Freuet euch in dem Herrn (Phil 4,4)
Es ist doch höchst beachtenswert, dass der gebundene Apostel die freien Philipper zur Freude ermahnte; umgekehrt schiene es uns normaler zu sein. Diese Zeilen schrieb er nicht damals, als er bis in das Paradies Gottes entrückt war, sondern als er Ketten trug, als schwere Hindernisse im Wege dieses eifrigen, unermüdlich fleißigen Dieners Gottes lagen, als er der Freiheit beraubt war. - Verstehen wir das? - Und abermals lässt er uns in seinen Gedankengang hineinschauen, in das: „Im Herrn“. Schrieb er doch: „Geliebte im Herrn, seid einträchtig im Herrn, und freuet euch im Herrn“. Seine persönliche Verbindung war so innig mit dem Herrn, dass er dieselbe tiefe, ungetrübte Freude auch den Philippern von Herzen wünschte und ihnen mit doppelter Bekräftigung zurief: "Freuet euch in dem Herrn, ja, noch einmal sage ich’s, freuet euch!"
I. Mannigfaltige Freude.
Da ist die unschuldige Freude des Kindes, die sich in lieblich schallendem , ungezwungenem Lachen äußert. Dann die Freude der Jugend, mit dem noch heißen, rasch pulsierenden Blut; Sorge und Enttäuschung kennt sie noch nicht! Ferner die Freude des reifen Jünglings, dem ein schönes Erbteil wird (Spr 19,14). Freude über Gesundheit, guten Geschäftsgang, Gelingen, Ehre und Auszeichnung; aber all diese Freude ist wie des Grases Blume, die bald welk wird. Alles ist Eitelkeit der Eitelkeiten (Pred 1,2; Jes 40,6; 1Pet 1,4). Armer Mensch, wenn du nur diese Freude kennst, so wirst du über kurz oder lang herb enttäuscht sein, denn sie ist bald zu Ende. Über all diesen Freuden aber steht eine bleibende, alles übertreffende Freude, die Freude am Herrn, die nie versagt, auch nicht in Trübsalen, und die Stärke der Kinder Gottes ist.
II. Die Epistel der Freude.
So ist der Philipperbrief schon oft genannt worden; denn neben viel anderem Wichtigen, das Paulus in diesem Schreiben erwähnt, trieft der Brief von Freude. Der Einleitung dieses Briefes liegt der bedeutsame Satz zugrunde: "Mit Freuden bete ich für euch". Und wie wir bereits in Kap. 3, 1 sahen, durchzieht tiefe, echte Freude das ganze Schreiben. Der Gruß an sie lautet: „Freuet euch“, ja, die Philipper selbst nennt er seine Freude (Kap. 4, 1). Auch drückt der Apostel in Vers 10 und 18 seine Freude über ihre Gabe aus. Ein Strom großer Freude durchzieht die ganze Epistel und auch des Apostels Leben.
III. Wahre Freude.
Paulus nennt die Freude am Herrn die Wurzel aller ungetrübten Freude. Mit Freuden hatten die Gläubigen das Wort angenommen und davon gezeugt (1Thes 1,6).
1. Da ist die Freude des Heils, der Errettung, von der die Schrift so manchmal redet (Jes 12), und viele Male in den Psalmen besungen wird.
Die Freude über die Vergebung der Sünde. Lobe den Herrn, der dir alle deine Sünden vergibt. Wie beruhigte sie einen sterbenden Schächer am Kreuze und wie belebte und erquickte sie jene große Sünderin im Hause Simons (Lk 7)! Leser, kennst du diese Freude auch?
2. Ferner die Freude des Seelengewinners. Die Philipper waren des Apostels Freude und Krone am Tage Christi. Dass er sie zum Herrn hatte führen dürfen, erfüllte ihn und sie mit großer Freude. Paulus wird, wie es auch uns ergeht, Freudentränen vergossen haben, wenn Sünder anfingen Gott für die Vergebung zu danken. Das ist groß, weil die Schrift sagt, dass selbst im Himmel Freude ist, über Sünder, die Buße tun (Lk 15). Kind Gottes, kennst du die Freude des Seelengewinnens?
3. Die Freude des Dienstes. „Dienet dem Herrn mit Freuden“ sagt David (Ps 100). Seine Freude war sehr groß, als er zum Tempelbau die vielen freiwilligen, materiellen Gaben sammeln konnte (1Chr 29,9). Das war auch die Freude des Nehemia, der helfen durfte, diesen Tempel wieder herzustellen (Neh 12,43).
4. Die Freude der Gemeinschaft. Schon der
Psalmist sagt: „Fülle von Freude ist vor deinem Angesicht“ (
Freude in Gott (Ps 89,16; Hab 3,18).
Freude in Christo (Lk 1,47; Phil 3,3).
Freude im Heiligen Geist (Röm 14,17).
Freude an Seinen Kindern (Ps 9,2; Hld 1,4; 2Joh 4;
IV. Der Zeitpunkt der Freude.
Salomo sagt: „Alles hat seine Zeit“ - doch im Herrn können wir uns allezeit freuen. Die Philipper waren selbst Augenzeugen dieser ständigen Freude beim Apostel; denn unter verschiedenen Umständen hatten sie ihn kennen gelernt und gerade im Feuer der Trübsal blieb er stets derselbe freudige Diener Gottes. Ein schönes Beispiel der Freude zu aller Zeit gibt uns der Herr selbst beim Abendmahl. Er wusste, was vor Ihm lag; hatte Er Seinen Jüngern doch soeben gesagt, dass sie sich alle an Ihm ärgern werden, dass einer aus ihnen Ihn verraten und Petrus Ihn verleugnen werde. Doch, was war der Abschluss jenes Zusammenseins? Ein Lobgesang! (Mt 26,30).
Wodurch wird die Freude manchmal getrübt? Oft, wie bei David, durch Sünde. Darum hören wir ihn auch so ernstlich bitten, Gott möge ihm die einstige Freude wiedergeben. (Ps 51). Fragt nicht auch unser Herz manchmal: „Warum bist du betrübt in mir, meine Seele“ (Ps 42). Der Herr aber bleibt der Wiederhersteller verlorengegangener Freude. Jede andere Freude ist vergänglich, die Freude am Herrn aber bleibt für und für. Wer in Gemeinschaft mit Gott lebt, der wandelt in der Freude eines nie versagenden Glückes, unter einem wolkenlosen, ständig blauen Himmel.
V. Die Freude ist ein Gebot.
"Freuet euch" schreibt Paulus in der Befehlsform. Es ist also nicht ein bloßer Wunsch, den Paulus hegt. Dazu soll diese Freude ununterbrochener sein (Joh 15,11). Sein Lob soll immerdar in unserm Munde sein.
VI. Die Wirkung der Freude.
Der Apostel zeigt, dass sie:
a) Vor Sorgen bewahrt. „Seid um nichts besorgt“, so fährt er fort. Wo die Freude am Herrn ist, da gibt es kein ängstliches Bekümmertsein, keine Unruhe. Die einzige Sorge, die der Gläubige haben soll, ist die, dass das Werk des Herrn gedeihe.
b) Mitmenschen werden erquickt. „Eure Lindigkeit lasset kund werden allen Menschen.“ Die Freude am Herrn überträgt sich auf andere.