Schriften von Erich Sauer
Gebrauch und Mißbrauch seiner Königsherrschaft über die Natur durch den MenschenGebrauch und Mißbrauch seiner Königsherrschaft über die Natur durch den Menschen
Im allgemeinen sind wir geneigt, weltgeschichtliche Ereignisse da zu suchen, wo sie in großen politischen, völkergeschichtlichen und militärischen Umwälzungen offensichtlich zutage treten. Tatsache aber ist, daß es nur wenigen Feldherren und Politikern, Königen oder Kaisern gelungen ist, die Entwicklung der Menschheit so stark und nachhaltig zu beeinflussen, wie es die Physik und Naturforschung seit einigen Jahrhunderten, namentlich seit Kopernikus, Kepler und Newton, zu tun vermochte und in der Folgezeit bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt hat und fortsetzt. In den Laboratorien der Gelehrten, abseits vom Geräusch von Politik und Kriegsgeschichte, ist immer wieder die Welt der Zukunft vorbereitet worden, und der Physiker von heute war noch immer der Vater der Technik von morgen und damit zugleich der Gestalter des äußeren Lebens von Millionen.
Zu einem neuen besonderen Aufbruch von Physik, Technik und damit der praktischen Herrschaft des Menschen über die Natur kam es seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Er begann mit der Erfindung der Dampfmaschine durch den Schotten James Watt (1764), durch die das ganze Leben des Abendlandes revolutioniert und in neue Bahnen gelenkt worden ist.
Gewaltige Fortschritte brachten das 19. und 20. Jahrhundert. Mathematiker, Entdecker und Erfindergenies, wie Stephenson, Gauss, Edison, Ampere, Faradey, Daimler, Röntgen, Madame Curie, Max Planck, Albert Einstein sind nur einige der hervortretendsten Namen. Die Zahl selbst ist unübersehbar. Mit ihren Erfindungen von Eisenbahn (1825), Erforschung und Auswertung der Elektrizität (für Wärme, Licht, Telegraphie), der Entdeckung des Radiums, war eine vollständig neue Ära im gesamten Kulturleben eingeleitet.
Durch die von diesen Forschem vorwärtsentwickelte Beherrschung der Natur reicht der Arm der modernen Technik bis in die entferntesten Gegenden aller Länder und Kontinente.
Im Jahre 1919 gelang es dem englischen Physiker Sir Ernest Rutherford (1871- 1937) als erstem Menschen, durch »Beschießung« mit einem Heliumkern, planmäßig und nachweisbar ein Atom zu sprengen. »Die Sekunde, in der dies geschah, war die erste Sekunde des Atomzeitalters.« 1939 gelang es dem deutschen Atomforscher Otto Hahn, zum ersten Mal einen Uran-Atomkern zu spalten und damit die Atomtechnik zu begründen.
Aber auch in der vorangegangenen Zeit hat der Mensch Hervorragendes geleistet. In seiner gesamten, Jahrhunderte, ja Jahrtausende langen Entwicklung war er stets bestrebt, seine Königsherrschaft über die Natur praktisch zu verwirklichen.
Er gestaltet im Reich der Materie und schafft Bauten wie die Pyramiden und die Riesentempel von Luxor und Karnak in Alt-Ägypten, das Parthenon in Athen, das Kolosseum in Rom. Er errichtet Dome, wie die Hagia Sophia in Konstantinopel, die Peterskirche in Rom, die St. Paul’s Kathedrale in London, die himmelan-strebenden Dome in Köln und Mailand. Er führt Stahlkonstruktionen und Steinbauten auf, wie den Eiffelturm in Paris (300 Meter), das Empire State Building in New York (102 Stockwerke), das Merchandise Mart Building in Chicago, dieses - mit seinen 143 Morgen Gesamtbodenfläche unter einem Dach - allergrößte Haus der Welt.
Er bearbeitet den toten Marmor und gestaltet aus ihm Kunstwerke wie die Pallas Athene und die Zeus-Statue des Phidias, den Hermes des Praxiteles und - am Anfang der Neuzeit - den David, den Mose und die Pieta des Michelangelo.
Er beherrscht das Reich der Farben und schafft Meisterwerke wie die Sixtinische Kapelle und die Madonna des Raffael, das »Abendmahl« des Leonardo da Vinci, die Bilder eines Rubens und Rembrandt.
Er durchdringt die Weiten des Raumes. Seine Eisenbahnen durcheilen die Länder, seine Flugzeuge die Lüfte. Seine Schiffe durchkreuzen die Ozeane. Telefon und Telegraf tragen seine Botschaften über Land und Meer. Ja, er stößt in den Weltraum vor, in der Richtung zum Mond. Der Mond gehört heute zu den ganz praktischen Problemen der Techniker und Laboratorien. Der erste künstliche Sonnenplanet des Menschen erreicht - am Mond vorbei - den Raum zwischen Mond und Sonne (1958).
Er beherrscht das Reich der Töne und zaubert aus ihm die herrlichsten Melodien hervor. So Beethoven’s Nermte Symphonie, Bach’s Orgelwerke und Choräle, Mozart’s schwingende Violinkonzerte, Haendel’s Oratorien und das Große Halleluja.
Er erforscht das Reich des Lebens in Naturwissenschaft und Medizin.
Er meistert, in stets zunehmendem Maße, sogar die unsichtbaren Naturkräfte: die Elektrizität, die Radiowelle, die Atomenergie.
Es ist völlig unmöglich, auch nur die allerhöchsten Spitzenleistungen entsprechend aufzuzählen oder gar zu würdigen.
Zugleich aber vollzieht der Mensch mit seinen Erfindungen und Entdeckungen einen katastrophalen Mißbrauch. Schon seit ältesten Zeiten benutzt er das Eisen und das Feuer als Vernichtungswaffe.
Mit der Auslösung und Auswertung der Atomenergie kündigt sich für die Geschichte seines Geschlechts eine Umgestaltung an, die geradezu apokalyptischen Charakter trägt. Durch die Anwendung der Technik, namentlich der Atomphysik, werden dem Menschen Mittel in die Hand gegeben, die alles bisher Dagewesene unvergleichlich übertreffen. Die technische Entwicklung kann, nachdem sie sich nun einmal in ihrem Neuaufbruch befindet, nicht mehr abgestoppt werden. Der Mensch aber steigert, durch Missbrauch dieser seiner Herrschaft über die Natur, zugleich auch die Methoden seines Kampfes um die Herrschaft übereinander. Wie schon bei so vielen Erfindungen der Vergangenheit zeigt sich nun auch in der Gegenwart - und zwar jetzt in ganz besonderer, geradezu dramatischer Weise – das rätselhafte und verhängnisvolle Doppelgesicht seiner praktischen Anwendung der Naturkräfte.
»Wir leben im ersten Aufdämmern eines neuen Zeitalters. Seine Geburtswehen sind ebenso grauenhaft wie großartig. Binnen Sekunden verbrannten sie ganze Städte zu Staub und binnen Tagen beendeten sie das furchtbarste, größte und sinnloseste Völkerringen, das jemals das Gefüge der Kulturen der Erde erschüttert und verwüstet hat. Das Atom ist der Schrecken und die Hoffnung der Welt … Die Wissenschaft hat seit den Erkenntnissen Einsteins und Plancks ihr physikalisches Weltbild grundlegend umgestalten müssen. Die Technik erwartet von der Atomkraftmaschine die Befreiung der Menschheit von Not und Plage. Romantiker warnen vor der Entfachung eines Atombrandes, der vielleicht unlöschbar werden und unseren Planeten zerstören könnte. Philosophen erblicken im Eindringen des Menschen ins Innerste der Materie eine Vermessenheit, die an den von Gott gesetzten Grenzen rüttelt. Staatsmänner treten zu Weltkonferenzen zusammen, um zu beraten, wie einem Mißbrauch der Atomenergie vorzubeugen wäre. Generäle erklären, daß Heere und Flotten im Begriff seien, ihren Sinn zu verlieren, da es gegen die Großmacht des Atoms keine Abwehr mehr gäbe. Die ganze Welt ist in Erregung geraten durch ihr winzigstes Ding: das Atom.«59
Dazu kommt ein Zweites.
Die Erfindungen und Entdeckungen, Geographie und moderne Technik ermöglichen dem Menschen einen W eltverkehr (Eisenbahn, Auto, Flugzeug, Ozeandampfer), einen allgemeinen Gedankenaustausch (Buchdruckerkunst, Weltpost, Radio, Telefonie, Telegrafie) und eine umfassende Zusammenarbeit durch gegenseitigen Einkauf und Verkauf seiner industriellen Produkte, sodaß es immer mehr zu einem Näherrücken der Völker kommt. Zum ersten Mal wird die Menschheitsgeschichte aus ihrer bisherigen Vielheit von Völkergeschichten zu einer einheitlichen »W eltgeschichte. Der Erdball ist »klein« geworden. Alles ist jetzt ein gemeinsamer Schauplatz. Unter Umständen kann ein verhältnismäßig geringfügiges Einzelereignis in irgendeinem vorderasiatischen Kleinstaat zu entscheidenden Er eignissen für die Gesamtmenschheit führen.
Was schon Friedrich Nietzsche vorausgesehen hatte, tritt nun in unserer Gegenwart ein. Jetzt geht das Ringen der Völker nicht nur um die Vorherrschaft in Ländern oder Kontinenten, sondern um die tatsächliche Herrschaft über die Erde insgesamt. Jetzt geht es - politisch und wirtschaftlich, weltanschaulich und kulturell - um die Frage, wer »König der Erde« sein soll! Jetzt ist es nicht mehr nur eine Auseinandersetzung zwischen Einzelvölkern oder Völkergruppen, sondern es handelt sich in zunehmendem Maße um die Auseinandersetzung aller gegen alle um alles! Zum ersten Male in der Geschichte des Menschengeschlechts geht es seit der Mitte des 20. Jahrhunderts um das Transkontinentale, Globale, Irdisch-Universale. (Lat. globus, Erdkugel.)
Unser Planet Erde ist zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit als Einheit und Totalität zum Gegenstand einer technischen, politischen, kulturellen Planung geworden.
Am Schluß aber soll nur Einer als Sieger auf dem Plan stehen, und dieser Eine ist dann der »König der Erde«, dabei aber zugleich der endgeschichtliche Weltkönig, der von der Bibel geweissagte »Antichrist«. Durch den Mißbrauch von Technik und Industrie, Rundfunk und Presse, Wirtschaftsführung und Politik bereiten die Völker der Gegenwart in rasendem Tempo gerade heute die ganz buchstäbliche Erfüllung der neutestamentlichen Prophetie vor.
Dann aber wird Christus erscheinen und den »Universal-Sieger« besiegen und in Wahrheit der ewigbleibende, menschheitsbeglückende »König der Erde« sein und das Gottesreich wird das gottlose Weltreich zerschmettern (Dan 2,34.44.54; 2Thes 2,8; Off 13,7; 18; 19, I i - 21).
»Das atemberaubende Zeitgeschehen unserer Tage weist erneut auf das prophetische Wort der Heiligen Schrift hin. Über allem irdischen Geschehen läuft Gottes Plan von der Schöpfung bis zur Vollendung« (Dr. Paul Müller). 60
Die eigentliche Schuld an dieser selbstherrlichen, selbstmörderischen Entwicklung trägt nicht die Physik und Technik an sich, sondern das Versagen der Moral des menschlichen Herzens. Der Physiker und Naturwissenschaftler selbst ist der Forscher, der einfach um der Erkenntnis und Wahrheit an sich willen in die Zusammenhänge der Natur einzudringen bemüht ist. Es ist erst die praktische Anwen-dung im Kampf aller gegen alle, die sie zu einem Werkzeug der Zerstörung und des Massenunglücks werden läßt. «Die Entscheidung über Unheil und Glück, über Krieg und Frieden fällt nicht im Innern der Atome, sondern im Herzen des Menschen« (W. O. Gail).
Und doch ist gerade diese unsere eigene Zeit beschenkt worden mit Erfindungen und Entdeckungen, wie sie, in diesem ihrem Ausmaß, nur mit der Entdeckung der Verwendbarkeit des Feuers in den Uranfängen der Menschheitsgeschichte vergleichbar sind. Sie hat Möglichkeiten verspielt und verspielt sie dauernd weiter, wie diese noch nie eine Menschheitsperiode seit Adam und Eva gehabt hat. Wahrlich, bei allem Studium auf Hochschulen und Universitäten bleibt das Wort des nordamerikanischen Evangelisten Billy Graham zu Recht bestehen: »Unsere Generation wird in die Geschichte eingehen als die Generation der Torheit.«
So ist der Mensch, trotz glanzvollster Leistungen an Kunst und Wissenschaft und höchsten, idealen Strebens ungezählter Einzelpersönlichkeiten unter allen Völkern, - auf das Ganze gesehen - doch immer wieder geradezu schändlich mit Gottes Gaben und Gottes Naturkräften umgegangen. Er hat »König der Erde« werden wollen, aber unter gleichzeitiger Ablehnung des »Königs des Universums«. Er hat die Herrlichkeit und Kraft Gottes in der Natur mißbraucht zu seiner eigenen Machtgier und Selbstverherrlichung. Damit aber ist er, statt »König« zu sein, Revolutionär geworden und, statt seine Erhöhung zu erreichen, befindet er sich auf der Bahn der Selbstvernichtung. Das Endergebnis ist nicht Menschheitsbeglückung, sondern universale Katastrophe (Off 19,19-21)! Unglaube ist Selbstmord von Illusionisten, die die Wahrheit Gottes für Illusion und ihre eigenen Illusionen für die Wahrheit halten. Dies ist die geistige Situation von Millionen am Anfang des Atomzeitalters.
Dennoch hält Gott, bei allem Versagen des Menschen, an Seinen Heilsgedanken fest und bringt sie in Christus zur Durchführung. Der Mensch ist und bleibt der Gegenstand Seiner höchsten Liebesabsichten. In diesem Sinne bleibt die Adelsstellung und Königsberufung des Menschen bestehen.VI
59 W. O. Gail „Der Griff nach dem Atom“. München 1947 . S. 38.71 .↩︎
60 Dr. Paul Müller, Schöpfung, Wunder, Unsichtbare Welt. Metzingen 1958.↩︎