und Weib schuf er sie. Gott segnete sie dann und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und mehret euch, bevölkert die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen.« Dann fuhr Gott fort: »Hiermit übergebe ich euch alle samentragenden Pflanzen, die auf der ganzen Erde wachsen, und alle Bäume mit samentragenden Früchten, die sollen euch zur Nahrung dienen.«
In diesen Worten ist deutlich die Herrscherbestimmung des Menschengeschlechts ausgesprochen. Zugleich ist damit seine Berufung zum Kulturfortschritt gegeben. Weit davon entfernt, etwas Widergöttliches zu sein, gehören Kulturerrungenschaften gerade zum Paradiesesadel der Menschheit. Erfindungen und Entdeckungen, Wissenschaften und Künste, Verfeinerung und Veredelung, kurz, das Vorwärtsschreiten des Menschengeistes sind durchaus Gottes Wille. Sie sind Besitzergreifung der Erde durch das Königsgeschlecht der Menschheit (1Mo 1,28), Ausführung eines Schöpferauftrags durch Gottes geadelte Diener, gottgeordneter Herrscherdienst zum Segen der Erdwelt. Und nur völliges Mißverstehen der allereinfachsten Offenbarungsgesetze ist imstande, der Heiligen Schrift rückschrittliche Denkart und Kulturfeindschaft vorzuwerfen. Nein, was die Bibel ablehnt, und was das Widergöttliche ist, ist nicht die Kultur an sich, sondern die Gottentfremdung von Millionen ihrer Vertreter, die Himmelsfeme der Sünder, die Rücksichtslosigkeit gegen den Nächsten, der Geist des Hochmuts und der Rebellion, kurz, der Aufruhr gegen den Höchsten. Der Herrscherberuf selbst aber bedeutet Bestimmung zum Kulturfortschritt und ist gottgegebene Schöpfungsordnung.
Vielfach glaubt man, es könne überhaupt kein Paradies gegeben haben, da die Menschheit in ihrem Uranfang sich doch nicht in einem hochentwickelten Kulturzustand befunden haben könne. Dieser Einwand beruht jedoch auf einem Mißverständnis der biblischen Urgeschichte. Nirgends nämlich behauptet die Bibel, daß der Paradieseszustand mit einer kulturellen oder wissensmäßig-geistigen Höhe der ersten Menschen verbunden gewesen sei. Vielmehr berichtet sie ganz unmißverständlich von einer erst hinterher stattfindenden Einführung höchst wichtiger, kultureller und technischer Erfindungen, Musikkunst, Eisenbearbeitung, Städtebau u. a. (1Mo 4,17-22). Wie es noch heute an Wissen und äußerer Zivilisation arme, aber sittlich durchaus hochstehende Menschen gibt, ja, wie äußerlich schlichte Menschen an Herzensbildung viele »Gebildete« oft weit übertreffen (!), so ist auch bei den ersten Menschen sittliche und kulturelle Höhenlage nicht ohne weiteres sofort gleichzusetzen. Das Wesen des Paradieseszustandes war nicht kultureller, sondern sittlicher Art.
Ja, vom biblischen Standpunkt aus kann man sogar nicht einmal von einer eigentlichen, sittlichen »Höhe« der ersten Menschen reden. Standen sie doch in der Paradieseszeit vielmehr erst noch vor der sittlichen Entscheidung, glichen also, trotz ihrer anerschaffenen Reinheit, in sittlicher Hinsicht mehr einem Kind im Unschuldsstande. Daher auch die dem noch kindlichen Denken angepaßte, äußere Form des Verbots, von einem Baum, dem Erkenntnisbaum, zu essen. Alles war eben auf Entwicklung angelegt. Die geistige und sittliche Begabung war vorhanden; aber sie sollte sich erst entfalten.
Der Mensch war zunächst noch ein reines, aber unbeschriebenes Blatt, jedoch begabt mit der latenten Kraft, alles zu werden, was er, nach Gottes Plan, werden sollte. Der Befehl an den neuen Herrn der Erde, sich diese Erde untertan zu machen, war zugleich die Anweisung, sich aus dem Zustand einer anfangsmäßigen, niederen Kultur und eines geringeren Wissens emporzuarbeiten zu allseitiger Beherrschung der Natur und ihrer Kräfte. Die reiche, intellektuelle und kulturelle Begabung des Menschen sollte darum im Verlauf der Folgezeit noch entwickelt werden.
»Es ist im Grunde genommen der Naturforscherberuf, auf den Gott bei diesem Befehl den Menschen hinweist: er sollte die in die Welt gelegten Kräfte erforschen und ihre Erkenntnis benutzen, um sich selbst immer weiter emporzuheben aus dem Kindheitsparadies bis zur höchsten Kulturhöhe« (Prof. E. Dennert).
Wir sehen: Der biblische Bericht und in ihm auch die äußerlich kindlich-schlichte Form des Verbotes stehen durchaus in Harmonie mit dem Gedanken des Vorwärtsschreitens des Menschengeschlechts. Weit davon entfernt, sich gegenseitig zu widersprechen, dient gerade das scheinbar »Anstößige« zur gegenseitigen Bestätigung von Bibel und moderner Natur- und Geschichtsbetrachtung.
Ebenso ist es geradezu eine unentschuldbare Oberflächlichkeit, wenn man der Bibel nachgesagt hat, sie sehe in der Trägheit ein Ideal und in der Arbeit eine Strafe. Denn wohl sagt die Schrift, daß es zur Strafe des sündigen Menschen gehört, daß er im Schweiße des Angesichts sein Brot essen solle ( 1Mo 3,19). Aber damit ist nicht die Arbeit gemeint, sondern die Mühsal der Arbeit, das oft erfolglose Sichabquälen auf dem Acker, der, statt Weizen und Korn, »Dornen und Disteln« trägt. Und gemeint ist die Hast seines Tuns, die Pausenlosigkeit seines Eingespanntseins, die Notwendigkeit, von Arbeit zu Arbeit zu hetzen, wenn er genug Lebensunterhalt verdienen will. Das tägliche Brot soll er nicht nur mit dem Schweiße seines Angesichts erwerben, sondern der Schweiß soll ihm noch auf der Stirne stehen, wenn er es ißt. So kurz sollen seine Arbeitspausen sein!
Damit ist aber die Arbeit selbst noch lange nicht als Strafe bezeichnet. Nicht die Arbeit ist der Fluch, sondern der Fluch fügt der Arbeit die Mühsal und die Enttäuschung hinzu. Die Arbeit selbst gehört vielmehr zur Paradiesesordnung der Menschheit. Der Mensch sollte den Garten »bebauen« (1Mo 2,15), d. h., er sollte arbeiten! Die Erfüllung seines Herrsdierdienstes sollte ihm nicht in den Schoß fallen. Er sollte sich bemühen und seine Kräfte anstrengen. Er sollte etwas leisten und dadurch seiner königlichen Berufsbestimmung gerecht werden. Wenn je irgendwo vom »Adel der Arbeit« geredet wurde, dann gleich an dieser Stelle am Anfang der Bibel, und zwar hier geradezu programmartig! Durch Arbeit sollte das Adelsgeschlecht der Menschheit seinen Königsberuf erfüllen. Arbeit ist etwas Paradiesisches!
Zugleich ist mit diesem allem gesagt, daß der tatsächliche Eintritt in die von Gott dem Menschen zugesagten Rechte kein sofortig gegebener, sondern ein allmählich fortschreitender sein sollte. »Machet sie euch untertan.« Von dem Paradiese ausgehend, sollte des Menschen Königtum wachstümlich die ganze irdische Schöpfung in den Bereich seines Wirkens und Waltens hineinziehen. Die paradiesische Herrscherwürde des Menschen war also keine sogleich fertige, sondern nur eine potentielle und prinzipielle. Die Offenbarung war von vornherein auf Entwicklung angelegt.
Darum war auch die Leiblichkeit der ersten Menschen zunächst noch nicht im Zustand der absoluten Vollendung geschaffen. Paulus sagt von dem Leibe Adams, er sei nur ein »psychischer« (seelischer), nicht aber ein »geistiger« Leib gewesen. Hierbei spricht er - wie der Zusammenhang beweist - nicht von der erst später durch den Sündenfall bewirkten Verderbnis, sondern von dem ursprünglichen Schöpfungszustand der Leiblichkeit der ersten Menschen. Erst in dem Maße, wie sich auf sittlichem Gebiete Adams anerschaffene Reinheit zu bewußt frei eigener Willensheiligkeit erhob, konnte auch, physisch, sein natürlich-seelischer Leib in einen geistigen umgestaltet werden.
»Der erste Mensch, Adam, ward eine lebendige Seele, der letzte Adam (Christus) ein lebendig machender Geist. Aber das Geistige war nicht zuerst, sondern das Natürliche, danach das Geistige« (1Kor 15,45-47).
Vor dem Sündenfall war der Leib des Menschen zwar nicht »sterblich«, denn er »mußte« nicht sterben. Aber er war auch nicht »unsterblich«; denn er »konnte« sterben, falls die Sünde eintreten würde, was dann auch geschehen ist. Durch den Genuß der Früchte vom Lebensbaum sollte nun diese psychische (seelische), sterbensfähige (nicht »sterbliche«) Leiblichkeit des Menschen auf sakramental-organischem Wege in eine pneumatische (geistliche) und in vollem Sinne unsterbliche verklärt werden (1Mo 3,22.23). So groß und schier unfaßbar die Herrlichkeit des Paradieses auch war, so stellte sie doch nur erst den Anfang einer noch gewaltigeren Aufwärtsentwicklung dar. Adams Weg begann in Herrlichkeit; aber er sollte noch weitergehen »von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.«
52 Für die zweite Stelle: Röm 8,19-22 , vgl. S. 122 .↩︎