»Gott hat dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt« (Pred 3,11). Unsere Seele ist »von Natur eine Christin« (Tertullian).132 Erst in Gott findet sie darum ihre Heimat. Solange dies nicht ihr Besitz ist, sind ihre drei Seelenkräfte innerlich zerrissen.
Der Mensch hat ein Verlangen nach Seligkeit. Er begehrt ein höchstes Gut. Er sucht es in allen Gütern und Freuden dieser Welt und findet es nicht. Er strebt nach wahrem Glück und fühlt sich doch elend. Er hat hohe Ideale und gelangt nicht zur Erfüllung.
Denn sein Sehnen geht über die Welt des Zeitlichen und Irdischen hinaus und strebt in unendliche, ewige Fernen. Er sucht Gott. Und doch - wo ist Gott zu finden?
Diesem Streben nach Gott widerstreitet aber in uns eine andere Macht, und diese ist bemüht, uns von Gott abzuziehen. Wir tragen alle in uns einen geheimen, starken Widerstand gegen Gott. Unser Wille will beides: Gott und die Welt, die Heiligkeit und die Sünde, das Ewige und die Vergänglichkeit, Gottes Königtum und unser Eigenleben.
So ist unser Wollen zerspalten, und diese Zerrissenheit unseres Begehrens zerstört jedes Glück. Oder, um noch einmal mit Pascal, diesem großen Philosophen und Gelehrten bald nach dem Anfang der Neuzeit, zu reden: »Vergebens suchst du, o Mensch, in dir selber die Heilung für dein Elend. Alle deine Einsicht gelangt nicht weiter als nur bis zu der Erkenntnis, daß du in dir selbst weder die Wahrheit noch das wahre Gut findest. Die Philosophen haben es dir versprochen. Aber sie haben ihr Versprechen nicht halten können. So sehnen wir uns nach Wahrheit und finden in uns nichts als Ungewißheit. So suchen wir nach Glück und finden nur Elend und Tod.«
Andererseits ist aber gerade diese Sehnsucht ein Zeugnis von der menschlichen Größe, allerdings einer gefallenen Größe. »Der Mensch ist elend, weil er es ist; aber er ist groß, weil er es weiß.« Niemand ist unglücklich darüber, daß er kein König ist, als nur ein entthronter König. So ist es das Begehren selbst, was uns unglücklich macht, und doch ist gerade dieses das Zeichen unserer hohen Berufung.
Der zum himmlischen Adelsstand berufene Mensch hat durch die Sünde seinen praktischen Adel verloren. Der zum Frieden bestimmte Mensch ist innerlich zerrissen. Der zur Königsherrschaft auserwählte Mensch ist ein Sklave geworden.
Sein Inneres ist zerwühlt durch die Disharmonie zwischen Begehren und Erreichen. Im Zentrum seines Herzens wogt ein Widerstreit aller seiner drei Seelenkräfte.
Im unerneuerten Menschen ist geradezu ein Konflikt zwischen Wille und Verstand, der sich im Gefühl als Unseligkeit niederschlägt. Der Wille des Menschen will, weil das Ich auf Gott angelegt ist, das Unendliche und Ewige. Befriedigt werden kann er aber nur durch das, was er benutzt und genießt. Dazu jedoch ist dessen Erkennen notwendig. Der Wille ist also zu seiner Befriedigung auf das Erkenntnisvermögen angewiesen. Der Verstand aber vermag ihm, in seiner Losgelöstheit von Gott, nur das Zeitliche und Begrenzte darzubieten.
So kommt es zu einem Konflikt zwischen Wille und Verstand. Es ist die Spannung zwischen Habenmüssen und Nichtgebenkönnen, zwischen grundsätzlichem Fordern und grundsätzlichem Versagen, zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit. Es ist der Widerstreit zwischen Persönlichkeitsbewußtsein und Weltbewußtsein, zwischen Gottessehnsucht und Weltliebe. Das Gefühl reagiert darauf als Unseligkeit, als Bewußtsein innerer Leere. So ist der Sünder, nach ehernem Naturgesetz der Sünde, wesensnotwendig zerrissen. »Keinen Frieden haben die Gottlosen«, spricht der Herr (Jes 48,22).
Dieser Konflikt zwischen Ichbewußtsein und Weltbewußtsein, zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit, kann erst durch das Gottesbewußtsein aufgehoben werden.
Denn Gott ist der Ewige und als solcher die Sonne der Unendlichkeit, und Gott ist der Weltschöpfer und als solcher der Quell aller Endlichkeit. So haben sie beide, Unendlichkeit und Endlichkeit, in Ihm ihre zentrale, organische Einheit.
Darum kann auch erst in Gott unsere Seele zur Harmonie gelangen. Wie Augustinus bezeugt: »Zu Dir hast Du uns geschaffen, und ruhelos ist unsere Seele, bis daß sie ruht, o Gott, in Dir!«
Diesen Weg zu Gott hin hat allein Christus uns erschlossen. Nur wer zu Ihm mit seiner Sündenschuld gekommen ist und unter Seinem Kreuz die Vergebung erlangt hat, empfängt Frieden der Seele. Nur wer Buße und Glauben, Bekehrung und Wiedergeburt erlebt hat, ist zum ewigen Heil gelangt. Nur der kann auch triumphierend bekennen:
»Ich weiß es, ich weiß es und werd’ es behalten: So wahr Gottes Hände das Reich noch verwalten, So wahr Seine Sonne am Himmel noch pranget, So wahr hab’ ich Sünder Vergebung erlanget!«(Woltersdorf).
Dies ist der eigentliche, wahre Gottesbeweis.133 W er Gott in Christus erlebt hat, hat den Beweis Seiner ewigen Existenz in sich selber. Der Erfahrungsbeweis ist der eigentliche Gottesbeweis. So hat auch Christus Selbst gesagt: »Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wer dessen Willen tun will, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott stammt, oder ob ich aus mir selbst rede« (Joh 7,16.17). Die Methode der modernen Naturwissenschaft ist das physikalische oder chemische Experiment. So ist auch das geistliche »Experiment«, das heißt, die persönliche Erfahrung, der sittliche Weg zu Gott.
In dem allen ist Jesus Christus die große Entscheidung. Man kann an Ihm vorübergehen, wenn man will, und damit zum Mörder seines Glücks werden. Man kann an Ihn glauben, wenn man will, und damit den Weg wahren Lebens beschreiten.
Unglaube ist Selbsttäuschung und wird einst als furchtbare »Enttäuschung« entlarvt. Oder wie es Sören Kierkegaard, der große dänische Denker (1813- 1835) in einem drastischen, eindrucksvollen Bilde sagt: »In einem Theater brach Feuer hinter den Kulissen aus. Bajazzo kam heraus, um das Publikum zu unterrichten. Man glaubte, er wolle einen Witz machen, und applaudierte. Er wiederholte seine Mitteilung. Man jubelte nodi mehr. So denk ich mir, daß die Welt untergehen wird unter dem allgemeinen Jubel der witzigen Köpfe, die da glauben, das sei ein Witz.«134
Unglaube ist Untergang. Glaube aber ist Lebensergreifung. Die Entscheidung über Tod und Leben - deinen ewigen Tod und dein ewiges Leben! - hat Gott in deine Hand gelegt (Off 22,17; Pred. i i , 9).
»Ich nehme heute den Himmel und die Erde zu Zeugen gegen euch: das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, auf daß du lebest!« (5Mo 30,19).
132 anima naturaliter diristiana.↩︎
133 der „psychologische Gottesbeweis“.↩︎
134 in „Unser Auftrag“ Zeitschrift für Studenten. Marburg 1958 . S. 8.↩︎