Die Bibel lehrt das Dasein eines persönlichen Teufels. Über diese Lehre ist viel gespottet worden, in ungezählten Fällen allerdings ohne eigenes, ernsthaftes Nachdenken. Gar zu oft ist »Freidenker«-sein nicht viel mehr als »frei« sein vom »Denken«! In Wahrheit aber erweist sich auch hier die biblische Weltanschauung als über die Kritik und Gedankenlosigkeit ihrer Gegner turmhoch erhaben! Dies zeigt schon eine kurze naturphilosophische Überlegung.
Das Zeugnis von Natur und Geschichte.
Unleugbar ist die uns bekannte Naturordnung keine vollkommene. Eine absolute Weltharmonie existiert nicht. Vielmehr bietet uns die Natur einen rätselhaften Zwitterzustand dar von Glück und Unglück, Weisheit und Unvernunft, Zweckmäßigkeit und Zerrüttung. Jubel und Jammer, Güte und Grausamkeit, Lebensfreude und Todesweh - dies alles durchzuckt den Organismus der Erdwelt.
Die Disharmonie in der Welt.
Diese beweist zunächst noch nicht das Vorhandensein gottfeindlicher Mächte. Denn Unvollkommenheit an sich braucht noch nicht notwendig eine Folge von Gottwidrigem zu sein. Es ist klar, daß zu den vom Schöpfer Selbst gegebenen Gesetzen der raum-zeitlichen Welt auch der Grundsatz der Entwicklung gehört. Die Welt, wie Gott sie will, muß werden. Im Begriff der Entwicklung aber liegt es, daß das, was sich entwickelt, sich aus einem relativ niederen Zustand in einen höheren und vollkommeneren entwickelt, bis zuletzt das Endziel des ganzen Werdeganges erreicht ist. Eine absolute Gleichheit des Vollkommenheitsgrades der einzelnen Stufen würde den Begriff der Entwicklung und des Werdens aufheben. Wenn es also nun einen Gradunterschied zwischen relativ unvollkommenen und relativ vollkommenen Stadien in der Schöpfung gibt und geben muß, so ist, für eine auf ein Werden hin angelegte Welt, eine solche relative Unvollkommenheit etwas Gottgewolltes und Gottgegebenes, solange die Entwicklung andauert.
Dies ist aber nicht die Unvollkommenheit, welche die gegenwärtige Welt offensichtlich kennzeichnet. Allerdings zeigt sie auch zahlreiche solche normalen Unvollkommenheiten, die mit dem Begriff jedes Wachstums notwendig gegeben sind. Vorherrschend ist aber eine andere Unvollkommenheit, eine anormale, die ein Prinzip der Hemmung in sich birgt. Niemand wird behaupten, daß Sterben nur ein geringerer Grad vom Leben, daß Lügen nur eine Vorstufe der Wahrheit, daß Mord ein Anfangsstadium der Nächstenliebe sei! Sinnlos und wirklichkeitsfremd ist darum die Idee des Pantheismus, daß alles, was wir als »Übel« empfinden - sogar das Böse und der Tod - keine unnormalen, sondern normale Unvollkommenheiten seien, d.h. notwendige Durchgangsstadien des Gottwelt-Evolutionsprozesses, etwa wie Kälte nicht ein Widerspruch zur Wärme, sondern nur ein geringerer Grad der Wärme sei!
Nein, durch die Natur geht ein ganz anderer, viel gewaltigerer Riß! Hinter dem Kampf in der Natur steht offenbar irgendwie eine Revolution. Der unserer Erfahrung zugängliche kleine Ausschnitt aus dem Kosmos ist für jeden Beobachter in einer rätselhaften Verfassung. »Auf der einen Seite zeigt er zuviel Vernunft, Weisheit und Glück, um die Gottesleugnung zu rechtfertigen; auf der andern Seite zeigt er zuviel Unvernunft, Bosheit und Unglück, um den Gottesglauben wahrscheinlich zu machen. Er macht den Eindruck eines großartigen Tempels in trümmerhaftem Zustande, dessen tiefsinnige Inschriften von einem Unbekannten boshaft und geschickt karikiert worden sind« (Dr. von Gerdteil).
Daß es Dinge in der Welt gibt, die wir als etwas Böses und Übles empfinden, ist zweifellos. So die Störungen des Gleichgewichts der Naturkräfte, die Leiden und der Tod bewußter, lebendiger Wesen. Fragen wir aber nach dem Woher, so ist ebenso sicher, daß das Vorhandensein des Bösen und des Übels mit dem Begriff eines persönlichen, heiligen und vollkommenen Gottes im Widerspruch steht. Wohl ist das Gute im Weltenplan Gottes nicht möglich ohne die Möglichkeit des Bösen43; aber die Wirklichkeit des Bösen und die damit verbundenen, tatsächlichen Weltstörungen können nimmermehr als etwas Notwendiges von Gott gesetzt worden sein. Denn wäre dies alles im Anfang nötig gewesen, so ist nicht einzusehen, warum es nicht immer so erforderlich sein sollte.
Man könnte denken, Gott habe eben deshalb eine sich disharmonisch gegenüberstehende Vielheit von Wesen und Grundsätzen schaffen müssen, damit Er um so größere Gelegenheit erhalte, die Kräfte Seiner Weisheit und Güte zu offenbaren, die gerade in einer harmonischen Zusammenfassung und Beherrschung von Gegensätzen desto klarer hervorleuchten. Dies wäre ohne das Vorhandensein solcher Disharmonien nicht in gleich hohem Maße möglich gewesen, weil die Beherrschung harmonischer Geschöpfe von vornherein wesentlich einfacher sei.
Darauf ist aber zu antworten, daß Gott ja dann in dem Maße, wie Er die Welt der Vollendung entgegenführt, auch das Böse und Unvollkommene in ihr bis ins Unendliche steigern müßte! Denn nur so könnte sich dann Seine Weisheit in absoluter Weise offenbaren, wenn in der Welt die absoluteste Disharmonie herrscht! Das aber hieße, daß die Vollendung der göttlichen Selbstentfaltung nur in einer völlig chaotischen Schöpfung erreicht werden könnte. Damit aber würde das Übel verewigt und der Begriff der Vollendung selbst aufgehoben. In Wahrheit aber beweist die Tatsache, daß die Weltordnung dereinst ohne Störungen möglich sein wird (vgl. Off 21,4), zur Genüge, daß sie an sich nicht ohne Störungen überhaupt unmöglich ist!
Außerdem liegt dieser ganzen Idee eine derartige Loslösung der Allmacht und Weisheit Gottes von Seiner Heiligkeit und Liebe zugrunde, daß Gott damit aufhören würde, überhaupt noch ein einheitlich harmonisches Wesen zu sein. Dieser Einwand bliebe auch dann bestehen, wenn man sagen wollte, das Böse sei notwendig, damit Gottes Retter- und Erlöserherrlichkeit Gelegenheit bekomme, sich in ihrem vollen Glanze zu entfalten. Außerdem würde dies noch dazu auf den von Paulus bekämpften Grundsatz der Unmoral hinausführen: »Sollen wir in der Sünde beharren, damit die Gnade sich umso reicher zeige?« (Röm 6,1). Vor allem aber könnte in all diesen Fällen Gott ja nicht mehr ohne einen Teufel fertig werden, oder Er müßte Selbst die Sünde wollen und sie, wenn sie nicht anderweitig zustande käme, geradezu in selbsteigener Person hervorrufen!
Die Wirklichkeit des Dämonischen.
Nein, will man mit dem Begriff der Schöpfung als einer Offenbarung des Wesens des Schöpfers und mit dem Begriff der Offenbarung als einer sich selbst offenbarenden des heiligen und vollkommenen Gottes Ernst machen, so ist es restlos unmöglich, eine Welt, die vom Scheitel bis zur Zehe dem Verderben verfallen ist, unmittelbar, so wie sie ist, auf Ihn als den alleinigen Ursprung zurückzuführen. Dann aber können das Böse und alle Übel auch nicht mehr als notwendige Durchgangsstadien der Weltentwicklung aufgefaßt werden, als ein bloßes Nochnicht des Vollkommeneren - also als etwas rein Abstrakt-Negatives - , sondern sie müssen als wirkliche Hemmungen und Querwirkungen betrachtet werden und mithin als etwas Real-Konkret-Positives, das sich der gottgewollten Weltentwicklung entgegenstellt. Das aber heißt: das Vorhandensein des Weltleides und aller Übel bezeugt das Dasein einer transzendenten, von Gott nicht gewollten, realen, dynamischen Gegenmacht. Diese aber muß ihrerseits als eine Persönlichkeit gedacht werden, da Ethisches beziehungsweise Unethisches nur von bewußten, freien Wesen ausgesagt werden kann.
Im Begriff eines absoluten und ewig vollkommenen Gottes liegt es, nur Einer zu sein und als solcher der Ursprung alles außer und neben ihm Bestehenden zu sein. Folglich muß auch diese Gegenmacht, ihrer Existenz nach, auf Ihn zurückgeführt werden. Weil aber Gott zwar wohl etwas geschichtlich noch Unvollendetes, nicht aber etwas Seiner Weltidee stracks Widersprechendes schaffen kann, muß auch sie ursprünglich rein und fleckenlos aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sein. So bleibt zur Erklärung ihres gegenwärtigen, gottfeindlichen Zustandes nur die Möglichkeit eines Abfalls übrig.
Mit diesem Ganzen ist die Existenz des Teufels als eine naturphilosophische Denknotwendigkeit erwiesen.44
Auch naturwissenschaftlich lassen sich gar keine Gegengründe gegen diesen Glauben einwenden. Die Naturwissenschaft lehrt, daß es in der Welt die allerverschiedensten Arten von Lebewesen gibt. Allein auf unserer kleinen Erde gibt es weit über zwei Millionen Lebearten45. Es gibt Fische, die nur in der tiefsten Tiefe, und Vögel, die nur in der höchsten Gebirgsluft leben können. Es gibt Tiere, die nur in der Hitze der Tropen, und andere, die nur in der Kälte der Polarländer leben können. Aber alle sind wirkliche Lebewesen, so verschieden auch ihre Natur ist. So kann es auch - schon vom rein naturphilosophischen Denken aus geredet - Wesen geben, die ohne stofflichen Leib sind, gleichwie die Lebewesen unserer Erdenwelt alle mit stofflichem Leib sein müssen. Von einem naturwissenschaftlichen Uberholtsein des Glaubens an das Dasein guter oder böser Geistwesen kann darum überhaupt nicht die Rede sein.
Der moderne Mensch steht der Teufelsidee meist nur schon deshalb von vornherein ablehnend gegenüber, weil er dabei fast immer sofort an die derb-sinnliche und populär-schauerliche, lächerlich-groteske und albem-phantastische Teufelsvorstellung des Mittelalters denkt. Richtig, sagt Professor Dr. Ebrard: »Alle Einwände der Philosophie gegen den Teufel gehen nicht gegen ihn, wie er in der Bibel geschildert wird, sondern gegen die falschen Ideen, die man sich zuvor über ihn ersonnen hat.« Und mit dem Tübinger Paläontologie-Professor Dr. Frhr. von Huene muß gesagt werden, »daß die komische Figur mit Hörnern und Pferdefuß, die man im Mittelalter und noch heute vielfach dem Teufel in Wort, Bild und Literatur gibt, mindestens ein Spielen mit dem Feuer, ja eine Frivolität genannt werden muß. Die Gefahr ist viel ernster und seine, auch heutige Macht viel bedrohlicher, als die meisten Menschen es ahnen.« - »Gott mit der reinen Sache, die Er hat und vertritt, offenbart Sich; der Böse mit der entgegengesetzten verbirgt sich« (Professor Dr. Erich Schäder).
In Wahrheit ist der Teufel ein mit höchster Intelligenz begabtes, zwar gefallenes, aber nichtsdestoweniger überaus machtvolles, persönliches Geistwesen, dessen Existenz weder philosophisch noch naturwissenschaftlich in irgendeiner Weise angreifbar ist. Und da es gerade die Erde und der sie umgebende Teil des Weltalls ist, wo wir die Disharmonie, den Tod und das Verderben beobachten, drängt sich schon der rein spekulativen Naturbetrachtung der Schluß auf, daß diese Erde und wohl auch das mit ihr verbundene Sonnensystem die Domäne dieses weltenbeherrschenden Machtwesens sei.
Biblischer Beweis.
Alle diese Schlüsse finden nun auch durch die Heilige Schrift ihre Bestätigung. Zweifellos ist der Glaube an die Existenz eines persönlichen Teufels der Glaube Jesu und Seiner Apostel.
Das Zeugnis Jesu und Seiner Apostel.
Schon gleich zu Anfang Seines öffentlichen Dienstes weiß Jesu Sich in einen unmittelbaren Kampf mit Seinem Erzfeind, dem Teufel, gestellt. Die ganze Versuchungsgeschichte Jesu beweist über allen Zweifel, daß es sich hier um eine tatsächliche und ganz persönliche Auseinandersetzung zweier Hauptgegner handelt. Sowohl die Berichterstattung der Evangelisten wie auch die Art des Verhaltens Jesu und Seine Worte selbst zeigen klar, daß es sich hier nicht um ein bloßes »Prinzip« des Schlechten handelt, sondern um eine wirkliche, tatsächlich vorhandene, sprechende und handelnde Person, eben nicht nur »das« Böse, sondern »den Bösen«. »Der Versucher trat zu ihm hin und sprach« (Mt 4,3). »Der Teufel nimmt ihn . . . und stellt ihn auf die Zinne und spricht« (V. 5). »Dann verläßt ihn der Teufel« (V. 11). »Der Teufel weidit von ihm« (Lk 4,13). Umgekehrt ebenso: »Jesus spricht zu ihm « (V. 7). »Jesus antwortete ihm « (Lk 4,3). »Jesus spricht zu ihm « (Mt 4,10).
In gleicher Weise bezeugen auch andere Worte Jesu Seinen Glauben an die Existenz eines persönlichen Teufels. Er sagt, Satan habe ein »Königreich« (Mt 12,26). »Ich sah den Satanas herabfallen wie einen Blitz vom Himmel« (Lk 10,18). Er nennt ihn den »Fürsten dieser Welt« (Joh 12,31; 14,30; 16,11). Die ungläubigen Juden seien seine Kinder. »Ihr seid vom Vater, dem Teufel« (Joh 8,44). Golgatha ist für Ihn eine ganz persönliche Entscheidungsschlacht gegen diese persönliche Feindesgewalt. »Der Fürst der Welt kommt.«
»Der Fürst der Welt ist gerichtet.« »Der Fürst dieser Welt wird herausgeworfen werden.«
Denselben Glauben teilen Seine Apostel. Darum spricht Paulus von dem »Fürsten über die Mächte der Luft« (Eph 2,2), der seine »Gedanken« (2Kor 2,11), ja, seine »Diener« hat, die sich als Diener der Gerechtigkeit verstellen, gleichwie er selbst, der Satan, die Gestalt eines Lichtengels annehme (2Kor 11,14). Der Zweck seiner eigenen, missionarischen Sendung besteht für ihn darin, den Menschen »die Augen aufzutun, auf daß sie sich bekehren. . . von der Gewalt (Obrigkeit) des Satans zu Gott« (Apg 26,18), und siegesgewiß erklärt er im Römerbrief: »Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter eure Füße zertreten« (Röm 16,20).
Den gleichen Glauben bezeugt Johannes. »Der Teufel sündigt von Anfang« (1Joh 3,8). »Die ganze Welt liegt in dem Argen« (1Joh 5,19). »Der Sohn Gottes ist erschienen, daß er die Werke des Teufels zerstöre« (1Joh 3,8). Ohne Schwierigkeit ließe sich die Zahl solcher Beweise aus den Evangelien und Apostelbriefen vermehren.
Wer diesen urchristlichen Glauben nicht teilt, kann unmöglich Jesus und Seine Apostel verstehen. Es ist für den Glauben ein völlig unvollziehbarer Gedanke, daß Christus Sich in dieser Frage etwa geirrt und an gewissen, bloßen Zeitvorstellungen Seiner Umwelt teilgenommen habe. Denn schon ganz abgesehen von der Tatsache, daß Christus, trotz Seiner Selbstentäußerung (Kenose: Phil 2,7), als menschgewordener Gottessohn über jeden Irrtum erhaben war, würde ein Irrtum in dieser Frage noch dazu bedeuten, daß Christus Sich über die Mächte, mit denen Er Selbst zu kämpfen und die Er zu überwinden hatte, also über den Hintergrund, die geschichtliche Voraussetzung und das Ziel Seiner ganzen, eigenen Erlösertätigkeit getäuscht habe! »Diese Annahme aber ist«, wie Professor Erich Schäder mit Recht sagt, »für den Glauben unerträglich, der mit Jesus als dem Erlöser und dem Bringer des Reiches Gottes im Geist verbunden i s t . . . Mit dem Gedanken an Gottes Gericht über »das« Böse, d. h. die Sünde, verbindet sich ihm der Glaube an das Gericht über »den« Bösen, der versucherisch und treibend hinter der menschlichen Sünde steht.«
Weltuntergang und kosmische Revolution.
Dazu kommt noch ein Weiteres. Nach der Bibel wird einmal nicht nur die Erde, sondern auch der ganze, mit ihr verbundene Himmel in einer gewaltigen Gerichtskatastrophe vergehen. Die Himmel werden mit Krachen aufgelöst und die Elementarstoffe in Flammenglut zerschmolzen werden. Die Erde wird mit all ihren Werken in Feuer aufgehen, so daß alles dem Untergang verfällt (2Pet 3,10; Off 20,11; Mt 5,18). Wenn aber nun die Schöpfung nur eine relative, aber sonst normale Unvollkommenheit eines stetig voranschreitenden Wachstums hätte, so wäre auf keinen Fall einzusehen, warum sie nicht ohne eine so furchtbare Katastrophe, nämlich in allmählicher Aufwärtsentwicklung ihrem Ziele entgegengehen könnte. Und da es ferner unmöglich ist, diese Gerichtskatastrophe in ihrem gesamten Umfang, auch in Bezug auf die Himmel, als Folge des Sündenfalls der Menschen, der Bewohner der Erde, anzusehen, so bleibt auch von diesem Gesichtspunkt aus nichts weiter mehr übrig, als an eine übermenschliche Ursünde, eine kosmische Revolution zu denken, die im Reiche der Geister stattgefunden haben muß.
Das Zeugnis der biblischen Urgeschichte.
In diese Richtung scheint auch eine Andeutung der Heiligen Schrift zu weisen. Der Mensch sollte den Paradiesgarten bebauen und »bewahren« (1Mo 2,15). Es muß also schon damals eine Gefahrenquelle vorhanden gewesen sein, die eine »Bewahrung« erforderlich machte. Die spätere Versuchungsgeschichte der Bibel beweist, daß dieser Schlußfolgerung tatsächlich die Wirklichkeit entsprach. Es gab schon in jenen Anfangstagen der Menschheitsentwicklung eine Macht des Bösen, die dem Reich des Guten entgegengesetzt war (1Mo 3). Dabei muß diese gottfeindliche Gewalt in irgendeiner Beziehung zur Erdenwelt gestanden haben, da sie gerade auf dieser ihre Verführungskunst ausübt.
Engelorganisationen im Reich des Lichts und im Reich der Finsternis.
Aus den Weissagungen Daniels erkennen wir, daß gewisse Gebiete der Schöpfung Gottes jeweilig bestimmten Engeln unterstellt sind. Ihre Aufgabe ist es, in diesen, ihnen von Gott zugewiesenen Schöpfungsbezirken im Namen Gottes die Herrschaft und Verwaltung auszuüben. Darum sind sie zugleich »Wächter« und Hüter der Weltordnung Gottes (Dan 4,13). Auf ihre »Anordnung« hin können Königreiche, ja, Weltreiche zerschmettert werden. »Siehe, ein Wächter und Heiliger stieg vom Himmel hernieder. Er rief mit Macht und sprach: Hauet den Baum (d. h. die Königsherrschaft Nebukadnezars) um . . . Durch >Beschluß< der >Wächter< ist dieser Ausspruch, und ein >Befehl< der Heiligen ist diese Sache« (Dan 4,14.17). So sagt auch Stephanus, daß das Volk Israel das Gesetz auf »Anordnungen von Engeln hin« empfangen habe (Apg 7,53).
Grundsätzlich ähnlich ist die äußere Form der Organisation im Reich der Finsternis. So spricht das Buch Daniel von einem »Engelfürsten von Griechenland« (Dan 10,20) und einem »Engelfürsten von Persien« (Dan 10,13). Damit sind zweifellos dämonische Geistesmächte gemeint, die diese heidnischen Völker inspirieren und leiten. Auf der anderen Seite ist, in der Welt des Lichts, der Erzengel Michael der Engelfürst des Volkes Israel, »der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht« (Dan 12,1), »euer (Engel)fürst« (Dan 10,21). Die Offenbarung des Johannes läßt erkennen, daß es sowohl in der unsichtbaren Welt des Lichts als auch in der Welt der Finsternis geradezu Engelarmeen gibt, die je unter der Anführung eines besonders hervorragenden Engelfürsten stehen. So hat Michael »seine« Engel, und so hat der Drache »seine« Engel: »Und es entstand ein Kampf in dem Himmel. Michael und >seine< Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und >seine< Engel, und sie siegten nicht o b . . . Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welche Teufel und Satan genannt wird . . . Geworfen wurde er auf die Erde, und >seine< Engel wurden mit ihm hinabgeworfen« (Off 12,7-9).
Dies alles zeigt, daß es Engelorganisationen gibt, »Throne, Herrschaften, Fürstentümer und Gewalten«, wie Paulus es ausdrückt, nicht nur in der sichtbaren, sondern auch in der unsichtbaren W elt (Kol 1,16; Eph 1,21). Von hier aus, so scheint es, ergibt sich auch eine Möglichkeit, noch weitere Zusammenhänge des übergeschichtlichen Hintergrunds der Weltallgeschichte zu ahnen.
Satan als gefallener Engelfürst Gottes.
In der Versuchungsgeschichte Jesu bietet Satan dem Herrn alle Macht und Herrlichkeit der Reiche dieser W elt an, wenn Er nur niederfalle und ihn anbete. Die Möglichkeit und Durchführbarkeit dieses seines Angebots begründet er mit dem Hinweis darauf, daß ihm die Herrschaft über die Welt einst »übertragen« worden sei. »Mir ist sie >verliehen< (griech. paradedotoi) worden, und ich kann sie geben, wem ich will« (Lk 4,6).
Dies ganze Angebot wäre aber für den Herrn als Versuchung von vornherein wesenlos gewesen, wenn nicht tatsächlich eine solche Rechtsgrundlage für Satans Herrschaft in der Welt bestanden hätte. Im anderm Fall hätte Jesus nur einfach darauf hinzuweisen brauchen, daß für diesen Rechtsanspruch und diese Verfügungsmöglichkeit Satans in Bezug auf die Herrlichkeit der Welt gar keine Voraussetzungen vorhanden seien. Der Herr läßt aber diese Behauptung Satans sachlich unwidersprochen und erklärt nur, daß man Gott allein anzubeten habe und Ihm allein dienen solle (Lk 4,8). Damit aber erkennt Er grundsätzlich dem Versucher die Vollmacht an, über die Reiche dieser Welt gegenwärtig verfügen zu können.
Das Gleiche liegt den verschiedenen Worten Jesu zugrunde, in denen Er Satan den »Fürsten dieser Welt« nennt (Joh 12,31; 14,30; 16,11).
Mit diesem Ganzen verbindet sich das Zeugnis des Buches der Offenbarung. Denn wenn es dort für die Zeit des Endes des gegenwärtigen Zeitlaufs heißt: »Die Herrschaft über die Welt ist an unsern Herrn und seinen Gesalbten gekommen, und er wird als König in alle Ewigkeit herrschen« (Off 11,15 vgl. 19,6), so liegt in diesen Worten ebenfalls die Andeutung, daß das Reich der Welt bis zu jenem Augenblick unter der Botmäßigkeit eines andern, eben des Fürsten dieser Welt, steht. Nun verstehen wir auch, warum der Erzengel Michael bei seinem Streit mit dem Satan um den Leib des Mose nicht wagte, ein lästerndes Urteil über ihn auszusprechen, sondern nur sagte: »Der Herr strafe dich« (Jud 9).
Den Fall dieses gewaltigen Lichtfürsten scheint auch, wie schon die Rabbiner annahmen, die Schilderung des gestürzten Babels bei Jesaja mit im Auge zu haben: »O, wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzgestim, Sohn der Morgenröte!« (Jes 14,12). Auch Hesekiel entlehnt offenbar die Bilder seiner Beschreibung des Falles von Tyrus jenem Urereignis: »Du warst ein gesalbter Cherub, der da schirmt; ich hatte dich dazu bestellt; auf dem heiligen Götterberge weiltest du; inmitten feuriger Steine wandeltest du. Unsträflich warst du in all deinem Tun von dem Tage deiner Erschaffung an, bis Verschuldung an dir gefunden wurde. Dein Sinn war hochfahrend geworden infolge deiner Schönheit; du hattest deine Weisheit außer acht gelassen um deines Glanzes willen« (Hes 28,14-17).
Zweifellos ist in diesen beiden Prophetenworten nicht unmittelbar vom Fall Satans die Rede! Offensichtlich ist das Wort Jesajas gegen den buchstäblichen, menschlichen König von Babylon und das Wort Hesekiels gegen den buchstäblichen, menschlichen König von Tyrus gerichtet. Darum können diese beiden Schriftabschnitte auch nicht als entscheidende, lehrhafte Grundlagen für den Fall Satans angesehen werden. Aus bildhaften und dichterischen Worten lassen sich nicht ohne Weiteres lehrhafte Folgerungen ziehen. Diese müssen vielmehr in bildlosen und unmittelbaren Schriftaussagen begründet sein. Die Bedeutung der bildhaften und dichterischen Schriftworte liegt vornehmlich im Illustrativen, und zwar, um der Botschaft für Herz und Empfinden des Lesers und Hörers vermehrten Eindruck zu verleihen. Dennoch ist unverkennbar, daß die Art und Weise der hier gegebenen Schilderungen weit über den Rahmen des rein Menschlichen und bloß Dichterischen hinausgeht.
Ähnlich wie König David ein Abbild seines himmlischen Oberherm Christus ist, so sind hier diese beiden heidnischen Könige Abbilder ihres dämonischen Oberherm.
Verschiedentlich in den Psalmen geht die Form der Schilderung von Erlebnissen Davids weit über den menschlichen Rahmen seiner irdischen Persönlichkeit hinaus (z. B. Ps 16; Ps 22) und wird mit der Geschichte des himmlischen »David« verflochten. So ähnlich - nur eben in umgekehrtem Sinne - ist das Verhältnis der Könige von Babel und Tyrus zu Satan, ihrem Gebieter, der die Geschichte der heidnischen Weltreiche als ihr eigentlicher Oberherr lenkt und inspiriert.
Darum kann der Sturz dieser heidnischen, irdischen Könige in solchen poetischen Schilderungen zugleich mitgeschaut werden mit dem Sturz des Königs des Reiches der Finsternis, und sowohl Jesajas wie auch Hesekiel können die Bilder ihrer Beschreibung des Falles von Babel und Tyrus jenem erschütternden Urereignis entlehnen, das in Wahrheit aller menschlichen Sünde, allem menschlichen Aufruhr und auch allem menschlichen Zusammenbruch zugrundeliegt. Eine verborgene mystische Bedeutung ist in diesen Prophetenworten verwoben mit ihrer mehr unmittelbaren, sofortigen Bezugnahme auf örtliche und historische Personen und Ereignisse. In diesem indirekten Sinn nennt ein englischer Schriftausleger unserer Zeit, Dr. J. H. Baxter, die Könige von Tyrus und Babylon mit Recht »Spiegelbilder der Majestät Satans in seinem Fall«.46
Die Verschwiegenheit der Bibel.
Daß die Heilige Schrift über all diese Fragen nicht offenkundig, ausführlich und unmittelbar redet, hängt mit ihrem ganzen Charakter und ihrer Zielsetzung zusammen. Sie will, als die Urkunde des Heils, dem Menschen, prophetisch-geschichtlich, den Weg zur Erlösung zeigen, ihm aber nicht, philosophisch, das System einer Geschichts-, Welt- oder Ewigkeitsanschauung vermitteln. Denn wenn sie das wollte, würde kein Mensch sie verstehen. Darum redet sie auch über den Ursprung des Bösen nur kurz und mittelbar, nur in gelegentlichen, bildhaften Andeutungen, niemals aber in direkten Belehrungen und nirgends in zusammenhängender, unverhüllter Form.47 Sie will uns ja nicht die Geschichte der Engel, sondern die Heilsgeschichte der Menschen beschreiben. Sie will uns das sagen, was wir wissen müssen, um den Weg der Erlösung zu finden.
Offenbaren tut Gott eben immer nur Sich Selbst. Dabei hat Er die Absicht, durch Wort und Tat einen Heilsweg auf Erden zu ermöglichen, auf dem die sündige Menschheit zu Ihm zurückgeführt werden kann. Das Ziel Seiner Offenbarung ist also nicht theoretisch, sondern praktisch. Darum bringt auch die Bibel keine denkmäßig-theologisch aufgebaute Zusammenfassung von religiösen Lehrsätzen, etwa in der Art eines Katechismus oder einer Dogmatik - so wertvoll solche Arbeiten in ihrem Aufgabenbereich auch sein mögen –, sondern ganz schlichte, geschichtlich-prophetische Urkunden über das Wirken und Walten des Höchsten im Leben hienieden. Dadurch sollen unsere Augen geöffnet werden, und eine neue Welt soll sich uns auftun, in der wir Gott Selbst leben sehen.
Indem aber die Sonne der wahren Gottesidee am Firmament unseres Erkennens aufgeht, gießt sie die Tageshelle ihres ewigen Lichts zugleich auch über die ganze Welt in uns und um uns aus. Und da die göttliche Offenbarung ohne ihren übergeschichtlichen Hintergrund schlechthin unbegreifbar wäre, muß die Heilige Schrift auch ihn kurz berühren, aber eben nur hintergrundartig. Und da zu diesem Hintergrund auch wesentlich die Entstehung und Wirksamkeit des personhaft Bösen gehört, läßt sie ebenfalls sein Dasein und seine Entwicklung, wenigstens durch Andeutungen, in verhüllter Weise durchblicken.
43 Vgl. Seite 72 .↩︎
44 Wie es der Pantheismus will. Der Pantheismus - die Lehre, daß Gott (eigentlich: die unpersönliche Gottheit) und die Welt eins seien - muß, seinem ganzen Wesen gemäß, in allen Übeln, selbst in Sünde und Tod, nur relative (nicht anormale) Unvollkommenheiten erblicken, also unumgängliche Durchgangsstadien des Gottwelt-Evolutionsprozesses. Damit löst er aber zugleich den Begriff wahrer, idealer Göttlichkeit auf; denn die Idee einer Göttlichkeit ohne selbsteigene Harmonie ist ein Widerspruch mit sich selbst.↩︎
45 z.B. 20 .000 Arten (1) von Vögeln, 200 000 Schmetterlingsarten, 250 .000 Käferarten, 300 .000 Pilzarten. Ferner 250 .000 Pflanzenarten.↩︎
46 Dr. J. H. Baxter, Studies in Prophetie Texts. 1949 . S. 191 . - „A latent mystic significance is, in these passages, interwoven with their more immediate reference to local and historical persons and happenings“.↩︎
47 Lk 10,18 und 1Tim 3,6.7 sind fast die einzigen Stellen, die in etwas deutlicherer Weise von dem Fall Satans sprechen. Aber auch bei diesen klingen, wie nidit wenige Schriftausleger glauben, zugleich andere Beziehungen noch mit.
So meint Lk 10,18 zugleich den Sieg Jesu in Seiner Versuchung und in Seinen Wundern über die Teufelsmacht in Seinen Erdentagen: „Ich sah den Satanas vom Himmel fallen als einen Blitz.“
1Tim 3,6.7 : Der Älteste soll nicht ein Neuling sein, sondern bereits im Glauben bewährt, „auf daß er nicht . . . ins Gericht des Diabolos (Verklägers, Verleumders) . . . in den Fallstrick (die Schlinge) des Diabolos (Verklägers, Verleumders) verfalle“. Das griechische Wort diabolos selbst kann, was seine eigentliche Wortbedeutung betrifft, sowohl den satanischen Verkläger bedeuten wie gleichfalls einen menschlichen Ankläger (vgl. das Zeitwort diaballo in Lk 16,1). Nach der Auffassung namhafter Schriftausleger handelt es sich hier um den menschlichen Ankläger und Verleumder, in dessen böswillige Beurteilung (Kritik, Gericht, üble Nachrede) der unbewährte Christ kommen könne. Zu dieser Erklärung des Textes kann der Zusammenhang durchaus führen, da gerade im selben Satz gesagt wird: Der Älteste muß „ein gutes Zeugnis haben von denen, die draußen sind“, d. h. vor der Welt (V. 7 a). Auch läßt ja das griechische Wort diabolos selbst, wie wir sahen, eine Möglichkeit dieser Auslegung zu. Man vergleiche die Übersetzung dieser Stelle und die dazu gegebene Anmerkung in der Bibelübersetzung von Prof. H. Menge. Andererseits jedoch gilt es zu bedenken, daß das Wort „diabolos“ an den allermeisten Stellen der ganzen griechischen Bibel sich auf den Teufel selbst bezieht. So haben bereits die meisten Kirchenväter (z. B. Hieronymus), unter den Neueren J. A. Bengel, Prof. v. Oosterzee in Lange's Bibelwerk, Prof. Wohlenberg in v. Zahris Kommentar zum N. T., ebenso Prof. Ad. Schlatter diese Stelle auf den vorgeschichtlichen Fall Satans gedeutet.
1Pet 2,4 und Judas 6 beziehen sich, unseres Erachtens, auf 1Mo 6,1-4 .↩︎