Wenn es einen persönlichen Gott gibt - und die außer- und innermenschliche Welt ist voll von Hinweisen und Zeugnissen Seiner ewigen, tatsächlichen Existenz - , dann muß Er die personhafte Fülle aller Vollkommenheit, der Inbegriff alles Edlen, das allerhöchste Gut sein oder, biblisch ausgedrückt, der Lebendige, Heilige und Alliebende. Und als Schöpfer und Weltherr muß Er zu allen Seinen Werken in Beziehung stehen. Er hat ein Anrecht auf sie und kann sie zur Verantwortung ziehen, und nur soweit sie in Verbindung mit Ihm stehen, sind sie teilhaftig wahren Lebens.
Vom Wesen der Sünde.
Hier aber bricht nun das gewaltige Problem auf. Gott ist der Heilige, und wir sind die Unheiligen. Gott ist der Reine, und wir sind die Unreinen. Gott ist der Freie, und wir sind die mit tausend Ketten und Banden Belasteten.
Darum aber kann es eine wahre und innere, geistige und geistliche Verbindung zwischen Gott und uns gar nicht geben. Denn der Heilige kann nicht mit Unheiligem Gemeinschaft haben (1Joh 1,5). Sünde ist Loslösung von Gott, Mißbrauch der Willensfreiheit, Empörung des geschöpflichen Einzelwillens gegen den Willen der göttlichen Weltordnung. Sie ist der Versuch des Geschöpfes, sein eigenes, persönliches Ich zum absoluten Selbstherrscher zu machen, zum Mittelpunkt der eigenen, kleinen Welt seiner Persönlichkeit (des Mikrokosmos) wie auch zum Mittelpunkt der ihn umgebenden, äußeren Natur (des Makrokosmos).
Damit aber hat sich der Mensch in die Gottesferne begeben. Alles andere verläuft jetzt schicksalhaft. Denn Gott ist der Lebendige, ja, der Urquell alles Lebens. Loslösung von Ihm ist darum Loslösung vom Leben, also Sterben und Untergang, geist-seelisch-leiblicher Tod. Der Tod ist darum nicht nur die »Strafe« der Sünde - »Der Tod ist der Sünde Sold« (Röm 6,23) - , sondern liegt im Wesen der Sünde selbst, und es zeigt sich auch hier wieder die eherne Logik der biblischen Verkündigung.
In dieser Lage kann Selbsterlösung nicht helfen. Sie wäre der Versuch, ohne die Quelle des Guten selbst gut zu sein. Sie ist das Unterfangen, mit den Leistungen des alten Menschen einen neuen Menschen aufzubauen. Sie ist die Unmöglichkeit, mit endlichen Kräften den Unendlichen zu erreichen.129
Nein, wenn es eine Erlösung geben soll, muß sie von Gott kommen. Der Unendliche muß sich zum Endlichen, der Heilige zum Sünder herabneigen. Nur so kann die Kluft überbrückt werden, die Gottheit und Menschheit voneinander trennt
Die Notwendigkeit einer Strafgerechtigkeit und Sühne.
Dann aber muß diese Erlösung in Übereinstimmung mit dem göttlichen Wesen sein. Mit der Sünde muß richterlich gehandelt werden. Dies verlangt Gottes Heiligkeit. Wiederaufnahme des Gemeinschaftsverkehrs mit dem abgefallenen Sünder ohne tatsächliche (objektive) Schuld- und Sündentilgung wäre eine Gemeinschaft zwischen Licht und Finsternis, zwischen Heiligem und Unheiligem, also unvereinbar mit der göttlichen Vollkommenheit (1Joh 1,5; Jak 1,17; 2Kor 6,14).
Weiterhin verlangt dies aber auch die göttliche Ehre. Gottes Heiligkeit muß nicht nur im Wesen des Schöpfers, sondern auch im Bewußtsein der sittlichen Geschöpfe unversehrt festgehalten werden. Darum kann die Sündenvergebung nicht einfach ein »Annullieren« der Schuld sein, ein Akt schwacher Gutmütigkeit eines »lieben Gottes«. Die sittliche Kreatur würde ja sonst das Bewußtsein von der Gerechtigkeit und Majestät Gottes verlieren. Sie könnte nicht mehr Achtung vor einem Gott haben, der wie ein schwacher Vater Eli wäre, ein »Allerwelts-himmlischer-Vater«, der nur Vater und nicht Richter, nur »Liebe« und nicht Heiligkeit wäre. Einen solchen »Gott« braucht man jetzt allerdings auch nicht mehr zu fürchten, sondern kann Ihn, trotz aller Sünden, wohl »lieben«, aber eben nur deshalb, weil er überhaupt nicht mehr Gott ist, sondern ein leeres Phantom, ein Produkt phantastischen Wunschtraums, ein eingebildeter, selbstgemachter, wesenloser Götze! Nein, auch in Seinem Heil muß Gottes Heiligkeit festgehalten werden. Die Rechtfertigung des Unheiligen kann niemals durch einen Rechtsbruch seitens des Heiligen bewirkt werden. Darum muß richterliche Behandlung der Sünde erfolgen.
Damit aber wird das Gericht zur Rechtfertigung der Gnade, die Sühne zur Apologie der Versöhnung, der Vollzug des Strafurteils zur Theodizee der Erlösung, »zur Erweisung seiner Gerechtigkeit. . . daß er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesum ist« (Röm 3,25.26 vgl. Nahum 1,3). So muß Gott mit der Sünde richterlich verfahren, nicht nur um Seiner innergöttlichen Heiligkeit, sondern auch um Seiner innergeschöpflichen Ehre und Autorität willen.
Schließlich aber verlangt dies auch das Wohl des Menschen selbst.
Eine Versöhnung mit Gott ohne tatsächliche Sühne würde den Menschen auf die Bahn des sittlichen Leichtsinns führen. Das Aussprechen der Vergebung durch Gott wäre ja dann nur eine Formsache. Sicher wäre sie ja in jedem Fall! Der Mensch aber würde die Trauer um die Sünde schon vorher aus sich verscheuchen, noch ehe ihm Gott die Seligkeit wiederherstellt. Er würde also gleichsam die Sünde sich selber vergeben, noch ehe Gott sie ihm vergibt! Ja, wenn er in seiner Gottferne bis zum letzten Punkt folgerichtig durchdenkt, würde er sein Gewissen einfach von sich werfen. Denn wozu sollte er sich dann noch um diesen ernsten, inneren Mahner überhaupt kümmern, wenn es sich schließlich ja doch gleich bliebe, ob er heilig oder unheilig, gut oder böse gehandelt hat? »Gott hat zu vergeben. Das ist sein métier (Geschäft)!« (Voltaire).
Damit aber würde seine Freiheit zur Zügellosigkeit, seine Sündenliebe zur Sündenbegeisterung, seine Unerlöstheit zur Unerlösbarkeit. Die schöpfungsmäßige Verbindung von Sittlichkeit und Glückseligkeit wäre grundsätzlich zerschlagen. Das wesensnotwendige Sittengesetz der Moral, der hineingeschaffene »kategorische Imperativ« der Pflicht, die anerschaffene Anlage zum »Menschheitsadel« wäre aufgelöst und vernichtet, und der Mensch würde aufhören, überhaupt noch ein sittliches Wesen zu sein. Mörder seiner Seele und seines Gewissens aber wäre jenes weichliche, sühnelose, nur scheinbare »Erlösungs«prinzip gewesen!
Der einzige Ausweg wäre, daß Gott in solchem Fall dem Menschen den Willen sofort und unmittelbar aus einem bösen in einen guten umwandelte. Doch dann wäre dieser überhaupt gar kein »Wille« mehr, sondern nur ein unfreier »Scheinmoral-Mechanismus«. Nichts anderes wäre erreicht als Aufhebung der sittlichen Freiheit, Abschaffung des menschlichen Willens und damit Herabwürdigung des Menschen zu einem Wesen, das nicht viel mehr wäre als ein höher begabtes, komplizierter organisiertes Tier. So würde auch von dieser Seite aus der Mensch aufhören, überhaupt noch ein sittliches Wesen zu sein, und von wahrem »Menschheitsadel« könnte auch jetzt nie mehr die Rede sein.
Wir sehen: Von wo aus man auch an diese Fragen herantreten mag: Überall bestätigt sich die eherne Notwendigkeit, daß es Versöhnung nur auf der Grundlage von Sühne, Begnadigung erst nach richterlicher Ordnung der Sündenfrage, Offenbarung des Heils erst nach Offenbarung der Strafgerechtigkeit geben kann. Hierbei muß diese Strafgerechtigkeit, wenn der Sünder nicht vernichtet werden soll, sidi an einem Stellvertreter vollziehen.
Dann aber liegt es im Wesen einer solchen Gerechtigkeit, daß die Sühne der Schuld entsprechen muß. Und da die Sünde, ihrem Wesen nach, »Tod« ist, muß auch die Sühnung im Tode bestehen. »Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung« (Heb 9,22). Nur so kann das wahre Leben wiederhergestellt werden. Die Erlösung muß darin bestehen, daß der Tod, dieser große Feind des Menschen, zum Mittel der Errettung gemacht wird, und das, was die notwendige Fortsetzung und Strafe der Sünde ist, muß zum erlösenden Ausweg aus der Sünde werden« (Eph 2,16). Nur durch den Tod kann dem Tode der »Tod« bereitet werden (Heb 2,14). Die vielgehaßte
»Bluttheologie« der Bibel erweist auch hier ihre Unausweichlichkeit und Notwendigkeit! «Musste nicht Christus solches leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?« (Lk 24,26.46).
Um dies Heilswerk zu vollbringen, sandte Gott Seinen Sohn. Christus erschien und ging freiwillig in den Tod. Er ward gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuz (Phil 2,8). An Ihm als unserm Stellvertreter und Bürgen hat Gott nun die ganze Wucht Seines heiligen Gerichts über die Sünde sich auswirken lassen, so daß jetzt jeder, der an Ihn glaubt, das freie, ewige Heil erlangen kann.
Warum kann nur eine Person der Gottheit die Erlösung vollbringen?
Ohne daß jemals ein Mensch dies Mysterium restlos erklären kann, weisen wir auf drei wesenhafte Gründe hin:
Der erste ist der moralische. Es ist die Großmacht der Sünde, die nur von einer Gottheit gebrochen werden kann. Nicht zu Unrecht sagt Albert Einstein, der bekannte Physiker, in einem 1948 gehaltenen Vortrag: »Es ist einfacher, die Zusammensetzung des Pluto-niums zu ändern (das heißt, Atomzertrümmerung zu vollziehen), als den bösen Geist eines Menschen zu vertreiben.«130
Der zweite Hauptgrund ist juristischer Natur. Kein anderer als Gott Selbst kann das Sühnopfer stellen. Denn weil es sich bei der Sünde um Rebellion gegen Gott, also um eine Auflehnung gegen den Unendlichen selbst, handelt, ist sie auch eine unendliche Schuld und bedurfte einer unendlichen Sühnung. Dies aber konnte nur durch ein unendliches Wesen, also Gott Selbst, bewirkt werden.
Der dritte, entscheidende Grund ist der schöpferisch-dynamische. Der Sünder ist ja nicht nur seiner Lebensgeschichte nach sündig, sondern seinem ganzen Wesen nach, nicht nur in seiner Willensrichtung, sondern in seiner ganzen, geistigen Substanz. Darum muß er ein »neuer Mensch« werden (Eph 4,22-24; Kol 3,9.10). Er muß »von neuem geboren werden« (Joh 3,3.5). So handelt es sich also nicht nur um Ausstreichung der alten Schuld und bloße Umlenkrmg des Willens in eine neue Lebensrichtung, sondern um »Lebendigmachung« des geistlich Toten (Eph 2,3.6), um ein »Geborenwerden aus Gott« (1Joh 3,9; Tit 3,5), um Neugeburt und Umgeburt, also um eine schöpferische Erneuerung des ganzen Menschen selbst (2Kor 5,17). Schöpferische Kräfte aber hat nur Gott Selbst. Darum konnte kein Geschöpf - kein Mensch oder Engel - , sondern nur eine Person der Gottheit dieses Neuschöpfungswerk vollbringen. Die Erlösung mußte von einem göttlichen Erlöser durchgeführt werden.
Diese Person der Gottheit ist der ewige Sohn. Der Sohn ist, als der Eingeborene des Vaters, infolge ewigkeitlicher Zeugung, die Selbstausstrahlung der Gottheit nach innen und oben, zu ihr selber hin (Joh. i, 1). Darum ist Er auch, im Verhältnis zur Kreatur, die Selbstausstrahlung der Gottheit nach außen und unten hin, das heißt, der Mittler des Heilsratschlusses, das »Wort«, das Gott spricht (Joh 1,1.14), der Offenbarung aller Lebens- und Liebesgedanken des ewigen Gottes. »Niemand kommt zum Vater als nur durch midi« (Joh 14,6).
Heilsbesitz und Heilsfreude in Christus.
Solange der Mensch diesen Erlöser nicht erlebt, bleibt er in den Banden des alten Seins. Erst die persönliche Annahme der Heilstat von Golgatha öffnet ihm den Weg ins neue Leben. »Die Erkenntnis Gottes ohne die Erkenntnis unseres Elends macht hochmütig. Die Erkenntnis unseres Elends ohne die Erkenntnis Gottes führt zur Verzweiflung. Die Erkenntnis Christi ist das Vermittelnde; denn in Ihm finden wir Gott und unser Elend« (Pascal).
In der Liebestat Gottes in Christo Jesu finden wir die Erlösung von unserm Elend. Das ist die Erkenntnis, wie sie die Offenbarung uns lehrt, und unser Herz und Gewissen sagt Ja und Amen dazu. In Christus, dem Heilsvermittler, dem Haupt der neuen Menschheit, erlebt der Mensch in Wahrheit den Weg zu Sündenfreiheit und »Menschheitsadel«.
Zu den größten Naturforschern aller Zeiten gehören Kopernikus, Kepler, Newton. Von ihnen erklärt der Nobelpreisträger Prof. Max Planck, daß gerade sie ein Beweis dafür sind, wie tiefste Religiosität und wissenschaftliche Forschung durchaus miteinander verträglich sind.
In Thorn, Westpreußen, sah der Verfasser dieses Buches die alte Johannes-Kirche. Vor ihr steht das Denkmal des Kopemikus, dessen Geburtsstadt Thorn gewesen war. Auf dem Stein seines Grabes in der Domkirche der ostpreußischen Hafenstadt Frauenburg steht die von Kopernikus selbst verfaßte, lateinische Inschrift:
»Nicht die Gnade, die Paulus empfangen, begehr’ ich. Noch die Huld, mit der Du dem Petrus verziehen:
Die nur, die Du am Kreuze dem Schächer gewährt hast, Die nur erfleh ich.«131
Als Kepler in den letzten Stunden seines Lebens gefragt wurde, worauf er seine Hoffnung setze, antwortete er in voller Zuversicht:
»Einzig und allein auf das Verdienst unseres Erlösers Jesus Christus. In Ihm ist, wie ich fest und standhaft bezeugen will, alle Zuflucht, all mein Trost und Heil begründet.«
Newton, der Schüler Keplers, erklärte am Ende seines Lebens:
»Ich habe im Leben zwei wichtige Dinge kennengelernt: erstens, daß ich ein großer Sünder bin, und zweitens, daß Jesu Christus ein noch größerer Heiland ist.«
129 Näheres über die Gründe der Unmöglichkeit einer Selbsterlösung vgl. Seite 142 ff.↩︎
130 Bei Dr. H. Bürki, Wachen und Wagen, Wuppertal 1954, S. 2 4 .↩︎
131 „Non parem Pauli gratiam requiro, Veniam Petri neque posco, sed quam In crucis Iigno dederas latroni, Sedulus oro.“↩︎