Hier kommt der Herr, angewidert vom Zustand in Sardes, und sagt gleichsam: „Ich will das Herz haben und muss es haben.“ Er entfernt den Schleier, der durch die Sünde der bekennenden Versammlung hineingebracht wurde. Wenn sie den Gepriesenen sozusagen ein wenig näher sehen, gibt es einen Zustand, der seinem Verlangen nach ihrem Herzen entspricht (aber leider wie schwach!), der unbedingt erfüllt werden wird, wenn wir Ihn sehen, wie Er ist.
Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand zu schließen vermag; denn du hast eine kleine Kraft, und du hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet (3,8). „Du hast eine kleine Kraft“. Es ist nicht der Weg Gottes, in einer Zeit des allgemeinen Verfalls große Kraft zu bewirken. In der Zeit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft wirkte der Herr in großer Gnade. Es gab keine äußere Kraft; im Gegenteil, sie waren scheinbar so verachtet, dass es der Spott ihrer Feinde war, dass ein Fuchs über ihre Mauer springen könnte. Aber wir finden die gleiche Geisteshaltung wie in Philadelphia. Sie bauten keine Festung, um die Samariter fernzuhalten; der Herr war eine Feuermauer um sie her; aber das erste, was sie errichteten, war ein Altar für Ihn. Der Herr hatte erste Priorität in ihren Herzen. Wenn Er ihre Mauer war, konnten sie es sich leisten zu warten, bevor sie eine andere bauten. Es gab keinen Engel, der die Erstgeborenen schlug, kein Wunder, das zu ihren Gunsten geschah, kein Wort über Plagen gegen ihre Feinde; aber mein Wort und „mein Geist bestehen in eurer Mitte: Fürchtet euch nicht!“ (Hag 2,5). Wann immer Israel sich vor seinen Widersachern fürchtete, hatten sie keine Kraft; aber als sie auf den Herrn schauten, vergaßen sie ihre Feinde.
Wenn wir uns jetzt auf Ihn stützen, bewirkt das mehr Schrecken in den Herzen derer, die gegen Ihn sind, als alles andere. Wenn das Herz dem Herrn treu ist, spricht es das Gewissen der anderen an. Welche Freude, dass das Herz des Herrn seinem Volk zugewandt ist! Das ist es, was die richtigen Empfindungen Ihm und zueinander hervorbringt. Schon der Name dieser Versammlung – Bruderliebe – ist bezeichnend für die Beziehung, die Er hergestellt hat; aber es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern, dass es eine heilige Beziehung ist, die wir zueinander haben. Obwohl es sicher ist, dass solche, die sich um die himmlischen Interessen des anderen kümmern, sonst nicht nachlässig sein werden, ist die Versammlung dennoch kein Verein, in dem die Menschen bereit sein müssen, sich gegenseitig zu helfen, egal ob sie Recht haben oder nicht. Das wäre eine Arbeiterbewegung oder irgendetwas anderes als die Bruderschaft des Herrn.
Die ersten Worte sind der Schlüssel. „Dieses sagt der Heilige, der Wahrhaftige“ (3,7). Schau dir den ersten Brief des Johannes an. Der Ausdruck wird nicht oft über den Herrn verwendet, aber wir finden ihn dort. Im zweiten Kapitel dieses Briefes, der die Kleinen der Familie Gottes anspricht, steht: „Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisst alles“ (1Joh 2,20). Er, der heilig ist, Er, der wahrhaftig ist, hat alles für sie. Es mag Schwächen geben, aber Er hat den Schlüssel Davids.
Im Geschlechtsregister unseres Herrn in Matthäus finden wir den Ausdruck „David, der König“, nicht „Salomo, der König“ oder irgendein anderer; denn David ist die Person, die das Königtum in Israel zuerst charakterisierte. Er war der Mann nach dem Herzen Gottes. Solange David im Glauben wandelte, konnten sich ihm keine Schwierigkeiten in den Weg stellen. Es ist wahr, das Vorbild war unvollkommen: Kein Vorbild erreicht das Ziel, weil es nicht Christus ist, obwohl es ein Zeuge von Ihm sein kann. Wir sehen das Versagen des Mannes; aber da, wo die Kraft Gottes in David etwas Leuchtendes, Gesegnetes und Gutes bewirkte, haben wir sozusagen den Keim dessen, was wir vollständig im Herrn sehen. „Der Schlüssel Davids“ stellt die administrative Macht dar, das Mittel des Zugangs zu allem, was er besaß. So heißt es: „Und ich werde den Schlüssel des Hauses David auf seine Schulter legen; und er wird öffnen, und niemand wird schließen, und er wird schließen, und niemand wird öffnen“ (Jes 22,22). Das war die Folge; wer ihn hatte, hatte alles unter seiner Hand; und es war seine Sache, für alles zu sorgen.
Der Herr stellt sich als der vor, der den Schlüssel Davids hat. Deshalb sollten sie nicht auf die Macht der Welt schauen, noch auf Menschen; denn wenn Er den Schlüssel hatte, war es genau das, was sie brauchten. Die Kraft des Menschen mochte überall am Werk sein, Isebel, falsche Propheten und dergleichen. Aber da war dieser Gepriesene, der Heilige und Wahrhaftige; und sie brauchten Ihn umso mehr, da sie schwach waren. Sie hatten so wenig Kraft, dass sie vielleicht nicht einmal die Tür öffnen konnten. Doch Er sagt, dass Er sie für sie geöffnet hatte; Er hatte sie an einen wichtigen Ort gebracht, wo es so etwas wie Knechtschaft oder Zwang nicht gab. Es ist klar, dass der Herr hier gemäß dem, was Er persönlich und moralisch ist, gekennzeichnet wird; nicht nur als die große Quelle der Heiligkeit und Wahrheit, sondern als der Heilige und Wahrhaftige.
Letzteres finden wir auch im ersten Brief des Johannes: „und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus“ (1Joh 5,20); aber dort geht er noch weiter: „Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.“ So haben wir also die Person des Herrn vor Augen: Sie war es, die sie begehrten. Sie schätzten Christus. Sie wollten mehr von Ihm wissen; und Er kannte ihr Herz. So heißt es: „Wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein“ (Mt 6,22). Sie wurden durch eine bloße Form der Frömmigkeit geprüft; sie wussten, dass es ebenso möglich war, trotz der Rechtgläubigkeit verlorenzugehen oder den Herrn zu entehren wie in der Welt. Sie wenden sich an den Herrn, und Er stellt sich als der Heilige und Wahrhaftige vor; nicht als gegen sie, sondern voller Zärtlichkeit und Gnade, indem Er ihnen eine geöffnete Tür gibt und ihnen die Gewissheit gibt, dass kein Mensch sie verschließen kann. „Denn du hast eine kleine Kraft, und du hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet“ (3,8). Hier haben wir drei Ausdrücke, die sie betreffen. Sie befinden sich nicht in einem Zustand, der durch äußere Auffälligkeit oder Stärke gekennzeichnet ist. Wie Er selbst sind sie der Welt unbekannt, aber sie hatten sein Wort bewahrt; und mehr als das, sie hatten seinen Namen nicht verleugnet. Bedenke, was es bedeutet, das Wort zu bewahren. Es ist offensichtlich, dass es ein Abweichen von seinem Wort gegeben hat. Es mag verbreitet worden sein; aber war es gehegt und gepflegt worden? Hatte man es geliebt und danach gesucht, wie nach einem verborgenen Schatz? War es das, weshalb die Menschen zusammenkamen, um zu beten und zu lesen, damit sie es besser verstehen konnten? Welch ein Vorankommen für die Versammlung, wo die Person des Herrn mehr denn je zum Inhalt wird und das Wort als sein Wort! Es ist nicht bloße Evangelisation, so gesegnet diese an ihrem Platz und in ihrer Wirkung auf die Welt auch ist. Aber hier ist es der innere Kreis der Gläubigen, die Christus um seiner selbst willen lieben, Ihm dienen und Ihn anbeten.
Auch in diesem Brief finden wir den großen Wert des Namens des Herrn Jesus. In 1. Korinther 1 ist die Anrede nicht an die Korinther allein gerichtet, sondern „samt allen, die an jedem Ort den Namen … anrufen“ (V. 2). Mit anderen Worten, der erste Korintherbrief ist keineswegs, mehr als der zweite, von privater Bedeutung, sondern für alle Christen überall. In der Tat ist die verallgemeinernde Anrede in keinem anderen so stark ausgeprägt; und das vielleicht deshalb, weil der Geist Gottes voraussah, dass er mehr als alle anderen beiseitegeschoben werden würde. In diesen Tagen, in denen es keine außergewöhnliche Offenbarung der Macht gibt, könnten die Menschen sagen: Das ist nichts für uns, das gehört zu einer früheren Zeit. Es ist wahr, es hat keinen Sinn, über die Regulierung von Sprachen zu reden, wenn man sie nicht hat. Aber wir haben den Heiligen Geist, und, gepriesen sei Gott, die Versammlung wird nie den Tag erleben, an dem sie ohne den Heiligen Geist sein wird.
Schau dir ihre dunkelste Stunde an – das Mittelalter, den Katholizismus und so weiter. Der Heilige Geist war immer da, nicht um Böses zu rechtfertigen oder sein Siegel auf Ungehorsam zu setzen, aber Er war da für die Gewissheit des Glaubens, gemäß dem Wort des Herrn: „dass er bei euch sei in Ewigkeit“ (Joh 14,16). Die Vorstellung, zu erwarten, dass der Heilige Geist wieder über uns ausgegossen wird, ist völlig falsch. Das ist die jüdische Hoffnung. Wenn die Versammlung eine solche Bitte äußert, bedeutet das, dass sie leugnet, dass sie die Versammlung ist. Es mag gut für uns sein, uns vor dem Herrn niederzuwerfen und zuzugeben, dass wir so gehandelt haben, als hätten wir Ihn nicht. Doch lasst uns Gott loben, dass wir den Geist haben, der nicht nur in einzelnen Menschen wohnt, sondern uns zu einer Wohnung Gottes zusammenhält. Die Darstellung dessen ist zwar zerbrochen, aber die Tatsache bleibt; so wie wir von einem Menschen, dessen Umstände schlecht sind, sagen, dass er ein ruinierter Mensch ist, während der Mensch noch existiert. Das gibt uns Grund, uns umso mehr zu demütigen; dass die Versammlung den Geist hatte und doch in die Irre ging. Die Menschen mögen sagen: Wenn wir jetzt ein Pfingsten hätten und der Heilige Geist wieder herabgesandt würde, würden wir uns recht verhalten. Doch Tatsache ist, dass sie, als sie den Heiligen Geist am Pfingsttag hatten, versagten und fielen. Was Gott von uns verlangt, ist, nicht auf neue Gaben der Kraft zu warten, sondern uns vor Ihm zu demütigen, weil wir, sogar als Christen, in den traurigsten Gegensatz zu seinem Willen geraten sind. Ja, obwohl der Heilige Geist dort wohnte, ist ein goldenes Kalb nach dem anderen aufgestellt worden, bis es so viel Sünde gibt wie in Israel. Das ist es: Der Herr erwartet von uns, dass wir das empfinden. Das Mitempfinden der Gläubigen von Philadelphia war mit Ihm.
Es ist also klar, dass das, was der Geist vorstellt, eine verachtete Gesellschaft ist, aber dass das Wort Christi besonders geschätzt wird und der Name des Herrn anerkannt wird. Wir haben gelernt, dass die Versammlung niemals in der Sünde verharren darf. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!“ (2Tim 2,19). Es mag moralische Ungerechtigkeit und weltliche Begierden geben; und was gibt es Schlimmeres als „kirchliche“ Ungerechtigkeit, außer der, die sich gegen die Person Christi selbst richtet? Wenn ein Mensch darauf beharrt, die äußere Ordnung der Versammlung zu verletzen, ist das böse, aber nicht zu vergleichen mit der Sünde gegen den Herrn Jesus persönlich. Das ist das schlimmste Übel (2Joh 7), wobei die Einzelnen erprobt werden. Die erste aller Pflichten ist, dass das Herz Christus treu ist. Gott sucht das. Der Vater will, dass Er selbst geehrt wird.
Hier sehen wir also, wie Christus sich persönlich der Versammlung zuwendet, und zwar nicht mit einer allgemeinen Liebesbekundung, sondern indem Er eine besondere Bindung seines Herzens an sie bekundet. Daher heißt es: „dass ich dich geliebt habe“ (V. 9). Der Herr liebt all die Seinen, aber es ist ebenso wahr, dass Er besondere Zuneigung hat. Es kann eine besondere Beziehung zwischen Ihm und den Gläubigen in besonderen Zeiten der Gefahr und Prüfung geben. Seine Gnade beseitigt die Hindernisse und lässt sie sie in ihrer Kraft genießen. Sie kennen seinen Platz in der Herrlichkeit, aber das, was ihre Herzen bewegt, ist, dass Er sie in all dieser Herrlichkeit liebt. Seine Liebe ist die große Grundlage und Quelle ihrer Liebe. „Du hast eine kleine Kraft“. Er weiß, dass sie schwach sind; aber sie haben „mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet“ (V. 8). Siehst du hier die persönliche Verbindung – „mein Wort“ und „meinen Namen“. Der Name Christi, der von dem Gläubigen ergriffen wird, ist die Erlösung; Aber er ist noch viel mehr; er ist alles. Wenn das Herz dazu gebracht wird, sich dem Urteil Gottes über die Sünde zu unterwerfen, bringt Er selbst den Namen Christi vor so jemanden; wenn er feststellt, dass er keinen Namen hat, mit dem er vor Gott stehen kann, sagt Er: „Hier ist ein Name, der Name meines Sohnes.“ Der Glaube setzt voraus, dass ein Mensch sich selbst als jemanden aufgibt, der ein Taugenichts ist, und sagt: „Gott war gut zu mir, als ich im Blick auf Ihn nur schlecht war.“ Gott hat diesen Namen als Eckstein für den armen Sünder niedergelegt. Er sieht schwach aus; er wird ein „Stein des Anstoßes“ genannt (1Pet 2,8), weil er das für den Unglauben ist; aber ich sollte daran glauben. Wenn ich das Evangelium nur anschaue, bin ich verloren, weil ich dann darüber nachdenke; aber wenn ich es glaube, bin ich errettet. Was hat Abraham getan? Er dachte nicht nach; er dachte nicht an seinen eigenen erstorbenen Leib, sondern er gab Gott die Ehre (Röm 4,19.20). Wenn er sich stark gefühlt hätte, hätte er vielleicht die Ehre für sich selbst gesucht. Das ist ein praktisches Ziel, das Gott bewirkt, dass wir unsere eigene Nichtigkeit erkennen können.
Aber ist dies der einzige Gebrauch des Namens Christi? Nein: Er versammelt um sich selbst, Jesus ist der große Gegenstand und Anziehungspunkt, zu dem der Heilige Geist versammelt. Nehmen wir an, es ginge um eine Person, die hereinkommt und die, wie man sagt, calvinistische oder arminianische Ansichten vertritt, weil sie das Verderben des Menschen nie vollständig kennengelernt hat; sie mögen sagen: „Wir wollen nicht beunruhigt werden.“ Aber was sagt der Herr, was ist der Prüfstein? Hat Er keine Macht, diese Frage zu beurteilen? Hat Er es unserm Ermessen überlassen? Der Herr hat seinen Namen über diesen Gläubigen genannt, und deshalb soll ich ihn aufnehmen. Ein anderer kommt und sagt: „Ich höre, ihr nehmt alle Christen auf; aber ich glaube nicht, dass Christus vom Sündigen ausgenommen war, weder in seiner Natur noch in seiner Beziehung zu Gott.“ „Nein“, antworten wir, „du kannst den Namen Christ nicht benutzen, um Christus zu entehren.“ Aber wo immer ein Mensch gefunden wird, der demütig den Namen des Herrn bekennt (ob er ein Kirchenmann oder ein Dissenter25 ist, darauf kommt es nicht an), sind wir verpflichtet, ihn aufzunehmen. Es ist bedauerlich, dass die Kirche diesen abweichenden Namen hat: Sie werden alle mit der Zeit aufhören. Aber wir dürfen dem Namen des Herrn jetzt nicht widersprechen. Wo immer er gehört wird, wird Er zu einem Ausweis in der ganzen Kirche. Es ist keine Frage der Verbindung: Wer mit Christus verbunden ist, ist in der Tat mit uns verbunden. Es ist wahr, der Herr hat seine Diener; aber wir erkennen niemanden als Mittelpunkt in der Versammlung an außer Christus.
Ein weiterer Gebrauch des Namens des Herrn geschieht im Ausüben der Zucht. Was ist der Zweck der Zucht? Sie geschieht nicht zur Aufrechterhaltung unseres Charakter, sondern damit sein Name seinen gerechten Platz und seine Ehre hat und auch dort leuchtet, wo der Thron Satans steht. Gerade im Lager des Feindes gibt es einen Namen, der nicht niedergeschlagen werden kann. Der Heilige Geist ist nicht nur dazu da, um uns Trost zu spenden, sondern nachdem Er uns von der Sorge um unsere eigenen Sünden befreit hat, befreit Er uns, dass wir uns um Christus kümmern und Ihm dienen können. Die Frage bei der Aufrechterhaltung der Zucht ist: Gibt es eine Abkehr von der Ungerechtigkeit? Der Herr erkennt niemals etwas als Versammlung an, in der Ungerechtigkeit geduldet wird. Es gibt einen Unterschied zwischen der Sünde, die dort entdeckt wird, und der Duldung der Sünde, wenn sie entdeckt wird.
25 Jemand, der die anglikanische Kirche verließ und eine eigene Glaubensgemeinschaft bildete [WM].↩︎