Schriften von Erich Sauer
Das Sechstagewerk als Wiederherstellung der ErdeDas Sechstagewerk als Wiederherstellung der Erde
»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Durch das Schöpferwort des vollkommenen, lebendigen, all-liebenden und allseligen Gottes wurde eine vollkommene Welt voll Leben und Licht, voll Freude und Glückseligkeit ins Dasein gerufen. »Aber es geschah das Unfaßbare. Ein gewaltiger Lichtfürst. . . verfinsterte sich. Zu Nacht wurde sein Reich und Gebiet, und aus dieser Nacht erscholl das erste Nein, dem Gott des Ja ins Gesicht geschleudert. Wohl blieben unzählige Engel und das große Himmelsheer im unendlichen Meer des göttlichen Ja; doch verführte der nunmehr zum großen Drachen gewordene Satan die Legionen von Himmelsgeistem, die ihm untertan waren, und machte die einst lichte Erde zum finstern Chaos, wüst und leer.«199 So schreibt der bekannte Apologet Professor F. Bettex.
Der in Deutschland weit bekannte Evangelist General von Viebahn (gest. 1916) sagt: »Die Erde war wüst, leer und finster. Dies war die Folge der Empörung Satans. Der erste Schritt Gottes im Kampf wider Satan war: >Es werde Lichth200 Jedenfalls hat eine große Katastrophe, die zwischen dem ersten und zweiten Vers der Bibel lag, die erste Schöpfung in ein Chaos verwandelt. Die Erde, aus Gottes Hand tadellos hervorgegangen, wurde durch Satans Empörung eine Wüste.201
. . . Es bedurfte einer Neuschöpfung, ehe der im Bilde Gottes erschaffene Mensch zum Herrscher auf der Erde eingesetzt wurde. Als sie geschehen war, >sah Gott an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut<.«202
Ebenso erklärt Dr. Freiherr von Huene, Professor für Paläontologie an der Universität Tübingen, 1947, »daß, als Gott im Anfang Himmel und Erde schuf, alles ohne Störung in Harmonie und Heiligkeit vor sich ging, und daß Gott dem Satan diese Welt zur Verwaltung übergab. Durch Satans Empörung wurde er, und somit sein ganzes Reich, unter Gottes Urteil gesetzt. Satan wollte sein wie Gott.
Neid und Hochmut waren seine Sünden . . . In die Lücke zwischen 1. Mose 1, Vers 1 und Vers 2 gehört der Fall Satans mit all den Mächten, die zu ihm gehören.«203
Dies sind die Grundgedanken der Restitutionsauffassung des Schöpfungsberichts. Ihr hält der katholische Gelehrte Ämilian Schöpfer (päpstlicher Hausprälat, weiland Professor am Collegium Romanum in Rom) entgegen, sie habe »weder im Text des Schöpfungsberichts noch sonst irgendwo in der Offenbarung irgendeinen Stützpunkt«. Lic. theol. Richard Krämer bekämpft sie geradezu als »fromme Spielerei«, als »Chaos von sensationserfüllten Behauptungen«, das schon in den gnostischen und manichäischen Systemen eine Rolle gespielt habe und auch in der Gegenwart besonders in den Kreisen immer wieder auflebe, »in welchen Geheimmstuerei Eindruck macht«.204 Wie ungerecht eine derartige Verurteilung ist, zeigt schon ein bloßer Hinweis auf die Vertreter dieser Auffassung. Dazu ist das Problem doch zu gewaltig, und die Vertreter dieser Erklärungsweise sind zu bedeutend, als daß man diese ganze Anschauung, selbst wenn man ihr nicht beitritt, einfach mit einem so wegwerfenden Machtspruch abtun könnte.205 Wenn diese auch in Einzelfragen zum Teil voneinander abweichen, so ist ihr gemeinsames Zeugnis in der Hauptfrage doch von beachtenswertem Gewicht.
Wir nennen in unserer Besprechung zuerst die wesentlichsten Begründungen, die man zu Gunsten dieser Erklärungsweise geltend gemacht hat. Dann lassen wir die hauptsächlichen Einwände folgen, die dagegen erhoben worden sind. Durch sorgfältiges Vergleichen dieser Begründungen und Einwände möge sich der Leser sein eigenes Urteil bilden.
Weltschöpfung und Naturoffenbarung Gottes.
Die Vertreter der Restitutionstheorie fragen: Ist alles freie Schaffen nicht stets ein Offenbaren? Muß darum die Weltschöpfung, ihrem innersten Wesen nach, nicht urspünglich eine Darlegung der Herrlichkeit des Schöpfergottes sein? Ist es nicht geradezu restlos undenkbar, daß je eine finstere, wüste und leere Welt in unmittelbarer Weise aus der Schöpferhand des Gottes des Lichtes, der Ordnung und der Lebensfülle hervorgegangen sein kann? Ein Gott, der nicht chaotisch denkt, schafft doch auch nichts Chaotisches! Darum kann doch ein Chaos, nach gottgegebener Anordnung, nicht vor dem Kosmos bestanden haben.
Die sprachliche Wortverbindung tohuwabohu.
Die Restitutionstheorie betont: Zusammen kommt diese Wortverbindung nur noch an zwei anderen alttestamentlichen Stellen vor, und zwar beide Male, um damit ein Verderben zu bezeichnen, welches die Folge eines göttlichen Zorngerichts ist. So sagt Jesaja nach einer Beschreibung der schrecklichen Folgen des Falles Idumäas am Tage der Rache: »Und er (Gott) wird darüber ausspannen die Meßschnur des tohu ( = Verödung) und die Setzwaage des bohu ( = Verwüstung).« Der Sinn ist: Dieselbe Sorgfalt, die ein Architekt mit Hilfe von Meßschnur und Setzwaage daran wendet, einen Bau zustande zu bringen, wird Gott daran setzen, das Verderben vollständig zu machen (Jes 34,11).206 Die zweite Stelle ist noch entscheidender. Dort beschreibt Jeremia die Verwüstung Judäas und Jerusalems nach ihrem Sturz und vergleicht sie, nach der Erklärung der Restitutionsauffassung, mit der voradamitischen Zerstörung. Er ruft aus: »Ich blicke die Erde an: ach, sie ist tohu-wa-bohu, und zum Himmel empor: sein Licht ist verschwunden. Ich blicke die Berge an: ach, kein Mensch ist da, und alle Vögel des Himmels sind entflohen. Ich blicke umher: ach, das Fruchtgefilde ist zur Wüste geworden, und alle seine Städte sind zerstört nach dem Willen des Herrn infolge der Glut seines Zornes« (Jer 4,23.27). Dies sind die beiden einzigen Stellen in der Heiligen Schrift, in denen - außer 1Mo 1,2 - die Wortverbindung tohu-wa-bohu vorkommt, und an diesen beiden Stellen hat sie den passivischen Sinn »Verwüstung« und »Ausleerung«. Hierin sieht die Restitutionsauffasscmg einen starken Beweis für die Berechtigung, anzunehmen, daß diese gleiche passivische Bedeutung auch an der dritten - also sonst einzigen - Stelle zum mindesten mitanklingt.206
An einer weiteren Stelle spricht Jesaja von der Zerstörung Kanaans wegen der Sünden seiner Bewohner und sagt: »In Trümmern liegt die Stadt des >tohu<« (Jes 24,10), ein Ausdruck, der, mit Professor Menge und dem Hebräisch-Aramäischen Wörterbuch von Professor Gesenius-Buhl, als »die verödete Stadt« zu übersetzen ist.
Das Prophetenwort Jesaja 43,18.
Und sagt nicht die Schrift:
»Denn so spricht der Herr, der die Himmel geschaffen der die Erde gebildet und sie gemacht hat. Er hat sie bereitet. Nicht als eine Öde (tohu) hat er sie geschaffen: um bewohnt zu werden, hat er sie gebildet«?!
Das Wort »hajetha«
Das Wort »hajetha« im Sinn von »ward, wurde«, statt »war«. »Die Erde ward (wurde) wüste und leer«. Die Vertreter der Restitutionsauffassung weisen darauf hin, daß das hebräische Wort hajetha die Bedeutung »sie wurde« haben kann (wenn auch nicht muß). So z. B. in Ps 118,22: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Edcstein geworden (hajetha).« - »Von seiten Jehovas ist dies geschehen (geworden, hajetha)«. Siehe den Psalmenkommentar von Prof. D. Dr. Ed. König. Gütersloh 1927, S. 442.
Der Gebrauch der Zeitwörter »schaffen« und »machen« in 1. Mose 1.
Die Restitutionsauffassung weist darauf hin, daß, abgesehen von Vers 1, das hebräische Wort bara »schaffen« sich nur zweimal im Schöpfungsbericht findet, und zwar bei der »Schaffung« des tierischen (V. 21) und des menschlichen Lebens (V. 26. 27). Sonst gebraucht der Schöpfungsbericht überall das Wort »machen« (asah), das ein »Bilden« und »Formen« aus schon bestehendem Material bedeute (vgl. S. 223. Anm.). Auch dies sei ein Beweis, daß es sich beim ersten Kapitel der Bibel nicht um die erstmalige Neuschöpfung, sondern die Neubildung der Erde nach ihrer Zerstörung handele.
Der Jubel der Engelwelt beim Beginn der Erdschöpfung.
Und wie wäre es denkbar, so fragt man, daß bei der Grundlegung der Erdwelt die Himmelsheere jubelten und, voll Anbetung und Bewunderung der Schöpferherrlichkeit Gottes, frohlockten und jauchzten, wenn diese Erdschöpfung zunächst Formlosigkeit und Leere, Wüste und Wirrnis gewesen wäre? Bezeugt doch Gott Selbst solchen Jubelgesang der Engel gleich bei der Grundsteinlegung und Entstehung der irdischen Schöpfung, wenn Er im Buch Hiob die Frage an den Menschen stellt: »Wo warst du, als ich die Erde gründete? . . . Wer hat ihren Bauplan entworfen? . . . Wer hat ihren Eckstein gelegt, während die Morgensterne allesamt laut frohlockten und alle Gottessöhne (d. h. Engel) jauchzten?« (Hiob 38,4-7).
Die Nicht-Einbeziehung der »Schöpfung von Himmel und Erde« (Vers 1) unter die Werke der sechs »Tage«.
Von hier aus - so erklärt man - , und zwar von hier aus allein, werde es auch verständlich, warum der biblische Bericht, der doch keine Willkür und Zufälligkeit kennt, die Schöpfung von Himmel und Erde, die doch als die Grundlage alles Folgenden, eigentlich zunächst das Wichtigste wäre, nicht zu den Werken der sechs Tage rechnet, sondern sie diesen vorausgehen läßt. Stünde dagegen der zweite Vers »in so engem Zusammenhang mit dem ersten, wie man gewöhnlich annimmt, das heißt, würde er den Zustand beschreiben, in welchem Gott im Anfang die Erde und den Himmel geschaffen hat, so müßte dieses erste Werk notwendig unter den sechs Schöpfungstagen mitzählen. Es kann gar kein stichhaltiger Grund angegeben werden, warum es allein eine Ausnahme bilden soll. Dagegen erklärt sich dies von unserem Standpunkt aus ebenso leicht wie genügend«, sagt Dekan Keerl, einer der Hauptvertreter dieser Restitutionstheorie.207
Dies Argument hat aber, nach der Ansicht der Periodenauffassung, kein großes Gewicht. Denn ist nicht der erste Vers »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« einfach lediglich die Überschrift des Ganzen oder nur die Aussage über die Erschaffung der Grundstoffe, wohingegen der biblische Bericht der sechs »Tage« darstellen will, was Gott mit der Erde machte oder wie Er den Gesamtkosmos weiter voranführte?
199 F. Bettex, Himmlische Realitäten, Striegau 1921 , S. 6.↩︎
200 v. Viebahn, Bibellesezettel, Diesdorf, Januar 1914 , S. 2 .↩︎
201 v. Viebahn, a. a. O., April 1909 , S. 6.↩︎
202 v. Viebahn, a. a. O., September 1907 , S. 7 .↩︎
203 Prof. Friedr. Frhr. v. Huene, Weg und Werk Gottes in Natur und Bibel, Siegen 1947 , S. 60 . 62 .↩︎
204 Lie. Rich. Krämer, Die biblische Urgeschichte, Wernigerode 1931 , S. 33 . 34 .↩︎
205 Wir verweisen auf die Reihe bedeutender Vertreter der Restitutionsauffassung unter Naturwissenschaftlern, Theologen und Philosophen älterer und neuerer Zeit, die wir auf Seite 248 zusammengestellt haben (Auslegungsweisen des biblischen Schöpfungsberichts, Absatz 5).↩︎
206 So übersetzt auch das Hebräisch-Aramäische Wörterbuch von Prof. D. W. Gesenius, 16. Auflage, bearbeitet von Prof. Dr. F. Buhl. Leizig 1915 die betreffenden Worte in Jes 34,11 : „Richtschnur der Verödung und Richtblei der Verwüstung“ (S. 870).↩︎
207 In seinem Buch, „Die Einheit der biblischen Urgeschichte“. 1865 .↩︎