Schriften von Erich Sauer
Die kleine Erde als Schauplatz der Offenbarung des großen GottesDie kleine Erde als Schauplatz der Offenbarung des großen Gottes
Dieses Geschöpf ist der Mensch. Er ist darum in besonderer Weise ein Gegenstand göttlicher Pläne und Ratschlüsse. Er ist das von Gott ausersehene Werkzeug zu einem gewaltigen Zurückgewinnungswerk in Seinem Weltenreich. Erst in diesem weitumspannenden Rahmen seiner urzeitlichen Vorgeschichte kann sein Werden und Wirken, sein Zweck und sein Ziel recht verstanden werden. Nicht wollen wir uns hier in das uferlose Meer theosophischer Spekulationen verlieren; aber es gilt doch, die im Worte der göttlichen Offenbarung gegebenen Fingerzeige und Andeutungen zu beachten.
Nun ist es also die Menschenwelt, in der ein gewaltiger Kampf zwischen Licht und Finsternis durchgefochten wird. Die Erde ist der Punkt, auf dem das große Drama sich vollzieht, in welches gute und böse Engelmächte, Himmel und Hölle verschlungen sind. Die Erde ist somit der Schauplatz einer gewaltigen Auseinandersetzung, einer Gottesoffenbarung, die über das Irdische hinausragt und in den Kosmos Gottes hineinwirkt.
Denn wie könnte sonst in der Schrift davon die Rede sein, daß durch das Opfer Christi, das doch auf Erden, auf Golgatha, dargebracht wurde, nicht nur die irdischen, sondern auch die »himmlischen« Dinge gereinigt werden (Heb 9,23), daß einst im kommenden Gottesreich Sonne und Mond heller leuchten werden als in der Gegenwart? »Und das Licht des Mondes wird sein wie das Licht der Sonne, und das Licht der Sonne wird siebenfältig sein, wie das Licht von sieben Tagen« (Jes 30,26). Wie könnte sonst die biblische Endprophetie ankündigen, daß es in der Vollendung nicht nur eine neue Erde, sondern auch neue Himmel geben wird (Off 21,1), ja, daß dann sogar der Thron (»Stuhl«) Gottes (!) auf der erneuerten und verklärten Erde sein wird (Off 22,3). Und wie könnte sonst die Bibel bezeugen, daß auf die »Offenbarwerdung der Söhne Gottes« das »sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet« und bis dahin gleichsam in »Geburtswehen« liegt (Röm 8,19.22)? Und schließlich, wie wäre es überhaupt sonst begreifbar, daß es einen neuen Himmel und eine neue Erde erst nach Abschluß der Erlösungsgeschichte der Menschheit geben wird (Off 21 u. 22)?
Nur so erscheint der großartige Zusammenhang zwischen Himmel und Erde, den das Buch der Offenbarung doch allenthalben voraussetzt, nicht mehr als ein nur unergründbares Rätsel. Nur so begreift auch der Glaube, daß die Erde der Schauplatz der herrlichsten Gottesoffenbarungen, ja sogar der Menschwerdung des Sohnes Gottes ist, und daß ihre Segnungen nicht nur der armen Erde zugutekommen, sondern ihre Heils- und Segenswirkungen hinausstrahlen lassen in das Überirdische.
Gewiß bedient sich die Heilige Schrift in solchen Zusammenhängen auch oft poetischer und bildhafter Ausdrucksweise, z. B. »Stuhl« Gottes, »Geburtswehen« der Schöpfung, »Edelsteine« und »Perlen« der himmlischen Gottes»stadt«, »Wasser« des Lebens, »Blätter« des Lebens»baums«. Es ist ja von vornherein klar, daß uns Menschen in der Gegenwart keine unmittelbare »Beschreibung«, sondern nur eine Ahnung von der ewigen Welt gegeben werden kann, und auch diese nur unter Mitbenutzung von Bildern und Symbolen. Aber ebenso muß klar ausgesprochen werden, daß hinter aller solcher Bildersprache eine ewige, tatsächliche übersinnliche Wirklichkeit steht.
Auch sind uns genauere Einzelheiten über Inhalt und Maß der Ausdehnung dieser überirdischen Auswirkungen des auf Erden vollbrachten Erlösungswerkes Christi in der Heiligen Schrift nicht geoffenbart. Dennoch läßt die Bibel deutlich erkennen, daß unsere Erde als Schauplatz der Offenbarung Gottes eine heilsgeschichtliche Bedeutung hat, die ihre stoffliche und räumliche, »astronomische« Bedeutung unfaßbar weit überragt.
Aber wie ist es denkbar - hat man gefragt - , daß unsere winzige Erde, dies Stäubchen im Sonnenozean des Weltalls, eine so gewaltige, geradezu unfaßbar große Bedeutung haben soll? Ist das astronomische Weltbild der Neuzeit nicht schon von vornherein eine offensichtliche Widerlegung eines solchen biblischen Glaubens, so daß kein moderner Mensch, der irgendetwas von Kopernikus und Kepler weiß, überhaupt noch an die Heilige Schrift glauben kann? Ist diese ganze Vorstellung vom Adel des Menschen und seiner Königsstellung in der Schöpfung nicht etwas Rückständiges, ja, geradezu »anthropistischer Größenwahn« (E. Haeckel)?
Unsere Erde ist nur der 1.297.000ste Teil des Rauminhalts der Sonne. Sie hat also über eine und eine Viertel Million mal in der Sonne Platz. Dabei ist die Sonne selbst nur eine von zahllosen anderen Sonnen, ja sogar eine verhältnismäßig kleine. Andere Sonnen haben teilweise einen zehn mal ja bis dreißig mal so großen Durchmesser. Ihr Rauminhalt ist also 1.000 bis 27.000 mal so groß wie der Rauminhalt unserer Sonne. Das heißt, der Rauminhalt solcher Sonnen ist bis zu 30 Milliarden mal so groß wie der Rauminhalt der Erde.
Mit 400 anderen Sonnen bildet unsere Sonne den »Sonnenstemhaufen.« Dieser ist ein Teil des Milchstraßensystems, eines geradezu unfaßbar weit ausgedehnten, flachen, diskus- beziehungsweise linsenförmigen Sternsystems. Die Zahl der leuchtenden Sonnen dieser »unserer« Weltlinse wird auf 500 Millionen geschätzt. Der Durchmesser ihres Gesamtraumes beträgt etwa 100.000 Lichtjahre. Hierbei ist ein Lichtjahr die Strecke, die der Lichtstrahl in einem ganzen Jahr durchmißt. Das ist eine Entfernung von rund 10 Millionen mal Million Kilometern. Denn das Licht legt in einer einzigen Sekvmde (1) 300.000 Kilometer zurück, fliegt also gleichsam in einer einzigen Sekunde 71/2 mal die Strecke des ganzen Erdäquators (40.000 Kilometer).
Aber auch unser Milchstraßensystem ist nur eine Weltinsel inmitten zahlreicher ähnlicher, wenn auch meist etwas kleinerer. Diese erscheinen uns, aus ihrer unermeßlichen Entfernung heraus, als Spiralnebel, zum Beispiel das gewaltige Andromeda-Weltall.
In dem zweihundertzölligen Riesenteleskop der Mount Palomar Sternwarte (USA) entfaltet sich der Andromeda-Nebel in einem Durchmesser von 180 Centimetem, und staunend schaut das menschliche Auge in diese Abgründe des Weltraums hinein. Ja, die photographischen Aufnahmen mit diesem größten Stem-Femrohr der W elt erschließen noch weitere, unermeßliche Entfernungen und Welten.
»Jetzt schätzt man die Anzahl der bei einer Aufnahme bis zur 21. Größenklasse auffindbaren Spiralnebel (d. h. Milchstraßensysteme!) auf sechzig Millionen. Hierbei ist die äußerste, bisher gemessene Entfernung eines Spiralnebels eine halbe Milliarde Lichtjahre« (Prof. D. Dr. Karl Heim, Weltschöpfung und Weitende. Hamburg 1952, S. 15).
Unter Berücksichtigung photographischer Stem-Aufnahmen bis zu noch lichtschwächeren, geringeren Größenklassen gelangt der englische Physiker Sir Arthur Eddington, einer der bedeutendsten Astronomen der Gegenwart, zu noch größeren Zahlen. In seinem Werk »Das Weltall dehnt sich aus« spricht er von »100.000 Millionen Stern-Insel-Systemen, von denen jedes, wie man glaubt, eine Anhäufung von Tausenden von Millionen von Sternen ist und im allgemeinen eine Ähnlichkeit hat mit unserem eigenen Milchstraßensystem.«50
Sir James Jeans, der britische Astronom, den Professor A. Rendle Short (Universität Bristol) einen der größten Geister des heutigen England nennt, erklärt in seinem Werk »Das Geheimnis des Weltalls» (1944) geradezu: »Die Gesamtzahl aller Sterne im Weltall ist wahrscheinlich ungefähr so wie die Gesamtzahl aller Sandkörner auf allen Gestaden aller Weltmeere.«51 Dabei aber haben nicht wenige dieser Sterne eine tausendfach größere Leuchtkraft als unsere Sonne! Nur ihre gewaltige Entfernung von unserer Erde ist die Ursache, daß sie am sternklaren, nächtlichen Himmel nur als ganz winzige Lichtpünktchen zu erkennen sind.
So stellt sich uns der Gesamtkosmos dar als ein Riesenkomplex von Dutzenden von Millionen von Spiralnebeln ( = Milchstraßensystemen). In jedem dieser Milchstraßensysteme Dutzende, ja Hunderte von Millionen von Sonnen und Einzelstemen! Jede dieser Sonnen ungefähr eine Million mal, ja manche bis weit über tausend Millionen mal so groß wie unsere Erde!!
Und da soll, in diesem Gesamtzusammenhang des Weltalls, unser Staubkömlein Erde, das nicht einmal den ein-millionsten Teil des Rauminhalts auch nur einer dieser Millionen und aber Millionen Sonnen ausmacht, ein Schauplatz hochbedeutsamer Gottesoffenbarungen sein, ja, der Schauplatz der Menschwerdung des Sohnes Gottes, des Herrn und Königs dieses gewaltigen Universums? Und da sollen wir, angesichts eines solchen Weltalls, dessen Glieder nicht mehr nur die Sonnensysteme, sondern die Spiralnebel (Milchstraßensysteme) sind, noch weiter von einer hohen Berufung, ja von einem Adel und Königtum des Menschen reden können? Ist dies nicht von vornherein restlos undenkbar? Ist nicht vielmehr die ganze Menschheitsgeschichte, die wir so stolz »Welt«geschichte nennen, innerhalb der Geschichte dieser eigentlichen, wirklichen »Welt«, nur ein ganz geringer, ganz schwacher, kaum vernehmbarer Pulsschlag im Gesamtleben des Kosmos, so winzig, daß er für den großen allmächtigen Gott kaum beachtenswert ist?
Unsere Antwort ist eine fünffache.
Räumliche und geistige Dimensionen stehen nicht ohne weiteres in gleichem Verhältnis zueinander.
Da sitzen im gleichen Eisenbahnwagen zwei Menschen sich gegenüber. Räumlich gesehen sind sie vielleicht nur einen einzigen Meter voneinander entfernt, und doch sind sie, geistig gesehen, unter Umständen geradezu sternenweit voneinander geschieden! Völlig andere Lebensgeschichte! Völlig andere Ziele! Völlig andere Ideale! Völlig andere Grundsätze in Weltanschauung, Religion und Glauben! Umgekehrt können zwei Menschen - Braut oder Bräutigam, Mann oder Frau, eng verbundene Freunde - gelegentlich Tausende von Kilometern voneinander entfernt sein - ja, es mögen Ozeane zwischen ihnen liegen! - , und dennoch sind sie, geistig, durch Liebe und gemeinsame Interessen, so eng miteinander verbunden, als wenn Seele unmittelbar neben Seele, Herz neben Herz, Mensch neben Mensch sei. So kann man räumlich dicht beieinander und geistig gleichzeitig unendlich fern sein. So kann man räumlich sehr fern und geistig doch ganz dicht beieinander sein. Damit ist bewiesen, daß geistige Werte nicht nach räumlichen Dimensionen gemessen werden können. Ferner:
Örtliche und geschichtliche Bedeutung eines Platzes stehen nicht ohne weiteres in gleichem Verhältnis zueinander.
So war Issus, als Stadt, ohne besondere Bedeutung; aber als Schauplatz der gewaltigen Entscheidungsschlacht Alexanders des Großen gegen den Perserkönig Darius Codomannus (333 v. Chr.) ist es einer der wichtigsten und weltberühmtesten Hauptwendepunkte der ganzen Geschichte des Altertums, ja der Welt- und Menschheitsgeschichte geworden. Es ist somit zu einer geschichtlichen Bedeutung gekommen, die in keinem Verhältnis zu seiner geographischen steht. Auch sonst zeigt die Weltgeschichte gar oft, daß Schauplätze, in denen die wichtigsten Kämpfe von jahrhundertelanger Bedeutung ausgefochten worden sind, in sich selber, nach Lage und Größe, ganz klein und unbedeutend gewesen waren. Man kann eben nie die innere Bedeutung eines Raumes schon von vornherein nach seinem äußeren Umfang bemessen. Mit Recht fragt der deutsche Gelehrte Professor Dr. Kurtz den modernen Zweifler: »Wieviel Quadratkilometer müßte dann wohl ein Planet haben, um einer Menschwerdung des Ewigen den gehörigen Anstand zu verleihen?« - Damit ist zugleich das Dritte angedeutet.
Quantität kann überhaupt niemals schon an sich als Maßstab für Qualität angesehen werden.
Denn auch diese beiden - Quantität und Qualität - stehen nicht ohne weiteres in gleichem Verhältnis zueinander. Ja, zuweilen stehen sie sich sogar als Gegensätze gegenüber! Birgt nicht oft der kleinste Raum die größten Wunder? Ist nicht oft die Welt des ganz Kleinen fast noch wundersamer als die Welt des ganz Großen? Wir erinnern nur an die Atome mit ihren Sonnensystemen von Protonen und Elektronen und deren rasende Bewegungen, milliardenmal in jeder Sekunde! Wohl zeigt uns das Teleskop die Wunder des Makrokosmos und bringt uns zum Bewußtsein, wie winzig, in dieser Welt des Allergrößten, unsere Erde ist, gleichsam»wie ein Sandkorn in der Welt«. Aber ebenso zeigt uns das Mikroskop die Wunder des Mikrokosmos und bringt uns zum Bewußtsein, wie unfaßbar auch die Welt des Allerkleinsten ist, gleichsam »in jedem Sandkorn eine Welt«. Und oft weiß man wirklich nicht, was man mehr bewundern soll: Stäubchen oder Sternenwelt, Atom oder Sonne. Das Ganze aber beweist: Von der äußeren Ausdehnung hängt nie die Bedeutung einer Sache ab. Der kleinste Organismus hat höheren Rang als die größte, unorganische Masse. Edler ist die Rose im Tal als das hochragende, tote Felsgestein. Die Quantität eines Raumes ist absolut gleichgültig für die Offenbarungen des Geistes. So wenig der kleine Menschenleib des Geistes unwürdig ist, der doch die Welt umspannt, so wenig ist die kleine Erde Gottes unwürdig, um Sich auf ihr zu offenbaren.
Dies alles beweist, daß es keinen einleuchtenden Grund geben kann, warum sich nicht auf dem Schauplatz dieser Erde, trotz seiner räumlichen und astronomischen Kleinheit, eine Geschichte vollziehen könnte, welche von entscheidendster Bedeutung für das ganze Universum ist. Natürlich kann die Astronomie mit ihren eigenen Mitteln dies nicht als Wirklichkeit bezeugen - das ist allein die Aufgabe von Offenbarung, Heilsgeschichte und Prophetie - ; sie kann es aber auch nicht bestreiten. Vielmehr fügt sie sich, wenn richtig verstanden, in den gewaltigen, kosmischen Weltrahmen der biblischen Gesamtoffenbarung ein.
Vor allem aber ist das Verhältnis zwischen Schöpfer und Schöpfung zu beachten.
Der menschliche Geist hat mit der Alleinherrschaft (Souveränität) Gottes Emst zu machen! Gott ist der Herr des Universums! Und wenn Er in Seinem weisen, absolut freien, allmächtigen Willen bestimmt, daß diese Erde, trotz ihrer Kleinheit, der wichtigste Punkt des Universums werden soll, so hat keine staubgeborene Kreatur das Recht, Ihm dazwischenzureden! Auch in diesem Sinne gilt das Wort: »Unser Gott ist im Himmel. Er kann tun, was er will!« (Ps 115,3). Der Mensch aber hat sich in jedem Fall dem ewigen Willen des Allerhöchsten zu beugen. Er hat im Glauben Sein Tun anzuerkennen, sich Ihm zu unterordnen und darf dann Ihm, der diese kleine Erde des Menschen, diesen, seinen eigenen Schauplatz, so hoch geadelt hat, von ganzem Herzen - danken!
Und zugleich ist dies Ganze ein Handeln der göttlichen Gnade.
In Seinem unbegreiflichen Erbarmen neigt Sich der Höchste gar oft gerade zu dem Geringsten herab. Gerade im Kleinen offenbart Er Seine eigene Größe. So hat Er auch die kleine Erde zum Tempel Seiner Heilsoffenbarung erwählt. Das Ganze aber geschieht zu Seiner eigenen Selbstverherrlichung, auf daß Ihm allein aller Ruhm sei. Er Selbst ist das Ziel: nicht die Schöpfung, sondern der Schöpfer, nicht die Erde, sondern der Himmel, nicht der Schauplatz des Sieges, sondern der ewige Triumphator.
50 „100.000.000.000 island systems each believed to be an aggregation of thousands of millions of stars with a general resemblance to our own Milky- Way system“ (Eddington in seinem Werk „The Expanding Universe“, bei P. J. Wiseman, CREATION REVEALED IN SIX DAYS, London 1949 , S. 99 ).↩︎
51 The total number of stars in the universe is probably something like the total number of grains of sand on all the sea shores of the world“ (Jeans in seinem Buch THE MYSTERIOUS UNIVERSE 1944 , bei P. J. Wiseman, a. a. O., S. 99 ).↩︎