Meine Frau und ich befinden uns auf der Weltausstellung in Brüssel Herbst 1958. Wir besuchen den Bau, der in ihrem Mittelpunkt steht, das »Atomium«. Fraglos ist es eines der kühnsten, großartigsten, seltsamsten, eindrucksvollsten Bauwerke, die Menschenhand je errichtet hat.
Unten eine riesige Kugel. Hoch oben, in über 100 Meter Höhe, wiederum eine Riesenkugel. In der Mitte zwischen beiden eine Zentralkugel. Sechs gewaltige, gleichgroße Hohlkugeln mit einem Durchmesser gleich der Höhe eines sechsstöckigen Großstadthauses, schweben sozusagen in der Luft, nur verbunden mit dem Hauptmast und seinen drei Kugeln durch Metallröhren. Diese sind je drei Meter dick und 600 Zentner schwer. Rolltreppen gehen durch sie hindurch. Eine von diesen ist die längste Rolltreppe Europas.164 Alle Kugeln aus Leichtmetall. D ie spiegelblanken, silber-glänzenden Aluminiumverkleidungen der neun Kugeln blinken im strahlenden Sonnenlicht. Über dem Ganzen wölbt sich ein wolkenloser, von Sonnengold durchdrungener blauer Himmelsdom.
Noch eindrucksvoller ist die Idee dieser beispiellosen, gewaltigen Metallkonstruktion. Sie stellt ein kristallinisches Metallmolekül dar in einer Vergrößerung von 165 Milliarden.
Die riesigen neun Kugeln sind gleichsam die neun Atome dieses Moleküls. Der leere Luftraum zwischen ihnen weist eindrucksvoll auf den großen, leeren Raum zwischen den Atomen hin und bringt dem Besucher sofort zum Bewußtsein, wie das, was man früher »feste« Materie nannte, doch in Wirklichkeit fast leerer Raum ist.
In der Abendbeleuchtung blinken Hunderte kleiner Lichter auf diesen silber-glänzenden »Atomkugeln« auf. Sie weisen hin auf die Elektronen, die in den einzelnen Atomen um ihre Atomkerne kreisen.
So ist das Atomium zugleich eine Versinnbildlichung des Atombegriffs, eine Verkörperung der ungeheuren Größe der Atomenergie. Es ist gemeint als Symbol des Atomzeitalters. Es ist nicht nur ein Zeugnis von der hervorragenden Leistungsfähigkeit von Technik und Baukunst unserer Gegenwart, sondern zugleich Wahrzeichen der Atomphysik und ihrer umwälzenden Auswirkungen auf das ganze Leben der Menschheit des 20. Jahrhunderts. Darum bildet es den
Mittelpunkt und Höhepunkt dieser gewaltigen völker-umspannenden Schau, auf der Nationen aus allen fünf Kontinenten in ihren Hallen ihre Spezialleistungen und Spitzenleistungen zur Darstellung bringen.
Wie der Kristallpalast in London, Jahrzehnte hindurch ein Wahrzeichen der Weltausstellung war, für die er erbaut worden war (1851), wie der Eiffelturm in Paris, von der Pariser Weltausstellung (1899) her, noch heute als das höchste Bauwerk Europas 300 Meter in den Himmel emporragt, so soll das Atomium, auch jetzt noch, nach Beendigung der Brüsseler Weltausstellung, für kommende Generationen bestehen bleiben als Symbol des beginnenden Atomzeitalters.
Wir fuhren auf den Rolltreppen der durch die Luft führenden Metallrohre von Kugel zu Kugel. Wir besichtigten die in ihnen befindlichen großen Ausstellungsräume über »Anwendung der Atomphysik für friedliche Zwecke zum Wohle der Menschheit«.
»Das Atom - die Zukunftshoffnung der Welt!» So hatten wir es sogleich beim Eintritt in diesen Wunderbau in englischer Sprache gelesen.
Unten sahen wir lebensgroße Bilder hervorragender Naturforscher unserer Gegenwart. So das Bild Albert Einsteins, des größten Mathematikers und Physikers des 20. Jahrhunderts, das Bild Professor Otto Hahns, dem als erstem Menschen 1939 die Spaltung eines Uran-Atomkerns gelungen ist und der dadurch der Begründer der modernen Atomtechnik geworden ist, des gegenwärtigen Präsidenten der Max Planck Gesellschaft. Ebenso das Bild der Französin Madame Curie, weiland Professor für Physik und Mathematik an der Sorbonne-Universität in Paris, der Entdeckerin des Radiums.
Mit erstaunlicher Schnelligkeit saust unser Fahrstuhl in die Höhe. Schon nach zo Sekunden ist die oberste »Atomkugel« über 100 Meter hoch, erreicht. Es ist der schnellste Fahrstuhl Europas.
Wir befinden uns in dem Rundgang des großen Aussichtsraums hoch oben. Wir schauen durch die großen Plexifenster hinaus. Das bunte Bild der Weltausstellung mit ihren zahlreichen Pavillons aus so vielen Völkern und Rassen und mit ihren viel Tausenden von Besuchern liegt tief unter uns. In der W eite sehen wir die »Siebenhügelstadt« und Millionenstadt Groß-Brüssel mit ihren Vororten und ihrem schier unermeßlichen Häusermeer. Ein gewaltiges Panorama. Eines aber fesselte in besonderer W eise unseren Blick. Es war ein Bauwerk dicht vor uns unten, uns gerade gegenüber, in unmittelbarer Nähe des Atomiums. Es war ein Bau, wie wir ihn in dieser Weise, auf unseren vielen Reisen in zahlreichen Ländern noch nie-mals gesehen hatten. Es war kein »Haus«, sondern eigentlich einfach eine einzelne, emporragende dicke Wand, in der Form eines riesigen, aufgeschlagenen Buches mit einer Höhe, die einem fast vierstöckigen Großstadthaus gleichkam.
Auf der Vorderseite des zu diesem Riesenbuch gehörigen Pavillons
lasen wir in französischer Sprache: »La Bible - Ie Livre de Dieu pour tous Ies Hommes« (Die Bibel - das Buch Gottes für alle Menschen). Besonders beeindruckte uns ein Text, der, im Wechsel mit anderen Bibelworten, in einem Fließband am oberen Rand und in der oberen Mitte dieser gewaltigen »Bibel« lief und immer wieder erschien. Gerade als wir von der obersten Kugel des Atomiums heraussahen, lief er - und nur er allein - in pausenloser Wiederholung vor unseren Blicken durch das Fließband, und zwar in französischer, englischer, deutscher, spanischer, italienischer, flämischer Sprache.
Am Abend war das Fließband erleuchtet und strahlte, weithin sichtbar, seine Botschaft hinaus. Hinunter zu den Tausenden von Menschen, die dort vorübergingen, wie die Lichtwerbungen an den Hauptplätzen und Verkehrszentren unserer Großstädte. Darum nannte man diese »Bibel« die »Luminous Bible« (die »Leuchtbibel«). - »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege« (Ps 119,105).
Das Wort, das wir in ununterbrochener Folge, in den verschiedenen. Sprachen, vom Aussichtsrundgang der obersten Atomkugel aus sahen, war ein Pauluswort. Kein anderes Wort erschien während der ganzen Zeit, in der wir uns oben aufhielten. Immer wieder, in den verschiedenen Sprachen war es das gleiche Wort, das einst der große Völkerapostel auf dem Areopag in Athen - also ebenfalls an einem Zentralplatz menschlicher Wissenschaft und Kunst - bezeugt hatte:
»Gott hat die Zeit der Unwissenheit übersehen und gebietet nun allen Menschen an allen Orten, Buße zu tun, weil er einen Tag gesetzt hat, an welchem er richten wird den Kreis des Erdbodens in Gerechtigkeit« (Apg 17,30.31).
Um uns herum zeugte alles von der Größe und hohen Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes. Wir selber lasen diese Worte des großen Zeugen Christi von der obersten Kugel des Atomiums aus, also von der höchsten Höhe des Hauptsymbols der Wissenschaft unserer Tage.
Gott aber setzt dem Wissen des Menschen, sofern er sich von Ihm löst, das Urteil der »Unwissenheit« entgegen.
Gott stellt aller Selbsterhöhung des Menschen, sofern er sie vollzieht, das Gebot der Beugung gegenüber.
Gott kündet dem Menschen, soweit er an seinen eigenen »Fortschritt« glaubt, das kommende Gericht an!
Gewiß schließen sich diese beiden - Wissenschaft und Glauben - keineswegs grundsätzlich gegenseitig aus. Immer wieder hat es Gelehrte von allergrößtem Format gegeben, die sich in Ehrfurcht vor Gott beugten, ja, von ganzem Herzen an die Botschaft der Heiligen Schrift glaubten.
Oft haben wir auch im vorliegenden Buch unsere Hochachtung vor wahrer Wissenschaft zum Ausdruck gebracht. Sie gehört zur Herrschaft des Menschen über die Erde und ist ein Teil der Ausübung seines Königtums und Menschheitsadels.
Aber gar zu oft hat der Mensch an Gottes Herrschaftsanspruch vorbeigelebt, ja, Sein Dasein abgeleugnet und versucht, sich in eigener Kraft, ohne Gott, selbst zu erhöhen. Darum fordert Gottes Wort von ihm Umkehr und Buße.
Atomium und Bibel, menschliches Wissen und göttliche Weisheit, menschliche Größe und Gottes Forderung der Beugung vor Ihm, dem unendlich noch Größeren - wie tief hat uns doch dies beides beeindruckt!
In diesem allen aber ist Gott barmherzig. Er hat Geduld mit der Menschheit. Er hat die Zeit der Unwissenheit »übersehen«. Er gibt dem Menschen eine neue Gelegenheit. Er »hält ihm den Glauben vor«, wie es Paulus in diesem selben Wort bezeugt und wie wir es auch nun, vom Atomium aus, auf dem Fließband dieser »Riesenbibel« lasen. Dies ist die Botschaft, die uns in jenen Augenblicken ganz stark bewegte.
Und dann sind wir vom Atomium herabgestiegen. Wir begaben uns an eine Stelle, wo wir beide, gleichsam wie auf einem Bilde, zusammenschauen konnten: das Atomium und das Bibelhaus. Beide im Zentrum der Weltausstellung.
Da war unmittelbar vor uns das Atomium selbst, und, ganz dicht neben uns zur Rechten, die große Seitenwand der unteren Räume der Bibelausstellung. Es war eine große Wand in himmelblauer Farbe. Und im Glanz der strahlenden Sonne sahen wir auf diesem großen blauen Hintergrund, in Dutzenden von Sprachen, das herrlichste Wort der neutestamentlichen Heilsbotschaft: »Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.« (Joh 3,16).
So standen sie nun beide nebeneinander unmittelbar im gleichen Blickfeld vor unseren Augen: das Atomium als das Wahrzeichen der höchsten Spitzenleistungen des menschlichen Geistes, und das, uns aus himmelblauem Hintergrund in den hauptführenden Kultursprachen der Menschheit entgegenleuchtende, herrlichste Wort der Heiligen Schrift, gegeben unter der Inspiration des göttlichen Geistes. Nie werden wir diese Zusammenschau vergessen.
Das eine zeigt - und zwar mit Recht - , was der Mensch zu erreichen vermag: das andere macht das noch unendlich Größere kund, das Gott, der ewige Retter und Erlöser, zu vollbringen imstande ist. Im Bibel-Pavillon selbst lagen Bibeln, Neue Testamente und Bibelteile, in über 300 Sprachen zur Verbreitung bereit.
Durch dies alles sollten die »Leuchtbibel« und das Bibelhaus ein Zeugnis für Christus sein. Er allein und Sein Werk stehen im Mittelpunkt des Ganzen. Darum findet sich hier auch keine Werbung für irgendeinen Menschen oder irgendeine Kirche. Alles weist nur auf eine Person hin: Jesus Christus und Sein Heil. Gerade in dieser ihrer äußeren zentralen Schlichtheit unterscheidet sich diese Halle von allen anderen auf dem weiten Ausstellungsgelände. Hier geht es nicht um menschliche Leistung und menschliche Kraft, sondern um die Rettermacht Gottes und Seinen Ruf an die Menschheit, die, trotz ihrer vermeintlichen, ja, tatsächlichen Größe, ohne Ihn dennoch verloren ist. Darum soll hier kein anderer Name genannt und erhoben werden als nur der Name des Welterlösers. »Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen errettet werden« (Apg 4,12).
Wir sind nun am Ende unserer Betrachtungen. Eine weite Wanderung liegt hinter uns.
Unser Ausgangspunkt war die Frage nach dem Adel des Menschen. Wir stellten sie als Menschen der Bibel und zugleich als Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts. Wir stellten sie im Glauben an die Größe der Offenbarung Gottes und im Bewußtsein der Unzulänglichkeit und Kleinheit des Menschen, wie diese sich gerade heute zeigen in der Moral des Atomzeitalters, den Größenverhältnissen der neueren Astronomie und in den Erkenntnissen der Atomphysik unserer Gegenwart.
Die entscheidende Antwort erwarteten wir von vornherein aus Gottes Wort. Denn von Gott, als dem König des Weltalls, kommt alles Königtum Seiner Kreatur und darum auch aller Adel des Menschen. So ist Er allein imstande, die tiefste Antwort auf alles Fragen des Menschenherzens zu geben, eine Antwort, die dann zugleich Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit mitumfaßt.
Dann durchschritten wir ein weites Gebiet. Wir sahen Gottes HerrIichkeit in der Natur, und den Menschen als Zielpunkt und Krone Seiner irdischen Schöpfung.
Wir sahen das große Grundgesetz der Freiheit im Reich der geistigen Kreatur Gottes, und wir ahnten etwas von dem ersten Mißbrauch dieser Freiheit im Aufkommen gottwidriger Gewalten, verbunden mit verheerenden Folgen für weite Gebiete des Schöpfungsreiches.
Und inmitten dieser gewaltigen Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis gewann die Stellung des Menschen im Weltplan Gottes für uns eine besondere Bedeutung. Wir sahen in ihm nicht nur den königlichen Stellvertreter Gottes auf dieser Erde, der in diesem seinem Königreich zur Naturfreude, Naturforschung, Naturbeherrschung und zum Kulturfortschritt berufen ist, sondern auch ein Werkzeug in der Hand Gottes zur Naturbefreiung und Naturverklärung. Ja, gerade von seinem Wohnort, diesem kosmisch winzigen und doch so bedeutsamen Planeten Erde, soll ein Siegeszug der göttlichen Offenbarung in das Universum hinausgehen, bis zuletzt nicht nur eine neue Erde, sondern auch ein neuer Himmel ersteht.
Darum soll der Mensch, im Bewußtsein dieses Adels, auch würdig wandeln seiner hohen Berufung.
Jesus Christus, der Gottes- und Menschensohn, ist der schöpferische Mittelpunkt des Ganzen.
Auf dieser unserer Wanderung durch Zeiten und Räume taten wir auch einen Blick in die Ewigkeit. Gewisse Lichtstrahlen aus der Himmelswelt beleuchteten uns die Ewigkeitsberufung des Menschen: seine Bestimmung zur Anbetung und Gottesbildlichkeit, zu Sohnesstellung und ewiger Königsherrschaft.
Und dann stellten wir die Frage: »Wie soll dies alles tatsächlich verwirklicht werden?« Unsere Antwort war eine dreifache:
Die Existenz Gottes ist die Voraussetzung alles Menschheitsadels. Die Weltregierung Gottes, das heißt, Sein königliches Walten in Natur und Geschichte durch Offenbarung und Wundertun, ermöglicht unsere Verbindung mit diesem Gott und Seiner Ewigkeit. Bei aller Naturgesetzlichkeit der Weltordnung bleibt diese Himmelsbrücke offen.
Der Heilsplan Gottes erschließt uns den praktischen Weg zu wahrem Menschheitsadel.
Und zuletzt fragten wir nach dem Ursprung des Schauplatzes, auf dem sich dies grundlegende Heilsgeschehen ereignet, und der zugleich das irdische Königreich des Menschen ist. Dabei aber standen wir vor dem Schöpfungsgeheimnis des großen Gottes. Wieviel Rätsel umgaben uns gerade hier, trotz aller Andeutungen der göttlichen Offenbarung und aller Forschungsarbeit des denkenden Menschengeistes! Bei aller Herablassung zu Seinen Geschöpfen thront Gott, in Seiner Schöpferherrlichkeit in einsamer Höhe über aller Kreatur.
Dies Ganze soll uns zu Demut, Dankbarkeit und Anbetung führen. Der Erdenkönig legt seine Krone, die er vom Schöpfer erhalten hat, nieder vor dem Thron des Himmelskönigs. Er ist der begnadigte Ehrenträger der Ehre seines Gottes.
164 35 Meter lang.↩︎