In der Schule Gottes
Groß muss die Enttäuschung Pharaos über Mose gewesen sein, den er sorgfältig für Ägyptens Thron geschult hatte und der sich nun zu den Feinden des Landes gesellte. Als Pharao dieses vernahm, suchte er Mose zu töten (2. Mose 2,15), doch dieser fürchtete die Wut Pharaos nicht (Heb 11,27). Er wurde:
Ein Fremdling (Vers 29). Mose, der an allen Luxus des Hofes gewöhnt war, musste fliehen und wurde ein einfacher Hirte. Als Hirte ist er ein treffliches Vorbild auf den Herrn. Auch Er verließ Seiner Brüder wegen für einige Zeit die Herrlichkeit, wurde arm und ein Fremdling hienieden. Dieser Teil der Rede des Stephanus war eine sehr eindringliche Sprache an den Hohen Rat. Der Herr selbst bekannte, ich bin ein „Fremdling“ gewesen. Und noch heute sind alle diejenigen, die vom Herrn gerufen sind und Ihm dienen wollen, Fremdlinge. Petrus schrieb später einen Brief an die Fremdlinge in der Zerstreuung (1Pet 1,1). Der Herr aber weiß auch Fremdlinge zu ermuntern und so schenkte Er dem Mose zwei Söhne. Nichts erfrischt und befriedigt uns in unserer Fremdlingschaft so sehr, als wenn wir Mitmenschen den Weg zeigen dürfen, auf dem sie Söhne und Töchter Gottes werden können.
In der Schule Gottes. Bis dahin war Mose in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen worden. Als er sie aber in die Praxis umsetzen wollte, versagte sie, weil ihr das Wesentliche, die Durchschlagskraft von oben, fehlte. Irdische Gelehrsamkeit ist in vieler Hinsicht sehr nützlich und begehrenswert; für den Dienst des Herrn aber nicht Grundbedingung, ja sie kann sogar zum Hemmnis werden. Hingegen ist die Weisheit von oben zu allem nütze und jeder Gläubige kann sie sich in der Stille und im verborgenen Umgang mit Gott schenken lassen. Dazu sollte nun Mose Gelegenheit bekommen! Der Sohn der Königstochter wurde ein Schafhirte! Das war ein tiefes Hinabsteigen, aber noch lange nicht der Erniedrigung des Herrn Jesu gleich. Wer dem Herrn dienen will, muss von Ihm lernen aller Diener zu werden. Hier, in der Wüste, wird Mose zunächst über seinen fruchtlosen Dienst in eigener Kraft nachgedacht haben. Übereilt und ungerufen war er in den Dienst gegangen und er gereichte weder ihm noch andern zum Segen. An der ägyptischen Weisheit, das heißt an der Weisheit dieser Welt, hat es weder bei Mose gefehlt, noch bei vielen sogenannten Hirten, aber es fehlte an der Belehrung zu des Herrn Füßen. Hier allein lassen sich göttliche Weisheit und Kraft als Anfangsgründe eines fruchtbaren Lebens erbitten. Auch in der Schule der Wüste und der Einsamkeit hat Gott viele Seiner Diener geschickt gemacht. So wurde Paulus für seine große Aufgabe in der Stille in Arabien zubereitet. Und Mose musste sogar vierzig Jahre im Lande Midian unterwiesen werden. Je mehr der Diener in eigner Kraft tätig ist, um so länger muss Gott ihn in die Stille führen. Die göttliche Weisheit ist nicht wie die ägyptische, die unüberlegt dreinfährt, sondern sie ist als erstes gelinde (Jak 3,17).
Eine göttliche Offenbarung (Vers 30). Während Mose die Schafe hütete, offenbarte sich ihm Gott. Mose hatte längst sein Schwert gegen einen Hirtenstab vertauscht. Jenes Schwert, mit dem er in Ägypten dreinschlug, tötete den Ägypter; nun aber hatte er gelernt, den Hirtenstab zu brauchen, und mit diesem ausgerüstet, sollte er die Herde Gottes ausführen und sie weiden. Auch wir wollen lernen, anstatt zum Schwert zum Hirtenstab zu greifen.
Der Stab des Moses wurde sogar der Stab Gottes genannt. Während nun Mose so die Schafe hütete, sah er einen Busch, der brannte und nicht verzehrt wurde. Angezogen von diesem Wunder nahte er hinzu, um es genauer zu betrachten. Bei dieser schönen Begebenheit verweilte Stephanus und damit müssen auch wir uns noch etwas beschäftigen.
Mose sah den brennenden Dornbusch. Er ist zunächst ein Bild Israels, das sich in jenen Tagen im brennenden Ofen Ägyptens befand. Gehörig hatte ihn Pharao geheizt; gleichsam wie später Nebukadnezar, der die drei hebräischen Jünglinge in den Feuerofen werfen ließ, die aber von der Gewalt des Feuers auch nicht verzehrt wurden. Warum denn nicht? Weil der Herr in der Mitte des Feuers war und die Seinen bewahrte. Seither sind viele Versuche gemacht worden, Israel auszutilgen; doch mit demselben negativen Erfolg. Je mehr Pharao Israel zu verderben suchte, desto mehr breitete es sich aus. Gottes Volk mag oft Züchtigungen nötig haben, aber Gott lässt es nicht auf die Dauer in den Händen der Peiniger, vielmehr richtet Er die Unterdrücker wie einst Pharao und Nebukadnezar. Wunderbar vereinigen sich in diesem Dornbusch menschliche Niedrigkeit und göttliche Herrlichkeit. Der Dornbusch «Israeli und die Herrlichkeit «Gott» in demselben, erinnern uns an die Menschwerdung Christi; denn Gott war in Christo und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.
Als wer sich dieser Gott offenbarte (Vers 32). „Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott deiner Väter.“ Tief gebeugt wird Mose dort gestanden haben, als er diese wunderbaren Worte hörte. Bis dahin hatte er noch nie die Stimme Gottes gehört. Wenn Gott sich einem Menschen offenbart, so hat Er Seine besonderen Absichten mit ihm. Mose zitterte ob dieser Offenbarung. In solcher Lage ruft der Mensch wie der Dichter: „Nackt und bloß, o, kleid mich doch; hilflos, ach erbarm Dich doch! Unrein Herr, flieh ich zu Dir, wasche mich, sonst sterb ich hier.“ Der Gott, der den Abraham gerufen, der Isaak im Lande der Fremdlingschaft fruchtbar gemacht (1. Mose 26,12) und Jakob in einen Israel umgewandelt hat (l. Mose 32, 28), rief nun Mose in Seinen Dienst und rüstete ihn dafür aus.