Die Treue Gottes, so wie wir sie in seinen Wegen mit Bileam finden
Der Feind beabsichtigte, Gottes Volk am Genuss des Landes zu hindern, in das Gott sein Volk nach seiner Verheißung hineinbringen wollte. Jetzt ging es nicht um den Auszug aus Ägypten. Es war schon herausgeführt und befand sich fast am Ende seines Weges. Konnte sein Einzug in das Land vereitelt werden? Wenn es davon abhängig gewesen wäre, was das Volk in sich selbst war – natürlich! Und Satan, der Verkläger der Brüder, könnte wegen unserer Sünden auch uns den Eingang in den Himmel unmöglich machen, wenn wir auf der Grundlage unserer Würdigkeit dorthin gelangen müssten. Die Israeliten waren während des ganzen Weges steifnackig und voller Widersetzlichkeit, obwohl Gott ihnen Wasser aus dem Felsen gab gegen ihren Durst und Manna vom Himmel als Nahrung. Nun musste die ernste Frage geklärt werden, ob ihr Verhalten sie vom Einzug in das Land ausschließen konnte. In diesem Moment entfaltete sich die Macht des Feindes und nicht seine List. Letztere erkennen wir später in der Geschichte Bileams. Es ging darum, ob der Feind – sei es durch Macht, sei es durch List – Israel aus dem Land Kanaan heraushalten konnte. Wir werden sehen, wie Gott seine Gedanken über das Volk verkündet. Als Er die Frage zur Beantwortung übernahm, war der Feind völlig machtlos.
Moab nimmt den Platz weltlicher Macht ein. Es war sorglos von Jugend an. Still lag es auf seinen Hefen und wurde nicht von Fass zu Fass ausgeleert (Jer 48,11). Während es diese weltliche Stellung einnahm, rief es den Propheten mit dem Wahrsagerlohn in seiner Hand, um für Moab tätig zu werden. Balak besaß als König bürgerliche Autorität; doch er war sich dessen bewusst, dass er in diesem Fall eine ihm überlegene Macht zur Hilfe benötigte. Die obrigkeitlichen Gewalten sind von Gott eingesetzt (Röm 13,1). Wenn alles in Ordnung ist, benötigt man also normalerweise nicht diese übergeordnete Art von Macht, um über ein Volk zu herrschen. Da Balak kein Bewusstsein der Autorität und Macht Gottes hatte, suchte er seine Hilfe bei jemand anderem.
Die Israeliten hatten ihr Zeltlager an den Grenzen des Landes aufgeschlagen, als dieser Versuch gemacht wurde, ihren Einzug zu verhindern. Das ist für uns von praktischer Bedeutung, weil viele Gläubige zwar die Erlösung kennen, aber – wenn sie ihre geringe Übereinstimmung mit derselben in der Praxis und ihr Versagen erkennen – anfangen zu zweifeln, ob sie überhaupt jemals den Himmel erreichen werden. Es ist richtig, uns selbst wegen des Bösen in uns zu richten; dennoch sind wir es Christus schuldig, bis ans Ende auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen.
Als das Volk das Rote Meer durchzogen hatte, sangen die Israeliten im Vertrauen auf die Macht Gottes, welche sie ans Ziel bringen würde: „Du … hast es {das Volk} durch deine Stärke geführt zu deiner heiligen Wohnung“ (2Mo 15,13). Damals waren Moab und alle anderen Feinde wie nichts vor Israel; denn die Israeliten wussten, dass die Macht Gottes für sie eintrat, obwohl die Wüste noch vor ihnen lag. Sie wussten, dass sie sicher aus Ägypten herausgekommen waren; alles Übrige setzten sie als gegeben voraus. Aber sie kannten sich selbst noch nicht. Darum führte Gott sie vierzig Jahre durch die Wüste, sie zu demütigen, zu erproben und ihnen bewusstzumachen, was in ihren Herzen war (5Mo 8,2). Im folgenden Kapitel (5Mo 9) können wir erkennen, dass Gott außerdem zeigen wollte, was seine Güte zu ihnen in all diesen Züchtigungen ausmachte.
Das Volk befand sich jetzt an der Grenze des Landes in der Nähe von Jericho. Galt hier am Jordan die Verheißung noch genauso wie am Roten Meer? Diese Frage erhob sich für das Volk als Ganzes und nicht so sehr für die Einzelpersonen. Das ist ein Muster für uns von geistlichen Dingen. Der Glaube führt uns vollständig über die Umstände hinaus. Er verschließt nicht seine Augen und läuft blind zum Himmel. Er nimmt stattdessen Gottes Urteil über die Sünde als gegeben hin und kennt die Gnade Gottes hinsichtlich unserer Errettung. Außerdem sieht er, dass die Prüfungen auf dem Weg dazu da sind, uns zu demütigen, zu erproben und am Ende zu unserem Besten zu dienen. Der Glaube geht nie geringschätzig über Gottes Urteil bezüglich unserer Sünden hinweg, sondern vertraut trotz ihres Vorhandenseins auf Gottes Gnade. Gott wird sein Volk züchtigen, aber niemals anklagen. Letzteres erlaubt Er auch Satan nicht.
Moab brauchte sich in Wirklichkeit nicht zu fürchten, denn Israel hatte strengen Befehl, dasselbe nicht anzutasten. Israel sollte beim Durchzug durch Moab sogar für das benötigte Wasser bezahlen. Aber Moab glaubte nicht, was Gott gesagt hatte. Satan kann mit all seiner Verschlagenheit nicht erkennen, was der einfältigste Glaube weiß, dass nämlich Gottes Gnade völlig errettet. Moab ist ein Beispiel für die gänzliche Unkenntnis der Gedanken Gottes in der Welt. Es ist gut, wenn wir uns daran erinnern! Die Welt erkennt den geheimnisvollen Einfluss Gottes und ist folglich diesbezüglich nicht ganz und gar unwissend; aber sie steht ihm feindlich gegenüber. Was hatte Gott zu Abraham gesagt? „Ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen“ (1Mo 12,3). Und jetzt macht Balak sich auf, gerade die Mittel zu ergreifen, die den Fluch Gottes auf ihn herabziehen. Das ist die völlige Blindheit des Fleisches. Sie geht immer einen Weg, der Gottes Gericht über sie bringt. Bei Balak lagen nicht nur Sünden vor – und zwar Unmengen –, sondern er hatte auch seine Augen gegen alle Gedanken Gottes verschlossen.
Es ist schrecklich, sich außerhalb des Lichtes Gottes zu befinden; und das ist bei der armen Welt der Fall. Wenn in den Schlupfwinkeln der Menschen die äußeren sittlichen Beschränkungen weggenommen sind, wenn ihren Leidenschaften sämtliche Hemmungen genommen werden – was sehen wir dann für eine moralische Herabwürdigung und welchen Jammer! Doch auch in den Fällen, wo es ein solches äußerlich sichtbares Elend nicht gibt – wie traurig ist es, eine Person ohne Gott durch diese Welt gehen zu sehen! Sie mag hochgeachtet sein und von ihren Mitmenschen sehr geschätzt werden – wie will sie ohne Gott durch den Tod und das Gericht hindurchgehen? Es ist furchtbar, an die Unwissenheit in den Menschen wegen der Blindheit ihrer Herzen zu denken. Wenn Gott auf der Grundlage menschlicher Werke richtet – was geschieht dann mit ihnen? Gott sagt: „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer“ (Röm 3,10). Die ganze Welt ist vor Gott schuldig geworden. Die Menschheit wandelt ihren eigenen Weg und denkt, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Die Menschen der Welt handeln genauso wie Balak. Sie suchen den Segen, wo Gott verflucht, und den Fluch, wo Gott gesegnet hat. In einem Esel ist mehr Verständnis über die Wege Gottes als in einem Menschen, der ohne Ihn lebt.
Doch betrachten wir jetzt Bileam! Vor seinem Herzen standen zwei Dinge. Zum einen fürchtete er sich vor Gott, zum anderen war er habsüchtig. So fürchtet sich auch die Welt vor dem, was sie unter dem Volk Gottes geschehen sieht. Sie kann die zugrunde liegenden Beweggründe nicht wahrnehmen und hat nicht die Macht, diese zu beherrschen. Eltern haben keine Macht, die in einem Augenblick erfolgende Bekehrung ihres Kindes zu verhindern. Die Welt kann die Werke Gottes nicht kontrollieren. Beachte, wie sich Gott mit Bileam beschäftigt! Nimmt dieser sich jedoch wirklich die Zeit, zu Gott zu gehen?
In seinem Herzen steht Gott immer zu seinem Volk. Israel wusste von dem, was vorging, überhaupt nichts. Aber Gott wusste es. Er nahm wegen der Liebe seines Herzens die Angelegenheit seines Volkes in seine Hände. Obwohl Er dasselbe ermahnen und züchtigen musste, ließ Er nicht zu, dass es in die Gewalt Satans geriet.
Einen Beweis dafür, dass Balak ein gottloser Mann war, sehen wir in seinem Versuch, das Wort Gottes an Bileam rückgängig zu machen. In Sacharja 3 haben wir Ähnliches. Satan versucht dort, ein Verdammungsurteil seitens Gottes auf den Hohenpriester herabzuziehen. Was konnte Josua zu seinen Gunsten anführen? Gott jedoch sagt: „Ich habe deine Ungerechtigkeit von dir weggenommen“ (Sach 3,4). Er sagt nicht, dass Er die schmutzigen Kleider nicht sähe. Aber Er tritt in seiner Liebe und Gnade für Israel ein. „Ich kleide dich in Feierkleider.“ Gott hatte Bileam befohlen: „Du sollst nicht … gehen; du sollst das Volk nicht verfluchen!“ (4Mo 22,12). Das hätte ihn zum Schweigen bringen sollen. Dann wäre das Ergebnis seiner Gedanken gewesen: „Wenn Gott ,nein‘ sagt, dann ist die Sache erledigt.“ Doch er war so eigenwillig, wie er nur sein konnte.
Was für eine schreckliche Plage ist das Volk Gottes für die Welt! Die Gläubigen sind, wenn sie treu wandeln, in einem gewissen Sinn eine Pest für dieselbe. Wenn man sie umbringt, dann vermehren sie sich nur umso mehr. Man kann sie nicht loswerden und nichts mit ihnen anfangen. Bei den Kindern Gottes finden sich Grundsätze, Beweggründe und Handlungsweisen, denen die Welt sich nicht entziehen kann.
Bileam sagte: „Wenn Balak mir sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so vermöchte ich nicht den Befehl des HERRN … zu übertreten“ (4Mo 22,18). Wie fromm er jetzt geworden ist! Wenn er hätte gehen dürfen, dann wäre er mit den Knechten Balaks gezogen. Obwohl er nicht das für Balak tun konnte, was er wünschte, behielt er dennoch weiterhin sein Ansehen als ein Prophet des HERRN aufrecht. So, als sei das Geheimnis des HERRN sein Teil, sprach er: „Ich werde erfahren, was der HERR ferner mit mir reden wird“ (4Mo 22,19). In Wirklichkeit dachte Bileam an das angebotene Geld; aber er redete, als stünde er in Verbindung mit Gott. Die Menschen handeln oft in dieser Weise. Sie behaupten, zu Gott eine Beziehung zu haben, leugnen jedoch jegliche Verbindung mit seinem Volk. Ersteres genügt nicht. Das Kreuz wurde in Verbindung mit Gottes Volk eingeführt; und dieses allein ist der Prüfstein für jeden Menschen.
Jetzt gestattete Gott Bileam zu gehen; und dieser war sehr erfreut darüber. Aber Gott ließ ihn nur den Willen seiner (Bileams) Wahl ausführen; und dieser Weg war genauso verkehrt wie alle seine Wege. Gott erlaubte Bileam die Reise, damit er einen Segen anstelle eines Fluchs über sein Volk ausspreche. Sittlich und in Bezug auf ihn selbst gesehen war es eine sehr böse Tat, dass Bileam aufbrach; und doch führte Gott alle seine Absichten dadurch aus. Bileam war nichts weiter als eine Rute in der Hand Gottes. Bileam zog los; und es begegnete ihm der HERR in der Gestalt eines Engels. Indem er mehr Verständnis als der Mensch besaß, in das Maul des unverständigen Tieres legte, tadelte Er die Wege des Mannes und seine Weisheit. Obwohl der Mensch Vernunft besitzt, benutzt er diese gegen Gott; das kann ein unvernünftiges Tier nicht tun. Der Mensch ist in einem Sinn noch blinder als Satan; denn Satan glaubt und zittert (Jak 2,19). Wenn es Gott gefällt, kann Er sich dem Auge eines Tieres genauso gut offenbaren wie dem eines Menschen. Die Wirkung dieser göttlichen Erscheinung war, dass Bileam in seinem Zorn den Esel beinahe getötet hätte; es fehlte ihm nur die Möglichkeit (4Mo 22,29). Danach öffnete Gott ihm die Augen, damit er seinen Wahnsinn und seine Blindheit auf dem ganzen Weg, den er gegangen war, erkennen konnte. Jetzt sah er ein, dass er gesündigt hatte und dass Gott ihn aufhielt (4Mo 22,34). Das geschah aber nur aufgrund des Schreckens, den er erfahren hatte; denn er zog weiter, ohne zu verstehen, dass er das Volk nicht verfluchen konnte, sondern im Gegenteil segnen sollte. Später ging Bileam zu den Götzen Balaks, um dort zu opfern. Er liebte die Religion; aber sein Herz war überhaupt nicht mit Gott in Übereinstimmung. Stattdessen richtete es sein Verlangen auf Geld und Ehre in dieser Welt. Welch ein Bild zeichnet dies von der Kraftlosigkeit der Sünde!
Lernen wir aus dieser Geschichte, welche Wege Gott im Umgang mit seinem Volk einschlägt! Der Mensch denkt, er könne dem Volk Gottes den Segen, den Er für dasselbe bereit hat, rauben. Zudem versucht Satan, Gott an seinen Absichten der Liebe zu hindern. Aber indem Gott die Menschen ihren eigenen Weg gehen lässt, erlaubt Er ihnen doch nur das, was seine Absichten zur Ausführung bringt. Das sehen wir in der Kreuzigung Christi. Die Juden sagten: „Nicht an dem Fest“ (Mt 26,5). Dennoch sollte unser Passah, Christus, für uns geschlachtet werden. Obwohl sie es nicht wollten, sollte Er an dem Tag, an dem das Fest gefeiert werden musste, sterben. Welch ein Trost bedeutet es für uns, dass Gott an uns denkt und alles für uns ordnet, obwohl wir im Denken an Ihn versagen! Es gibt keinen Tag, keinen Augenblick, ohne dass Gott an uns denkt; und Er steht über allen Verschwörungen Satans. Er wird für sein Volk sorgen. Brauchen die Seinen Nahrung? Er schickt ihnen das Manna! Leitung? Die Wolkensäule geht vor ihnen her! Erreichen sie den Jordan? Die Bundeslade ist in ihrer Mitte! Wohnen Feinde in dem Land? Josua ist da, um sie zu überwinden! Wenn sie es nötig haben, beschäftigt Er sich mit ihnen, wie auch früher mit Jakob, in seiner Zucht. Er demütigte ihn; aber am Ende gab Er ihm den Segen. Wenn wir so die Tätigkeit Gottes in Güte gegen uns auf allen seinen Wegen sehen – was für eine Vorstellung sollte uns dies von der Liebe Gottes geben! Welch ein Trost liegt in der Gewissheit, dass Er für uns ist, und zwar aus der Tiefe und auf dem Grundsatz seiner eigenen Liebe! Er führte seine Gnade und Gerechtigkeit in der Wegnahme der Sünde am Kreuz zusammen. Wir kennen niemals wirklich Gott, bevor wir erkannt haben, dass Er Liebe ist. Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass Er seinen Sohn sandte. Die Welt hatte Gott nicht darum gebeten, seinen Sohn zu senden, oder Christus, dass Er kommen möchte. Aber Gott liebte die Menschen und sandte Ihn. Ich sage es noch einmal: Was für ein Trost ist die Gewissheit, dass Gott für uns ist, wenn wir alle unsere Feinde – unsere Herzen, die Welt und Satan – sehen! Der Glaube geht durch alle Schwierigkeiten, indem Er darauf blickt, was Gott ist.