Behandelter Abschnitt Neh 2,17-18
Und ich sprach zu ihnen: Ihr seht das Unglück, in dem wir sind, dass Jerusalem wüst liegt und sein Tore mit Feuer verbrannt sind. Kommt und lasst uns die Mauer Jerusalems wieder aufbauen, damit wir nicht länger zum Hohn sind! Und ich teilte ihnen mit, dass die Hand meines Gottes gütig über mir gewesen war, und auch die Worte des Königs, die er zu mir geredet hatte. Da sprachen sie: Wir wollen uns aufmachen und bauen! Und sie stärkten ihre Hände zum Guten.
Er tat ihnen kund, wie gütig die Hand Gottes gegen ihn gewesen war, und auch die Worte des Königs; und sein Glaube fand einen Widerhall in den Seelen seiner Brüder. Sie sprachen: „Wir wollen uns aufmachen und bauen!“ Hohngelächter und Verachtung vonseiten der Feinde war die Folge, doch mit den verschiedenen Formen, die dieser Widerstand annahm, wollen wir uns erst später befassen.
Was für uns so überaus wichtig ist zu lernen, ist diegeistliche Bedeutung des Wiederaufbaus der Mauer. Wir hatten gesehen, dass die Christen zu einer himmlischen Stellung und Segnung jenseits des Jordan berufen sind; doch da sie, wie Israel, mehr oder weniger gefehlt haben, von dem Besitz zu ergreifen und das zu genießen, was uns Gott in Christus, getrennt von der Welt, gegeben hat, so brach der Feind wie ein Strom herein (Jes 59,19). Die bekennende Kirche ist gleichsam gefangen nach Babel geführt worden. Statt einer auf einem Hügel gebauten Stadt zu gleichen, die mit Mauern der Rettung und Toren des Preises umgeben ist (Jes 60,18), hat sie ihren erhabenen Standort eingebüßt, ihre Mauern sind niedergerissen und ihre Tore überwältigt worden: Babylon hat sie niedergeworfen. Die große Masse derer, die sich zum Namen Christi bekennen, ist der Verwirrung anheimgefallen. Wenn man über den Zustand der Christenheit nachdenkt und ihn mit dem Wort Gottes vergleicht, so kann man unmöglich übersehen, wie weit die bekennende Kirche von der Wahrheit abgekommen ist. Die letzte Stufe des Abfalls wird in den prophetischen Gesichten der Offenbarung als „Babylon, die große, die Mutter der Huren und der Gräuel der Erde“ beschrieben (Off 17,5). Trotz alledem ist die Kirche Gottes auf dem Grundfelsen, dem Sohn
Gottes aufgebaut, der einst starb und wiederauferstand und der von Gottes Seite aus gesehen dessen ewigem Ratschluss gemäß unversehrt bleibt. Die Pforten des Hades können sie nicht überwältigen (Mt 16,18). Sie wird als die „heilige Stadt, Jerusalem, die Braut, die Frau des Lammes“ in dem zukünftigen Zeitalter der Herrlichkeit hervorkommen (Off 21,9-11).
Doch Gott hat in seiner Gnade viele der Seinen wiederhergestellt. Er hat sie durch seinen Geist dahin geführt, die Schriften zu erforschen, um seine Gedanken inmitten der herrschenden Verwirrung kennenzulernen, und – gepriesen sei sein Name – Er hat uns darin nicht im Stich gelassen: Er hat eine geöffnete Tür gegeben. Durch die gute Hand Gottes wurde Nehemia von dem Druck der weltlichen Oberhoheit befreit, und der Weg wurde für ihn und seine Genossen frei, in das Land zurückkehren, wo der Altar Gottes schon aufgerichtet und der Tempel erbaut worden war, um die Mauern der Stadt zu besichtigen und wieder aufzubauen.
Und nun ist die gute Hand Gottes wiederum über seinem Volk, den Christen. Nichts hindert sie, zu dem wahren Mittelpunkt, zu Christus, zurückzukehren und zu der wahren Grundlage der Kirche Gottes in Absonderung vom Bösen. Jerusalem, der irdische Mittelpunkt, wo Gott seines Namens hatte gedenken lassen und den Segen verheißen hatte, steht dem Walten seiner Gerechtigkeit gemäß unter Zucht und die Juden sind zerstreut. Bis zu dem Augenblick nun, wo sie bei der Rückkehr Christi, des Erretters aus Zion (Ps 14,7; 53,6; Röm 11,26), wieder gesammelt werden, können wir uns an den gesegneten Grundsatz halten, den der Herr uns hinterlassen hat: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20), oder auch an die Worte: „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ (1Kor 1,9). Mit diesen beiden Schriftworten ist, der vollen Offenbarung des Christentums gemäß, der große Grundsatz der Einheit verbunden, sowohl was den Leib Christi als auch den Tempel Gottes anlangt; und unser Vorrecht und unsere Verantwortlichkeit besteht darin, „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“ (Eph 4,1-3). Das schließt Absonderung vom Bösen ein und führt uns zur wahren Bedeutung der Mauern Jerusalems. Diese trennten Gottes irdisches Volk von dem Feind außerhalb. Obgleich nun heutzutage natürlich keine stoffliche Mauer um das Volk Gottes her ist, so kann doch nichts klarer sein, als dass wir allezeit verpflichtet sind, jedem Bösen fernzustehen, sei es solchem in der Welt oder in der bekennenden Kirche. Und wodurch wird diese gottgemäße Absonderung aufrechterhalten? Dadurch, dass unsere Seelen in der Kraft des Geistes in denGenuss der vollen Errettung Gottes eingehen und jeden falschen Grundsatz und Brauch von uns weisen, der das Bekenntnis des Christentums vonseiten einer Welt kennzeichnet, die Gott nicht kennt.
Zu Beginn der Geschichte der Kirche war die Grenzmauer zwischen ihr und der Welt noch klar zu erkennen (Apg 5,13). Nun, wo die Welt eingedrungen und die Mauer niedergerissen ist, ist es keineswegs leicht, der Wahrheit in den Seelen des Volkes Gottes, inmitten des religiösen Schuttes von Jahrhunderten, Eingang zu verschaffen. Die heilige Natur Gottes fordert, dass die Schranke der Heiligkeit zwischen seiner Kirche und der Welt auch heute aufrechterhalten wird. Die Welt bleibt immer die Welt, sie liegt im Bösen (1Joh 5,19) und ist immer böse. Vom Menschen ohne Gott aufgebaut, besteht sie aus Fleischeslust, Augenlust und dem Hochmut des Lebens (1Joh 2,16). Die Welt nimmt mancherlei Gestalt an; ihre religiöse Form ist die schlimmste, da sie die Entstellung des Besten auf Erden ist. Jeder Christ, der Gott verherrlichen und die Wahrheit in diesen bösen Tagen aufrechterhalten möchte, muss in Herz und Sinn gleichsam das Tor geschlossen und die Mauer der Heiligkeit aufrechterhalten, und zwar gegen das religiöse Böse sowie jede andere Art des Bösen. Nur so können die Heiligen als Gesamtheit in einem sittlichen und geistlichen Zustand bewahrt werden, wie er der Gegenwart Gottes und Christi entspricht. „Deinem Haus geziemt Heiligkeit, HERR, auf immerdar“ (Ps 93,5).