Behandelter Abschnitt 2Pet 1,10-11
Auch hier, in diesen abschließenden Worten der Einleitung, können wir den praktischen Ernst erkennen, der unseren Apostel in hervorragender Weise kennzeichnet. Sein Ziel ist nicht dogmatische Aufklärung, sondern geistliche Kraft für jeden Tag.
Darum, Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen; denn wenn ihr diese Dinge tut, so werdet ihr niemals straucheln. Denn so wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus (1,10.11).
Die wahre Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn, ist charakteristisch für das Christentum und geht weit über das hinaus, was das Gesetz und die Propheten vermittelten, so ausgezeichnet sie auch waren und sind. Aber die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus, die das Evangelium vermittelt, soll uns, die wir Teilhaber der göttlichen Natur sind, inzwischen weder „träge noch fruchtleer“ machen. Das Fleisch muss gerichtet werden, und die Welt muss von denen ferngehalten werden, die ihrer Verderbnis durch die Begierde entkommen sind. Wir müssen, wie alles Leben, durch geeignete göttliche Nahrung wachsen, und wir sind berufen, Gottes Willen zu tun.
Es gibt die passenden Neigungen, die wir um uns her und nach oben hin pflegen müssen. Es wurde soeben gewarnt vor dem, was aus der Gleichgültigkeit gegenüber der moralischen Seite folgt, vor der Blindheit, die sich daraus ergibt, vor der Kurzsichtigkeit in Bezug auf Gottes eigene Herrlichkeit und Tugend, vor Jesus, der mit Ehre und Ruhm gekrönt ist in alledem, was unserer Beziehung geziemt, und vor den Gefahren, die hier immer vorhanden sind. Sonst vergisst man die gnädige und ernste Vergebung durch den Erlass durch das Evangelium und die Bedeutung der Taufe auf den Tod Christi am Anfang des christlichen Bekenntnisses.
Der in den Versen 5–7 geforderte Fleiß wird in den Versen 10 und 11 auf eine andere Weise betont. Dort war es der Glaube als Ausgangspunkt, um die notwendigen und gesegneten Elemente, die den christlichen Charakter ausmachen, von der moralischen Tugend bis zur göttlichen Liebe, im Herzen und auf den Wegen wiederzugeben, mit dem glücklichen Ergebnis, wo sie vorhanden und reichlich vorhanden sind, mit der traurigsten Wirkung, wo sie fehlen. Indem der Apostel hier beide Seiten betrachtet, ermahnt er seine „Brüder“ um so mehr, sich zu bemühen, nicht nur in lebendiger Erinnerung, in Dankbarkeit und geübtem Gewissen ihr erstes Bekenntnis der göttlichen Gnade ihnen gegenüber als schuldigen Sündern zu bewahren, sondern „eure Berufung und Erwählung fest zu machen“. In unserem gefallenen Zustand, wie in der Welt, gibt es überhaupt nichts, was zum Leben und zur Gottseligkeit beitragen könnte. Der schönste Schein des Fleisches ist der trügerischste und gefährlichste; und wenn schon Heiden, wie die Brüder in Galatien und in Kolossä, so anfällig für diesen Fallstrick waren, wie viel mehr waren dann diejenigen, die Juden gewesen waren, dazu geneigt, von der Gnade abzufallen und sie zu einem Glaubensbekenntnis zu machen, statt zur Quelle, zum Beweis und zur Freude des Glaubens?
Es ist klar, dass der erneute Appell an unseren Zustand und den sich daraus ergebenden Lauf und Charakter unseres Wandels gerichtet ist. Schon die Reihenfolge der Begriffe deutet darauf hin; denn auf der Seite der göttlichen Gnade geht die Erwählung nach der Heiligen Schrift notwendigerweise der Berufung voraus. Gottes Erwählung des Christen geschieht in der Ewigkeit, so wie seine Berufung uns in der Zeit aus der Finsternis in sein wunderbares Licht beruft (1Pet 2,9). Am Anfang des ersten Briefes wird gesagt, dass die Gläubigen nach dem Vorherwissen Gottes, des Vaters, auserwählt sind; aber erst durch die Heiligung durch den Geist wurden sie zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut des Herrn Jesus Christus abgesondert. Die bekannte Zusammenfassung in Römer 8,28-30 ist noch präziser und vollständiger. „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind. Denn welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber zuvor bestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ So ist die Segenskette vollendet, wenn die vielen Brüder auch was ihren Leib betrifft in Übereinstimmung mit ihrem verherrlichten Herrn gebracht werden. Die Reihenfolge entspricht eindeutig der Gnade Gottes, wie die in unserem Text, wo die Berufung vor der Erwählung steht, der tatsächlichen Anwendung auf den Menschen entspricht. Und dies steht im Einklang mit dem Zusammenhang, der von der gegenwärtigen moralischen Regierung der Gläubigen handelt.
Diese Stelle entspricht dem, was wir in 1. Petrus 1,17‒19 lesen: „Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht, indem ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken“. Die gebotene Furcht rührt nicht von einem Mangel an Gewissheit über unsere Erlösung her, die im Gegenteil mit aller Macht und Deutlichkeit dargelegt wird. Es ist eine kindliche Furcht, die durch das einzige wirksame Opfer gestärkt wird, aber gemildert, weil ein heiliger und unparteiischer Vater über jeden Schritt unserer Fremdlingschaft wacht; und da Er uns nicht mit der Welt verurteilen will, züchtigt Er uns, weil Er uns zu sehr liebt, um unsere Fehler zu beschönigen. Hier wird die christliche Verantwortung angemahnt, damit unser Weg nicht inkonsequent ist. Seine Berufung wie seine Erwählung sind eine Angelegenheit souveräner Gnade und lassen keinen Zweifel zu. Aber der Fall ist anders, wenn wir von unserer Berufung und Erwählung hören. Hier stört Nachlässigkeit den Weg und beeinträchtigt unser Bekenntnis zu seinem Namen, nimmt uns die Freude und schwächt oder behindert unser Zeugnis, umso mehr, wenn unser Gewissen empfindlich ist. Das Herz verurteilt uns, wie es in 1. Johannes 3,20 heißt; wie viel mehr aber tut es Gott, der größer ist als unser Herz, der alles weiß und uns zum Selbstgericht führt, damit es uns nicht verurteilt!
Die praktische Treue wird also um so eifriger gefordert, um unsere Berufung und Erwählung festzumachen; denn wenn wir „diese Dinge“ tun, die Gott gefallen und sein Wille für uns sind, werden sie zu unserer Freude fest, statt durch einen unvorsichtigen Zustand locker und unbeständig zu sein. Und so kann man hinzufügen, dass sie für andere, die unsere Wege als übereinstimmend mit unseren Worten ansehen, fest sind. Wenn wir in Abhängigkeit und Gehorsam wandeln, werden wir niemals straucheln. Es ist daher eine höchst demütigende Sache, wenn man auf diese Weise auf dem Weg strauchelt und seinen eigenen Willen oder den Vorschlag des Feindes mit der Führung des Herrn verwechselt. Wie schmerzlich lernt man, dass hier alle Erkenntnis versagt und dass wir zu gründlicher Selbsteinschätzung und Wachsamkeit gebracht werden müssen, um auf den Herrn zu schauen und uns auf Ihn zu stützen, damit wir Ihm genau folgen können. Denn jeder kann ein Versagen sehen, und das Fleisch kann ohne Maß und Herz tadeln. Die Gnade allein kann nach den Maßstäben des Heiligtums läutern. Doch das kann durch das Versagen, bis zu den Wurzeln dessen vorzudringen, was in die Irre führte, verzögert werden. Und daran sind wir selbst schuld; denn in Christus und dem Wort sind alle Mittel vorhanden, um der Not zu begegnen, ja, um auch die Brüder zu stärken, wie Petrus selbst lernen musste und so gut gelernt hat.
Aber hier folgt noch mehr Ermutigung. „Denn so wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (V. 11). Auch hier steht nicht eine vorhergesagte Tatsache im Vordergrund, sondern die volle Verwirklichung schon jetzt durch den, der untadelig vor Gott wandelt. So soll der Eingang in das Reich Gottes gestaltet werden. So wird man in die Lage versetzt, das ewige Reich in reichem Maß vorwegzunehmen. So hat wusste es der Geist zu beschreiben. Jedenfalls wird es nicht als eine mittelmäßige Darstellung der Herrlichkeit in der tausendjährigen Herrschaft über die Erde hingestellt, so gesegnet diese auch sein wird, sondern als das, was unveränderlich ist. Denn es wird auch offenbart, dass seine Knechte Ihm dienen und sein Angesicht sehen und herrschen werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Hier also wird denen, die in der Gnade treu wandeln gesagt: „Denn so wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.“ Nicht nur wird das Böse vermieden, sondern es gibt nichts, was die Augen trübt oder das Herz belastet. Und die zukünftige Herrlichkeit wird uns reichlich zuteil als das, was uns, die wir Erben Gottes und Miterben Christi sind, zusteht. So werden wir zur Freude des Herzens in sie hineingeführt; denn der Geist, der unbeschwert ist, wird durch unsere Irrtümer und Verfehlungen nicht gehindert, uns zu demütigen, sondern kann uns zeigen, was kommen wird. „Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird empfangen und es euch verkünden“ (Joh 16,13). Der Zugang dazu soll in dem beschriebenen Fall reichlich ausgestattet sein für praktische Freude und Kraft über alles Gegenwärtige, womit Satan den Unvorsichtigen zu blenden und zu beschäftigen sucht.