Aber wenn nun auch die Bescheidenheit des Christen im Sinn obiger Darlegungen nicht Mangel an Ehrgefühl ist, wie steht es mit der Geduld, von der die Bibel doch so oft spricht? Ist sie nicht ein Beweis von Schwäche der Persönlichkeit? Ist Nachgiebigkeit nicht charakterlos? Ist Widerstandslosigkeit und Wehrlosigkeit nicht Sklavenmoral und Ehrlosigkeit?
Wir antworten: Die christliche Geduld ist alles andere als unheldische Passivität. Sie ist ein »Darunterbleiben« unter einer Verpflichtung oder Last, auch wenn Leid auferlegt wird. Dies drückt schon, rein sprachgeschichtlich, das im Neuen Testament gebrauchte Wort aus. Es ist das Wort hypomone, zusammengesetzt aus griech. hypo »unter« und griech. menein »bleiben«. Christliche Geduld ist ein starkes Tragen der Situation, ein aktives Treubleiben auf dem Posten, ein zähes Festhalten am Ziel, selbst wenn der Sieg noch auf sich warten läßt. Sie ist also Standhaftigkeit, Tapferkeit, Zuversichtlichkeit, eine »Lebensenergie des Glaubens«.
»Habt Geduld!« heißt im neutestamentlichen Sinne: »Harret aus! Lauft nicht aus der Schule! Haltet durch!«
Darum sagt auch die Schrift: »Laßt uns mit Ausdauer laufen den vor uns liegenden Wettlauf!« (Heb 12,1). »Wer durchhält bis ans Ende, wird errettet« (Mt 24,13). »Wir preisen glückselig, die durchgehalten haben!« (Jak 5,11). Und ebenso, wie Treue auf dem Posten kein Widerspruch zur Soldatenehre ist, so ist auch christliches Standhalten kein Widerspruch zum Menschheitsadel. »In diesem Sinne ist der Darunterbleibende in Wirklichkeit ein Darüberstehender. Zu Zeiten bewährt sich die Geduld auch darin, daß man Gewehr bei Fuß warten kann, selbst wenn alles zum Angriff drängt, daß man selbst bei der scheinbar höchsten Notwendigkeit des Handelns auf jedes Unternehmen verzichtet, bis die ausdrückliche Weisung von oben kommt.« Voreiliges Handeln aber und unbeherrschtes Zurückschlagen ist in jedem Fall ein Beweis von charakterlicher Schwäche. So gehört zur christlichen Geduld glaubensstarke Selbstbeherrschung, innere Disziplin, seelische Kraft, ja, in besonderen Situationen geradezu charaktervolles Heldentum.
In diesem Sinne ist auch die christliche Selbstverleugnung gemeint. (Mt 16,24; Lk 9,23). Auch hier wird nicht Selbstaufgabe, Selbstquälerei, Weltscheu, Asketentum gefordert. Es wird nicht verlangt, daß sich der Christ allerlei Leiden selbst auferlegt und sich freiwillig gewissen Bußübungen und Kasteiungen unterzieht, sondern gemeint ist: »Die Jünger Jesu sollen ihr eigenes Ich nicht mehr als maßgebend anerkennen. Sie sollen alles einsetzen für die Sache ihres Meisters, koste es, was es wolle! Sie sollen es aufgeben, ein Leben aus eigener Bestimmung zu führen. Sie sollen restlos mobil sein für die Verfügungen eines Höheren! Und wenn solcher Dienst dann auch Opfer und Entsagungen mit sich bringt, dann sollen sie diese männlich auf sich nehmen. Grundvoraussetzung allerdings ist die Verbindung mit diesem Höheren, von dem man die Weisungen empfängt« (Ralph Luther).
So will das biblische Christentum seine Lehren über Geduld, Selbstverleugnung und Güte nicht im Sinn von willenloser Erduldung und schwächlicher Energielosigkeit verstanden wissen. Dies beweist auch schon die Tatsache, daß Paulus, der Hauptapostel des Urchristentums, bei seinen Belehrungen über christliches Sittenleben, sehr oft militärische und sportliche Vergleiche heranzieht. Ja, neben den Vergleichen aus der Gerichtshalle sind Bezugnahmen auf Kaserne und Sportstadion sogar seine Lieblingsvergleiche. Tief war es ihm eben ins Herz eingedrungen, daß ein Christenleben kein gemütliches Spazierengehen, sondern ein ernster Kampf ist. Es ist ein »Ringkampf« (Eph 6,12 wörtl.; 1Kor 9,26.27), ein »Wettlauf« in der Kampfbahn (Phil 3,14; 2Tim 2,5), ein heiliger Krieg (Eph 6,10-20; 1Thes 5,8). Es ist ein Ringen mit mächtigen, weltbeherrschenden Gewalten. Hier gibt es gleichsam bald Nahkampf mit dem Schwert (Eph 6,17), bald Fernkampf mit Pfeil und Speer (Eph 6,16), bald Festungskrieg um die Stadt »Menschenseele« (Röm 7,23), bald Niederringung dämonischer Einzelbollwerke (2Kor 10,4.5). Es ist ein Ringen, in dem es gilt, unter dem Zuruf des himmlischen Feldherm, gegen die Finsternismächte anzugehen (2Tim 2,3.4). Es ist ein Kampf, in dem es dann aber auch göttliches Überwinden (Röm 8,37), »Ruhmeskränze« und Auszeichnungen (2Tim 4,7.8), ja auch Siege mit »Triumphzügen« gibt (2Kor 2,14 vgl. Kol 2,15). Zuletzt aber wird Christus, der Herr der Heerscharen, begleitet von Seinen Engelarmeen, mit gebietendem Kommandoruf und dem Schall der Posaune Gottes Seine siegreichen Heere in die Herrlichkeit einführen (1Thes 4,16). Darum: »Zuletzt, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht Seiner Stärke! Ziehet an die ganze Waffenrüstung Gottes!« (Eph 6,10). »Seid männlich und seid stark!« (1Kor 16,13). »Leide mit als ein guter Streiter (Kriegsmann) Jesu Christi! . . . Und so jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht!« (2Tim 2,3.5).