Der Apostel hatte an ihr Bewusstsein der Erlösung durch das, was Gott überaus kostbarst ist, appelliert – das Blut Christi wie das eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken. Und wenn es ewig vor Gott war, wie spät es auch vollbracht wurde, so hatte Gottes Auferweckung Christi von den Toten durch Ihn so auf sie gewirkt, dass ihr Glaube und ihre Hoffnung auf Gott ruhten. Von Ihm erwarteten sie alles Gute und nichts als Gutes, von nun an und in Ewigkeit. Petrus hat nun weitere Erwägungen von größtem Gewicht, wenn er die Gläubigen zur gegenseitigen Liebe auffordert; denn diese ist nur zweitrangig gegenüber der Aufnahme Christi und der Wahrheit, ohne die es keine Liebe entsprechend dem Wesen Gottes gibt.
Da ihr eure Seelen gereinigt habt durch den Gehorsam gegen die Wahrheit zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebt einander mit Inbrunst aus reinem Herzen (1,22).
So werden die Gläubigen verbindlich über die wahre Quelle ihrer Reinigung belehrt. Sie kommt von Gott, so sicher wie sie zu Gott geschieht. Es ist nicht das Ritual, das das Gewissen nicht reinigen konnte, sondern im wahrsten Sinn des Wortes persönlich; es lag nicht nur in ihren Gewohnheiten oder sogar in ihren Gedanken und Gefühlen. Sie hatten ihre Seelen gereinigt, das heißt ihr inneres Wesen in vollem Umfang. Denn die Seele eines Menschen ist im Wesentlichen der Sitz seiner bewussten Individualität, seines Willens, seiner Verantwortung vor Gott. Sein inneres Vermögen liegt in seinem „Geist“, für den er ebenso verantwortlich ist wie für die Dinge, die durch den Leib als äußeres Instrument geschehen; aber seine Verantwortung liegt in der Seele. Seele und Geist sind jedoch so eng miteinander verbunden, dass in der Regel nur eines von beiden genannt wird, so auch hier. Nur das eine, das in der Schrift genannt wird, schließt zwar das andere nicht aus, ist aber immer genau richtig und hat seine eigene Bedeutung. Andererseits neigen die Menschen und insbesondere die Philosophen, die vor ihrer Verantwortung vor Gott zurückschrecken, ständig dazu, das Ich eher zum Geist zu rechnen, auf den sie stolz sind, als zur Seele, was Gedanken weckt, die ihnen nicht gefallen. In welche Abgründe der Sünde und Schande hat der Wille des Menschen ihn nicht geführt?
Aber die Adressaten des Briefes zögerten nicht mehr, die Wahrheit über sich selbst anzuerkennen, als der Apostel ihnen die betreffende Gnade zusprach. Es ist nicht ein Wunsch oder ein Gebet, dass sie gereinigt werden sollten, sondern wird als eine feststehende Tatsache betrachtet, so sicher wie sie gläubig waren. Dies wird nicht leichtfertig gesagt, und es schließt auch nicht den geringsten Leichtsinn in sich, außer dass sie noch immer durch eine wüste Welt gingen und einem schlaflosen Feind ausgesetzt waren. Daher waren sie von ihrem unsichtbaren Gott und Vater abhängig, der ihnen unfehlbar treu ist. Aber die Aufforderung, einander zu lieben, beruht offensichtlich auf der Gewissheit, dass sie ihre Seelen bereits gereinigt hatten, was die Verantwortung mit sich bringt, diesen Zustand der Reinheit ständig aufrechtzuerhalten und sich selbst zu verurteilen, wenn sie versagen. Es ist die normale christliche Haltung, die in der Form des Ausdrucks variiert werden kann; aber sie begegnet uns im Wesentlichen in jedem apostolischen Brief.
So hat unser Apostel die gleiche Gnade für die gläubigen Heiden geltend gemacht, als er die Sache ihrer Freiheit gegen pharisäische Brüder verteidigte, die sie unter das Gesetz stellen wollten: „Und Gott, der Herzenskenner, gab ihnen Zeugnis, indem er ihnen den Heiligen Geist gab, wie auch uns; und er machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen, indem er durch den Glauben ihre Herzen reinigte“ (Apg 15,8.9). Während in dieser Stelle der Glaube als das subjektive Mittel genannt wird, sagt unsere Schrift noch mehr, dass es dadurch geschah, dass die Juden „der Wahrheit gehorchten“, die ihnen objektiv vorgelegt wurde. „Gehorsam gegenüber der Wahrheit“ ist nur eine andere und umfassendere Art, ihren Glauben auszudrücken. Um einen festen und göttlichen Charakter zu haben, muss man sich der Wahrheit unterwerfen.
Weiter wird gezeigt, dass die Reinigung ihrer Seelen „zur ungeheuchelten Bruderliebe“ führt. Bevor wir unsere Seelen gereinigt haben, gibt es alles, was eine solche Zuneigung nicht nur behindert, sondern unmöglich macht. Die Sünde, die Finsternis, die Selbstsucht, die fleischlichen und weltlichen Begierden und die Macht Satans machen den Menschen immer unglücklicher; sie werden nur durch Vergnügungen gelindert, die so eitel sind wie die religiösen Bemühungen eines schlechten Gewissens anstelle des Glücks. Wie tief ist das Verderben des Sündenfalls! Der gute und heilige Gott, den der Mensch aufgab und verlor, wurde durch den Lügner und Mörder ersetzt! Kain ist der Erstgeborene Adams und Evas: Welch ein Zeugnis der natürlichen Religion und der brüderlichen Zuneigung! Abel bezeugt die Gnade durch den Glauben. Von Geburt an sind wir wie der eine, durch die neue Geburt sind wir mit dem anderen verbunden. „Durch Glauben brachte Abel Gott ein vorzüglicheres Opfer dar als Kain“ (Heb 11,4).
Gott hat uns durch den Glauben gerechtfertigt und uns die Erlösung durch das Blut Jesu geschenkt. Nicht anders wurden unsere Seelen gereinigt, und dadurch sind wir zur Bruderliebe befähigt, wie sie Gott von den Christen erwartet. Unter gewöhnlichen Umständen würde jede andere Gesinnung die Beziehung, die die Gnade zu unserer gegenwärtigen und gegenseitigen Anerkennung begründet hat, entehren und faktisch leugnen. Die Schrift legt klar die Ausnahmefälle fest, und wie wir uns dann verhalten sollen; aber wir brauchen jetzt nicht mehr darüber zu sagen. Dies ist das neue Gebot des Herrn. Daran, sagte Er, werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Der Geist hütet sich also vor bloßen Formen oder Worten, indem er die Bruderliebe, für die ihre Seelen gereinigt wurden, als „ungeheuchelt“ bezeichnet. Der Anspruch auf ein Gut, das nicht aufrichtig empfunden wird, ist Gott verhasst und seines Kindes unwürdig. Daher ist es so wichtig, das Empfinden seiner Gegenwart zu pflegen, um auf diese wie auf jede andere Weise vor Heuchelei bewahrt zu werden. Vergessen wir nie sein wunderbares Licht, in das Er uns aus der Finsternis herausgeführt hat. „Wisst ihr nicht“, sagt der Apostel Paulus, „dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Kor 3,16).
Daher die Ermahnung, die nicht eine bloße Wiederholung ist, wie einige respektlos gesagt haben: „so liebt einander mit Inbrunst [o. intensiv] aus reinem Herzen“ (V. 22b). Es ist eine einfache Aufforderung, dass das Ziel, das wir vor Augen haben, ernsthaft verfolgt werden möge. Gottes Liebe zu uns ist die Quelle all unseres Segens, und nie ist sie so frei und voll ausgeflossen wie zu der Zeit, als die Sünde des Menschen bewies, wie völlig verdienstlos und nicht minder erbärmlich und hilflos er war. Damals, und auf dem tiefsten Punkt, als Gott die Bosheit des Menschen, Christus, seinen Sohn, zu verwerfen und zu töten, in den Beweis seiner eigenen, alles überwindenden Güte verwandelte, indem Er den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde machte, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm. Im Glauben an Ihn und sein Opfer haben wir unsere Seelen, die bis dahin von Verunreinigungen durchdrungen waren, zu ungeheuchelter Bruderliebe gereinigt. Lasst uns also die Gegenstände derselben göttlichen Liebe lieben, die auf demselben Opfer ruhen, das von Sünden reinigt. Zweifellos waren sie berufen, ihr ganzes Leben lang heilig zu sein, weil der, der sie berufen hat, heilig ist; aber sie waren verpflichtet, ihre Brüder zu lieben, nicht aus eigenen oder fremden Gründen, sondern „aus reinem Herzen“ und „mit Inbrunst“: hatte Gott nicht so empfunden und mit ihnen gehandelt? Sogar an Heiden, wenn sie an Christus glaubten, konnte der Apostel schreiben: „Ihr selbst seid von Gott gelehrt, einander zu lieben“ (1Thes 4,9).