Schriften von Erich Sauer
Der königliche Dienstauftrag des MenschenDer königliche Dienstauftrag des Menschen
Nun aber war die außerparadiesische Erde, die der Mensch beherrschen und sich dienstbar machen sollte, ein Gebiet, das, wie wir sahen, dem Einfluß und Wirken der finsteren Mächte noch nicht grundsätzlich entzogen worden war. Da bedeutete die Ausbreitung der Erdenherrschaft des Menschen eine stufenweise fortschreitende Verdrängung Satans. »Selbst im Dienste Gottes stehend, sollte der Mensch zugleich auch der Erde dienen und sie für die göttlichen Zwecke in Anspruch nehmen und umwandeln, für die sie von Gott erschaffen worden war« (Jak. Kroeker). Stück für Stück wäre so die irdische Schöpfung dem Teufel entrissen, von seiner Herrschaft losgemacht und für Gott zurückerobert worden. Die paradiesische Berufsbestimmung des Menschen besteht also in der Zurückgewinnung der Erde für Gott,62 und diese wiederum beruht auf der Herrschaft Gottes über den Menschen und der Herrschaft des Menschen über die Schöpfung.
Mit der Durchführung der Erdenherrschaft des Menschen, d. h. mit der Vollendung des gottgegebenen Zieles der Menschheitsentwicklung, wäre es also auch zu einer Vollerlösung der Schöpfung, des Pflanzen- und Tierreiches, gekommen. Dies beweist schon der Umstand, daß tatsächlich mit der Aufrichtung des Reiches Gottes in der Endzeit dieses Wunder weitgehend verbunden sein wird! »Dann wird der Wolf zu Gast bei dem Lamm weilen und der Panther sich neben dem Böcklein niederstredcen; das Kalb, der junge Löwe und der Mastochs werden beisammen weiden, und ein kleiner Knabe wird Treiber bei ihnen sein. Kuh und Bärin werden miteinander auf die Weide gehen, ihre Jungen sich zusammenlagern, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind« (Jes 11,6.7). »Die Wüste und das dürre Land werden sich freuen, und die Steppe wird frohlocken und blühen wie eine Narzisse« (Jes 35,1.2). »Statt des Domgestrüpps sollen Zypressen aufwachsen und statt der Nesseln Myrten sprießen« (Jes 55,13; Joel 2,21-23). Nur wird dann das, was ursprünglich auf geradlinigem Entwicklungswege ohne Sünde erreicht werden sollte, nunmehr durch den Sieg über die Sünde, d. h. durch die Erlösung, vollbracht werden. Gerade also dies in der Schrift unverkennbar genannte Ziel der Geschichte Gottes mit dem Menschen - auch in Bezug auf das Pflanzen- und Tierreich - beweist, was Gottes ursprünglicher Plan gewesen war. Sonst würden wir dem fast an den Pantheismus angrenzenden Irrtum verfallen, daß Gott die menschliche Sünde geradezu benötigt hätte, um auf dem Wege der Erlösung das erreichen zu können, was auf dem Wege einer sündenfreien Entwicklung nicht hätte zustande gebracht werden können.
An sich - so könnte man meinen - wäre eine Erlösung der Naturwelt auch ohne Verflechtung mit der menschlichen Geschichte denkbar: Es könnten unter Umständen ja zwei parallel laufende Linien sein. Aber die biblische Endgeschichte beweist, daß dies im Plan Gottes nicht so ist. Sie beweist eine Verkettung der Erlösung der Naturwelt mit der Vollendung des menschlichen Entwicklungsgangs. Damit aber wird gerade auch die Endgeschichte zu einem Beweis für den Inhalt des auch in dieser Hinsicht von Gott gesetzten, anfänglichen Menschheits-Schöpfungsziels.
So sagt auch Professor Bettex, der Mensch sollte ursprünglich »die ganze Erde als Vizekönig Gottes zurückerobern. Als Gott eine Lichtwelt, die Himmel, geschaffen hatte, fielen Luzifer und seine Heerscharen von Ihm ab. Da schonte Gott die Engel nicht. Auf ihrem Wohnsitz aber, der nunmehr »wüst und leer« war - »ein Chaos, das uns den Morgen nach der Schlacht darstellt«, wie St. Martin sagt - schuf Gott ein Neues, pflanzte einen paradiesischen Garten darin, von wo aus ein neues Wesen, in Seinem Bilde geschaffen, allmählich die ganze Erde einnehmen und für Gott zurückgewinnen sollte«. Der Mensch sollte, um mit Professor Franz Delitzsch zu reden, »die Überwindung eines in die Schöpfung eingedrungenen Argen bewirken«, oder, wie der Schweizer Sdiriftausleger S. Limbach sich ausdrüdct, »die Befreiung dieser Welt«, indem Satan »rechtlich zurückgedrängt würde«. Seine Berufsbestimmung bestand darin, »die Werke des Teufels zu zerstören« und die Erde zu erneuern und sie somit in eine Stätte des Lichtes und des Lebens umzubilden. Wie das Reich Gottes, das in Christo nahe herbeigekommen ist, über die ganze Erde sich ausbreiten und alle Reiche wieder unseres Herrn Jesu Christi werden sollen, so würde auch der erste Mensch die Aufgabe erhalten haben, vom Paradiese aus die ganze Erde wieder zu einer Stätte der Gegenwart und Offenbarung Gottes herzustellen. Sein Herrscherdienst bestand darin, die ganze Schöpfung durch seine Vermittlung mit der Herrlichkeit Gottes in Verbindung zu bringen und ihr die Fülle Dessen, der alles erfüllen will, zugänglich zu machen. Als »Mitarbeiter Gottes« sollte er »die irdische Schöpfung ihrer Wiederverklärung und Wiederaufnahme in die Chöre der himmlischen Lichtwelten entgegenführen und damit dem Ziel ihrer Vollendung, wenn einst die übergeschöpfliche Herrlichkeit Gottes in innigste Verbindung treten wird mit der neuen Erde« (Dekan Keerl). So sollte mit dem Menschen ein weltweites Gotteswerk beginnen; es sollte von ihm aus »die große Rückführungsaktion der ganzen Schöpfung zu Gott ihren Ausgang nehmen« (Prof. Dr. von Huene).63 In seiner Herrscherwürde lag sein Erlöserberuf.
Dennoch ist der Mensch nicht sogleich in das Paradies hineingeschaffen worden. Denn wenn es ausdrücklich heißt: »Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden« ( 1Mo 2,8.5 Elb. Bi.), so hat dieser Satz nur dann einen Sinn, wenn die Menschenschöpfung außerhalb des Paradieses stattgefunden hatte.64 Der Mensch sollte eben, ehe er in den Garten versetzt wurde, zunächst die außerparadiesische Erde sehen, um dann die Herrlichkeit des Paradieses und seinen eigenen, sich darüber hinaus erstreckenden Beruf in rechter, vertiefter Weise würdigen zu können.65 Oder wie Keerl sagt: »Als der erste Mensch mit vollem Bewußtsein unmittelbar nach seiner Erschaffung die Augen aufschlug, da lag zunächst die Landschaft Eden vor ihm, die, wie er sich nicht verbergen konnte, keine ihm voll entsprechende Wohnstätte war. Seine Versetzung ins Paradies sollte ihm den Unterschied beider Regionen zum Bewußtsein bringen. Sie sollte ihn zugleich die Tiefe und Höhe der Gnade und Liebe seines Gottes dankbar erkennen lassen, die sich in der Zubereitung dieser für ihn bestimmten Stätte des Lichtes und Lebens offenbarte. Um dieser Gründe willen wird zweimal (V. 8 und 15) seine Versetzung in das Paradies so betont.«
So hatte Gott alle Voraussetzungen geschaffen, daß der Mensch, auf Grund seines Geisteswesens, seine Berufung erfüllte, vom Paradiese als der geschichtlichen Zentralbasis seines Herrscherdienstes aus, »die Welt zu beherrschen und sie zu einem Gottesreich zu adeln, wo alles in seinem Dienste etwas von der Herrlichkeit Gottes offenbart.«
62 Man könnte auch sagen: Erlösung der Erde. Wer das Wort „Erlöser“ (Erlösung) wegen seines vorwiegend auf Christum gehenden Sinnes hier nicht in Bezug auf den Menschen anwenden möchte, sage: Befreier, Erretter oder einfach Werkzeug zur Zurückgewinnung. Nicht auf den Ausdruck, sondern auf die Sache kommt es an. Jedoch steht zu bedenken, daß dasselbe Wort „Erlöser“ (griech. lytrotes), das sich Ps 19,15 und Ps 78,35 (Septuaginta) auf Gott bezieht, trotzdem in Apg 7,35 auf einen Menschen (Moses) angewandt wird. Dies sind die einzigen Stellen, wo dies Wort in der Heiligen Schrift überhaupt vorkommt. Ebenso bezeichnet auch das Wort „Heiland, Retter“ (Griedi. soter), das sonst fast nur auf Gott (z. B. 1Tim 1,1 ) und Christum (z. B. Phil 3,20) geht, ebenfalls dennoch zuweilen gottgesandte menschliche Retter, z. B. Othniel (Richter 3,9 und Jerobeam II. von Israel (2Kön 13,5 vgl. 2Kön 14,25 ). Dies zeigt, daß die Schrift in dieser Hinsicht keine festgelegte, dogmatische Terminologie kennt.↩︎
63 Frhr. v. Huene (Professor für Paläontologie in Tübingen), Weg und Werk Gottes in Natur und Bibel. Marburg 1937 . S. 73 .↩︎
64 Eva allerdings wurde im Garten gebildet.↩︎
65 Ebenso Delitzsch: „Da erfaßte Gott, der Herr, den Menschen und ließ ihn nieder im Garten Eden“.↩︎