OHNE WILLENSFREIHEIT - KEIN MENSCHHEITSADEL
Und doch! Diese herrliche Welt, die so schön und harmonisch aus der Hand des ewigen Schöpfers hervorgegangen war, bietet in ihrem gegenwärtigen Zustand das Bild eines Schlachtfeldes dar. Ein gewaltiges Ringen zwischen gegnerischen Mächten erfüllt die Geschichte des Weltalls. Es ist der gigantische Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis, Satan und Gott!
Und der Mensch, der zum Königtum und zum Adel bestimmt ist, ist zum Kämpfer geworden. Und wie oft ist der König ein Knecht geworden! Statt Herrschaft Sklaverei, statt Königtum Sündendienst, statt Adel Entehrung!
Aber wie ist dies möglich? Wie konnte Gott überhaupt eine solche Weltsituation zulassen? Warum hat Er das Auftreten des Bösen nicht von vornherein verhindert? Ist, was unsere Erde und unser Menschentum betrifft, die Zulassung einer Unvollkommenheit und Bosheit in der Welt nicht von vornherein eine Verhinderung, ja Zerstörung wahren, praktischen Menschheitsadels?
Ist das Vorhandensein der Sünde nicht ein schreiender Widerspruch gegen den Begriff und das Dasein eines lebendigen Gottes? Gegen Seine Allmacht, die ihr Entstehen und Andauern doch hätte verhindern können? Gegen Seine Liebe, die all jenes Leid, das die Sünde gebracht hat, doch nimmer gewollt haben kann? Und gegen Seine Allwissenheit, die doch ewig im Voraus erkannt haben muß, daß viele von etwaig freien Geschöpfen den Weg des Verderbens und Abfalls beschreiten würden? War es da nicht das einzig Mögliche, von vornherein auf die Erschaffung solcher Wesen überhaupt zu verzichten? Warum aber hat Gott dennoch den rein und gut erschaffenen Menschen die Möglichkeit gegeben, zu sündigen? Heißt das nicht, daß Er, wenn zwar auch nicht die Wirklichkeit, so aber doch bestimmt die Möglichkeit der Sünde geradezu gewollt hat?
Allerdings! Und wir scheuen uns durchaus nicht, es offen zu bekennen: Gott hat zwar nicht die Sünde gewollt; aber Er hat ihre Möglichkeit und Zulassung auch nicht nichtgewollt. Vielmehr beweist die Tatsache, daß Er sie geschehen ließ und nicht verhinderte, daß Er ihre Zulassung gewollt hat.
Aber stehen wir damit nicht vor dem Abgrund des Atheismus? Löst sich damit nicht die Gottesidee in sich selber auf?
Für viele ist dies Problem ein Stein des Anstoßes geworden. Manche sehen darin den Felsen, an dem die ganze Botschaft der Bibel zerschellt; ist doch der Sündenfall eine der Angeln, in welchen sich die ganze christliche Erlösungsgeschichte bewegt. Wieder andere haben zwar gläubig anerkannt, daß der Grund der Zulassung des Sündenfalls in Gottes eigenem Wesen und allweisem Ratschluss liege, aber sie haben diesen als unerforschlich betrachtet. Es sei genug, zu wissen, daß der weise und allmächtige Gott der Liebe es so für gut befunden habe; nach dem inneren Grunde hierfür solle der Mensch gar nicht fragen.38
Diese Antwort des Verzichts hat aber nicht alle befriedigt, und so wurden dennoch Versuche zur Lösung des Problems gemacht. Wir halten dies auch für berechtigt, solange das sinnende Denken sich von der eitlen Philosophie der Menschen fernhält39 und jeden Gedanken gefangen nimmt unter den Gehorsam Christi (2Kor 10,4.5). Christuserlöstes, schriftgebundenes Nachdenken ist keine Philosophie. In der Tat glauben wir, daß ein solches, von den Voraussetzungen der Offenbarung ausgehendes und stets in seinen Folgerungen am Schriftganzen kontrolliertes Nachsinnen bis in das Zentrum der Frage hinführen kann. Und wenn dieses dann in Gott Selbst liegt, so daß hier alles Endliche verschlungen wird in das Unendliche, so haben wir allerdings demütig zu bekennen, daß das Mysterium »Gott« dem begrenzten Verstande der Kreatur stets unerfaßbar ist; aber wir haben dann jedenfalls die Erkenntnis gewonnen, daß die Zulassung der Sünde in keiner Weise, schon verstandesmäßig betrachtet, dem Gottesbegriff widerspricht.
Eins muß bei der Behandlung dieser Frage allerdings von vornherein klar ausgesprochen werden: Die Entstehung der Sünde selbst ist restlos unerklärbar, das heißt, die Frage, wie in einem rein und gut erschaffenen Wesen, ohne eine Versuchung von außen her, zum allerersten Male ein böser Gedanke und eine böse Tat überhaupt aufkommen konnte (vgl. Röm 11,34; Hiob 8,9; 38,4). Wenn wir darum im Folgenden versuchen, über diese Fragen noch tiefer nachzusinnen, so kann es sich nur um die Gründe der göttlichen Zulassung der Sünde handeln.
Unsere Frage zerfällt in drei Teile: Wie verhält sich die Zulassung der Sünde zu Gottes Allmacht, zu Gottes Liebe und zu Gottes Heiligkeit?
38 So z. B. Luther, ebenso die altreformierten Dogmatiker. „Hoc tarn ex- celsum, ut nihil responderi possit, nisi quia placet Deo.“ (Dies ist so erhaben, daß nichts anderes geantwortet werden kann, als: „Gott hat es so gewollt“, Luther.)↩︎
39 Vgl. Kol 2,8; 1Kor 1,19-2 0 .↩︎