Christus ist mein Leben (Phil 1,21)
Das ist wahrlich ein großes, ein überwältigendes Wort. Paulus sagt eigentlich damit: das Leben ist für mich Christus. "Nicht lebe ich, Christus lebt in mir." Hätte Paulus diesen Ausspruch unter günstigeren Umständen ausgesprochen, etwa als er in das Paradies Gottes entrückt war, oder während er bei seinem reichen Freund Philemon zu Gast war und Überfluss hatte, so würde das mancher besser verstehen. Paulus spricht jedoch inmitten großer Entbehrungen. Was will der Apostel nun mit diesem Wort sagen?
I. Christus war nicht immer sein Leben. Der Mensch wird nicht als Christ geboren, sondern er ist von Natur tot in Sünden und dem Göttlichen feind. Das war auch einst bei Paulus der Fall. Er war sogar ein Lästerer und Verfolger dieses Christus, bis Er sein Leben wurde und Ihn erkennen durfte. Das Leben mit Christo beginnt, wenn der Heilige Geist einen Menschen von seinen Sünden überführt, und davon, dass es ohne Christus kein ewiges Leben für ihn gibt. Denn so viele Ihn aufnehmen, wird das Recht gegeben, sich Kinder Gottes, sich Christen zu nennen (Joh 1,12).
II. Christus, der Ursprung des Lebens. Viele kennen das schöne Appenzeller Lied: „Alles Leben strömt aus Gott“. Das ist ein wahres Wort. Wir sind göttlichen Ursprungs. Er hat den Menschen gemacht (1. Mose 1,27; Apg 3,15). In Christo sind wir erwählt worden (Eph 1,4). Durch Ihn sind wir wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung (1Pet 1,3). Der Herr ist beides, Geber und Erhalter des Lebens (Joh 1,3; Heb 1,2.3). Der Herr ist unser Brot, Wasser und Licht des Lebens. Wie töricht sind die Menschen, die in Gut, Ehre, Ruhm und Weisheit dieser Welt ihr Leben suchen. Sie wissen nicht, dass nur in Christo Leben ist (Joh 1,3). Sowohl unseren leiblichen wie geistlichen Ursprung weisen wir auf Ihn zurück. Er ist der Urheber ewigen Heils (Heb 5,9). Er hat das gute Werk in uns angefangen (Kap. 1, 6). Einst waren wir fern vom Bürgerrecht, ohne Verheißung, ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt. Nun aber hat Er uns lebendig gemacht. Er ist unser Leben.
III. Christus, der Inhalt unseres Lebens. Wir sind Gefäße, die früher
voll Sünde waren, nun aber gereinigt sind durch Christi Blut und erfüllt
mit Ihm, dem Leben. Er ist unser Lebenselement geworden. Wie der Fisch
im Wasser und der Vogel in der Luft daheim ist, so auch der Gläubige in
Christus. Christus lebt in mir (Gal 2,20). Paulus sagt: für mich ist
Christus das Leben; nicht Essen und Trinken wie bei den Sadduzäern, oder
wie bei den Leuten in den Tagen Noahs und bei denen der Endzeit (
IV. Christus, der Gegenstand unseres Lebens. Das ist nur zu natürlich, denn wenn Christus Sein Leben für uns dahingegeben hat, so ist es nicht mehr wie billig, dem zu leben, der für uns starb (2Kor 5,14-15). Christus gab alles für uns und mit großer Dankbarkeit geben wir alles Ihm zurück Er ist unser Ruhm. Die Aufgabe des Christen ist nun, wie Paulus sagt, so zu leben, dass Christus hoch erhoben wird. Der Herr hat ein volles Anrecht an uns (Röm 11,36). Alles hat Gott des Menschen wegen geschaffen; den Menschen selbst aber hat Er für sich selbst, für Seine Freude geschaffen, und darum erhält Er ihn. Somit hat Gott ein doppeltes Anrecht an uns (Apg 17,28). Ein noch größeres Anrecht an uns hat Er durch die Erlösung (1Kor 6,20). Ihn durch Hingabe und durch wahre Heiligkeit zu ehren, ist nun unser Vorrecht (Röm 12,1).
V. Christus, das Vorbild unseres Lebens. In Kap. 2, 5-7 schildert der Apostel dieses Vorbild und in Kap. 3, 7 ff. zeigt er, dass er diesem Vorbild mit aller Macht und Hingabe nachjagt. In Ihm will er erfunden werden, in Seiner Auferstehungskraft und in der Gemeinschaft Seiner Leiden. Ja, selbst in der Gleichheit Seines Todes zu sein ist Pauli Streben. Das Vorbild Christi hatte sich tief in sein Herz eingeprägt, so dass der Apostel sagen durfte: "Seid meine Nachahmer", und wiederum "wandelt wie ihr uns zum Vorbilde habt" (Kp. 3, 17). Nach Christus selbst und nicht nach einem andern großen Apostel, etwa nach Petrus oder Johannes, wollte Paulus sein Leben gestalten. Gern ahmen wir die nach, die wir lieben. Paulus erwählte den Herrn als Vorbild und strebte nach Seiner Vollkommenheit.
VI. Christus, das Ziel unseres Lebens. Paulus lebte einzig im Hinblick auf jenen Tag, da er bei Christo sein werde. Niemals wollte er andern predigen und selbst verwerflich dastehen (1Kor 9,27). Der Tag Christi stand stets vor ihm (Lk 19,17-19; Heb 11,24-26). Paulus blieb nicht beim Sterben stehen; die Auferstehung war sein heißer Wunsch (Kap. 3, 12). Er wusste, dass Christus erst dann hoch erhoben sein wird, wenn zu Ihm, dem Erstling, die Erstlingsfrüchte erhoben werden
(2Thes 1,10). Ihm wollte er an jenem Tage eine Krone bringen und sie zu den Füßen dessen niederlegen, der allein würdig ist (Off 5). Bis zu jenem Tage aber stimmen wir in des Apostels Wort ein: „Keiner von uns lebt sich selber“. Er ist das Ziel unseres Lebens (Röm 14,7.8). Und mit dem Dichter singen wir: „Ich will streben nach dem Leben, da ich selig bin. Ich will ringen einzudringen, bis dass ich`s gewinn.“
Sterben ist mein Gewinn (Phil 1,21)
Leben und Sterben stehen hier sehr nahe beieinander, sie sind nur durch ein Komma getrennt. Auch in Wirklichkeit sind sie einander nahe. Eben ist der eine oder andere noch in seiner Vollkraft und schon im nächsten Augenblick verfällt er dem Tode. Es geht ähnlich wie beim Fällen eines mächtigen Baumes, oder beim Pflücken einer schönen, zarten Blume. So ist oft die ganze Pracht des Menschen plötzlich dahin und alles was bleibt, ist ein Fraß der Würmer und ein Häuflein für die Verwesung. Dennoch schreibt Paulus: „Das Leben ist für mich Christus und das Sterben mein Gewinn“. Damit meinte er weniger den Akt des Sterbens, als vielmehr das, was dem Ablegen der Hütte folgt. Das Sterben selbst ist auch oft für den Gläubigen schwer, weil es gewöhnlich mit viel Leiden verbunden ist. Zudem wird der Tod der letzte Feind genannt, und wer begegnet gern einem Feinde? Der Tod zerstört vielfach die lieblichsten Familienbande und die innigste Gemeinschaft mit den Mitmenschen. Dennoch sagt die Schrift, dass Sterben Gewinn sei. Befassen wir uns mit der Frage etwas näher.
I. Ist Sterben wirklich Gewinn? Es ist es in keinem Fall für alle Menschen. Für Ungezählte ist das Sterben das Allerschrecklichste. Es bedeutet für sie nicht nur das Aufgeben alles dessen, was ihnen lieb und teuer war, ihr einziges Sinnen und Trachten, ja, ihr Leben, sondern unendlich viel mehr. Es bedeutet für sie den Verlust ihrer Seele, die sie nicht mehr zu lösen vermögen (Mt 16,26). Von allem entblößt steht der Reichste in seinem ganzen Elend da (Lk 16,19 ff.). Der eine Schrecken, der Tod, ist vorbei und ihm folgt ein zweiter, größerer, das Gericht (Heb 9,27). Zuletzt folgt noch die Strafe vom Angesichte des Herrn (2Thes 1,8 ff.). Aber auch sonst scheint das Sterben, rein äußerlich betrachtet, nicht ein Gewinn zu sein. Krankheit, Schmerz und Zerfall sind meistens die Vorläufer des Todes und es bedeutet ein Sich-lösen-müssen vom Liebsten auf Erden. Beim Sterben verlässt uns alles und auch wir verlassen alles. Alle mit dem Tod zusammenhängenden Umstände sind mit Herzeleid und Tränen verknüpft. Wo ist da nun der Gewinn?
II. Warum ist Sterben Gewinn? Wo Christus noch nicht das Leben
geworden ist, da kann Sterben unmöglich Gewinn sein. Allen, denen diese
Welt noch Luft, Leben und Liebe ist, ist Sterben kein Gewinn. Wer aber,
wie Paulus, alles für Kot geachtet hat, wer wie er, in diesem Leben
nichts mehr zu verlieren hat, für den ist Sterben Gewinn. Der Geist der
Sohnschaft wohnt im Gläubigen und dieser sehnt sich nach dem Vaterhause.
Es ist, als sage Paulus: Wenn ich nur an mich zu denken hätte, wäre die
Frage bald geregelt (Vers 24). Der Apostel fürchtet auch das zu
durchschreitende Tal der Todesschatten nicht, sondern denkt vielmehr an
dessen herrlichen, lichten Ausgang. Das Sterben öffnet dem Gläubigen die
Tür zu ungeahnten Freuden, von denen Paulus schon manches wusste, war er
doch einmal bis in das Paradies Gottes entrückt worden (
1. Der Hauptgewinn ist, bei Christo zu sein. Weil Christus im Gläubigen wohnt, darum die Sehnsucht nach Ihm. Das längst gehegte Verlangen, bei Christo und Ihm ähnlich zu sein, ist dann erfüllt (1Joh 3,2; Eph 5,27; Jud 24.). Der Gläubige fühlt sich von Christo und dessen Herrlichkeit angezogen wie das Eisen vom Magnet. Schon hienieden freuten sich die Jünger, als sie nach der Auferstehung den Herrn wieder sahen. Was aber wird es erst dort im Vaterhaus sein, wenn wir Jesus in jener Herrlichkeit sehen, die Er schon vor Grundlegung der Welt hatte! Den zu sehen, der unsere Sünden vergeben, uns rein gemacht hat von aller Befleckung, uns so treulich bis ans ersehnte Ziel gebracht und nun jede Träne trocknet, ist wahrlich ein großer Gewinn. Leser, kennst du diesen Gewinn?
2. Sterben ist Gewinn, weil damit alle Leiden vorüber sind. Man denke an die vielen Leiden, die gerade Paulus durchmachte (2Kor 11,23 ff.). Zudem stand der Märtyrertod vor ihm, der je nach dem Urteil des Kaisers Nero sehr verschieden sein konnte. So fühlte Paulus die ganze Schwere seiner Lage (Apg 21,13). Aber nicht nur er, nein, alle Kinder Gottes fühlen die Nöte ihrer Fremdlingsschaft. Durch den Heimgang aber bezieht der Gläubige die ewigen Wohnungen droben (Joh 14,1-3). Die Pilgerschaft der Hinterbliebenen verwandelt sich dann in die Gemeinschaft der sich freuenden vollendeten Geister der Gerechten (Heb 12,23).
3. Sterben ist Gewinn, weil damit alle Kämpfe beendet sind. Droben kann Satan die Heiligen nicht mehr antasten (Eph 6,12). Hier gab es oft Kämpfe nach außen und Furcht nach innen (2Kor 7,5). Auch Niederlagen und Tränen haben aufgehört. Der große, verheißene Sabbath hat begonnen.
4. Sterben ist Gewinn, weil der Gläubige Christi Herrlichkeit schauen
darf und weil damit des Herrn eigene Sehnsucht erfüllt wird (
5. Sterben ist Gewinn, weil wir droben Langvermisste wiedersehen werden. Wenn es der alttestamentlichen Heiligen Sehnsucht war, die Patriarchen wiederzusehen, so verlangen auch wir alle und vor allem den Herrn zu sehen (Mt 8,11; Heb 12,22-23).
6. Sterben ist Gewinn, weil wir das verheißene Erbe antreten werden (Röm 8,17; 1Pet 1,4). Der Herr hat uns viel verheißen; denn alles was Sein ist, wird unser sein (Lk 15,31).
7. Sterben ist Gewinn, weil dem Sterben nach der ersten Auferstehung der Krönungstag folgt. Paulus freute sich darauf (2Tim 4,7.8). Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen. Johannes schreibt, dass die Werke der entschlafenen Heiligen nachfolgen. Der Herr wird jedes Dienstes gedenken und uns mit Seinen Reichtümern überschütten, ja uns dereinst auf Seinen Thron erheben. Wahrlich, Sterben ist Gewinn! Wir wollen nicht weinen, sondern uns freuen und uns ausstrecken nach jenem Tage, wie das Paulus getan hat.