Daher ist es für uns, die wir als Gläubige nun durch die Gnade Gottes in Christus sind, wichtig, dass wir in demütiger Liebe Lehren ziehen, nicht nur aus der unvergleichlichen Gnade, die uns gerettet hat, sondern auch aus den Abgründen des Bösen, aus denen wir selbst gerettet worden sind.
Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, irregehend, dienten mancherlei Begierden und Vergnügungen, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend (3,3).
Besonders für den griechischen Verstand war vielleicht keine Beschreibung weniger willkommen als die, mit der der Apostel beginnt: unsere Torheit, unser Mangel an Verständnis vor Gott, für das Leben, das jetzt ist, und für das, was kommen wird. Aber das ist die Wahrheit. Die menschliche Erkenntnis hat damit nichts zu tun, außer vielleicht, dass sie den Gegensatz noch krasser macht. Nehmen wir einen Menschen, der einerseits voll von Wissenschaft, fundierten Informationen und gelehrt ist, wie in Römer 2, der aber andererseits eine Beute jeder Falschheit über Gott, völlig ohne Ihn und unempfänglich für jede lebendige Beziehung zu Ihm ist. Für ein Tier kann es von seiner Natur her eine solche Verbindung nicht geben; für ein Tier gibt es keine moralische Beziehung zu Gott. Aber der Mensch hat sie! Der Mensch – und nur er – hat eine solche Beziehung, denn Gott hauchte in seine Nase den Odem des Lebens, wodurch er eine lebendige Seele wurde. Der Mensch ist also unmittelbar und für immer sittlich verantwortlich. Er wurde geschaffen, um Gott zu gehorchen, und ebenso, um die niedrigere Schöpfung zu beherrschen. Auf der Erde blickt das Vieh nach unten, der Mensch allein blickt nach oben. Die Sünde hat dies völlig ruiniert, aber die Verantwortung bleibt. Er ist der Sklave eines mächtigeren Rebellen als er selbst geworden. Was für ein Unverstand! Und wo wird das ganze enden?
Dementsprechend finden wir die nächste Beschreibung des Apostels: „ungehorsam“. Das ist der allgemeine Zustand des Menschen; so lebt und stirbt er in seinem natürlichen Zustand, indem er Gott auf der Erde nicht ein einziges Mal gehorcht. Aus einem so verzweifelten Zustand befreit allein Christus, der selbst der gehorsame Mensch ist, obwohl Er unendlich viel mehr ist als der Mensch, und dies, indem Er sein eigenes Leben durch den Glauben vermittelt. „Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben“ (Joh 6,47). Es ist wahr, dass dies ohne den Sühnungstod Christi, der allein die Schuld des Menschen vor Gott durch das Leiden Christi, als der Gerechte für die Ungerechten, am Kreuz beseitigt, nichts bewirken könnte. Doch auch sein Tod konnte nur eine Reinigung von jeder Sünde durch sein Blut und ein gesegneter Ansporn zu einem neuen Wandel auf der Erde sein. In sich selbst könnte es nicht das neue Leben an oder vielmehr in sich sein, in dem der Heilige Geist durch das Wort wirken würde, wenn das alles wäre.
Der dringende ständige Mangel eines sündigen Menschen ist also daher der Hauch eines neuen und geistigen Lebens. In unserem Fall ist hierin „die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten“ (1Joh 4,9). Das Leben in Ihm ist allein und immer ein gehorsames Leben; dabei trennt uns der Heilige Geist vom Augenblick der Bekehrung an vom Bösen. Es ist ein göttliches Werk und etwas ganz anderes als die pharisäische Absonderung. Denn wir sind geheiligt, wie der Apostel Petrus sagt, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi. Ohne sein Blut würde uns das Empfinden nicht vergebener Sünden bedrücken. Das geistliche Leben allein würde dieses Empfinden eher vertiefen; das Leben könnte es nicht rechtmäßig beseitigen. Da tritt sein Tod aus Gnade für uns wirksam vor Gott ein: „Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühnung für unsere Sünden“ (1Joh 4,10).
So ist das ganze Werk Christi für den sündigen Menschen notwendig und ist die unvergleichliche Wohltat, die der Glaube in seiner Fülle genießt; aber das praktische Ziel von allem ist, dass wir, nachdem wir den Sünden abgestorben sind, der Gerechtigkeit leben (1Pet 2,24) und so wandeln, wie Er auf der Erde gewandelt ist. „Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in diesem ist die Wahrheit nicht. Wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet“ (1Joh 2,4.5). Der Mensch ist also nichts Gutes ohne Gehorsam; dennoch waren wir einst „ungehorsam“, da wir „töricht“ oder uneinsichtig waren. Es war nicht in unseren Gedanken und Herzen, Gott zu gehorchen. Unser Weg war unsere Torheit in Unwissenheit über Gott und Befriedigung unserer eigenen Begierden, oder wir verfielen in einen asketischen Traum, Gott zu unserem Schuldner zu machen.
Außerdem irrten wir nicht nur umher, sondern wurden in die Irre geführt (1Pet 2,25), wie hoch wir auch immer unsere Unabhängigkeit und unser kluges Urteilsvermögen einschätzten. Es sollte auch niemanden überraschen, dass es so war. Waren wir nicht Teil der Welt, die im Bösen liegt, wo der Geist des Eigenwillens alle ohne Ausnahme beherrscht, Juden und Heiden, gleichermaßen Kinder des Ungehorsams? „Unter denen auch wir einst alle unseren Wandel führten in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die Übrigen“ (Eph 2,3). Wir waren völlig unwissend, so dass wir durch Unglauben Sklaven dessen waren, der ein Lügner und der Vater derselben ist. Auch ist keine Lüge so böse, subtil und tödlich wie die menschliche Religion. Gott kann nur in seinem Wort kundtun, was Ihm gefällt.
Auch beschränkte sich das Böse nicht auf die Begierden des Geistes. Wir „dienten mancherlei Begierden und Vergnügungen“ (V. 3); umso mehr waren wir Sklaven, weil wir uns selbst schmeichelten, dass wir überragend frei waren. Wir taten unseren eigenen Willen und gefielen uns selbst. Wir wählten unsere Vergnügungen hier oder dort, wie es uns gefiel. Was war das anderes, als Sklaven des Teufels zu sein, wenn wir verschiedenen Begierden und Vergnügungen nachgingen? Unseren Willen zu tun, bedeutet, in seine Sklaverei zu fallen. Christus war der gepriesene Gegensatz, der sich selbst nicht gefiel, sondern stets den Willen Gottes tat, koste es, was es wolle.
Solche Wege wie diese setzten uns ständigen Gefahren, Schwierigkeiten, Strapazen und Elend aus. Konflikte durch den Willen brachen dort aus, wo es ruhig war und freundlich zuging; Böen der Gefühle, ja der Leidenschaft, warfen uns hin und her; kurzum, wir „führten unser Leben in Bosheit und Neid“, was immer die gute Meinung sein mochte, die wir von uns selbst hatten oder von einem anderen schätzten. Wir hatten keine Liebe in irgendeinem göttlichen oder wirklichen Sinn, um uneigennützig Gutes zu tun. Wir hassten, was uns selbst verdammte. Wir beneideten in anderen, was wir nicht hatten. Auch hier wollen wir uns an Christus erfreuen, „der umherging, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38).
Schließlich zögert der Apostel nicht zu sagen, dass wir „verhasst und einander hassend“ waren. Wir erweckten das Entsetzen anderer Menschen, trotz allen Anscheins oder aller Bemühungen; und andere erwiderten den „Hass“ mit nicht weniger Bitterkeit der Gefühle. Welch eine Macht des Bösen lag auf uns! Welch eine Realität des Bösen und der Schande liegt in der Entfremdung von Gott! Welche Gnade in Ihm, der allein sagen konnte: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals dürsten. ... Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen; denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,35.37.38).