Behandelter Abschnitt Heb 13,17-19
In Vers 17 geht es nicht um das Gedenken an die heimgegangenen Führer (wie in V. 7), sondern um die Haltung, die die Gläubigen zu ihren lebenden Führern einnehmen. Und diese zeigt sich in einem gehorsamen und unterwürfigen Geist.
Gehorcht euren Führern und seid fügsam; denn sie wachen über eure Seelen (als solche, die Rechenschaft geben werden), damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn dies wäre euch nicht nützlich. Betet für uns; denn wir sind überzeugt, dass wir ein gutes Gewissen haben, da wir in allem ehrbar zu wandeln begehren. Ich bitte euch aber umso mehr, dies zu tun, damit ich euch desto schneller wiedergegeben werde (13,17‒19).
Die Abkehr von der neuen Wahrheit ist einmal eine Gefahr, ein andermal eine Rückkehr zu den alten Wegen, wenn die neuen lästig werden. So werden diese christlichen Juden zu dem ermahnt, was für uns eine ständige Pflicht ist, nicht weniger als für sie. Der Eigenwille kennzeichnet zunehmend dieses böse Zeitalter; und Eigenwille ist immer Sünde. Andernorts, wie in Römer 12,1, Timotheus 3, Titus 1, werden die, die berufen sind, den Vorsitz oder die Leitung zu übernehmen, ob sie nun Älteste sind oder nicht, ermahnt, wie sie ihre Aufgabe im Herrn erfüllen sollen. Hier, wie auch in 1. Korinther 16 und 1. Thessalonicher 5, werden die Gläubigen daran erinnert, was Gott von ihnen erwartet. Die Schrift billigt weder die Behauptung menschlichen Rechts noch die willkürliche Beanspruchung göttlicher Autorität in der Versammlung Gottes. Alle sind verpflichtet zu dienen dem Herrn zu gehorchen, der seinen Willen im geschriebenen Wort sicher und deutlich gemacht hat. Aber es gibt so etwas wie geistliche Weisheit und Erfahrung, die die Gnade durch das Wort der Gerechtigkeit formt. Es gibt praktische Kraft, die der Glaube durch das Wirken des Heiligen Geistes gibt, die denen, die weniger geübt sind, den Weg Christi zu erkennen, sehr nützlich ist.
Wie man also in den Verwicklungen, die die Gläubigen in einer Welt wie dieser so häufig bedrängen, und mit einer Natur, auf die der Feind durch die gegenwärtigen Dinge leicht einwirken kann, fühlen muss, gibt es reichlich Raum für ein beständiges Bedürfnis nach göttlichem Rat, ernster Ermahnung oder sogar deutlicher Zurechtweisung: und für all das gilt das Wort „Gehorcht euren Führern und seid fügsam“. Wie oft kann ein echter Führer auf etwas hinweisen, das ein durcheinandergebrachter Gläubiger nicht sah, bevor es ihm vor Augen gestellt wurde, das er aber, nachdem er es gesehen hat, sofort als von Gott stammend erkennt! Denn wenn dem einen durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben wird, so erkennt derselbe Geist, der in dem anderen wohnt, das Wahre und Richtige durch die Gnade Christi, die die Unabhängigkeit ebenso beiseiteschiebt wie die weltliche Begierde oder irgendeine andere böse Sache. So wird der Herr in den Vorstehern nicht weniger geehrt als in denen, die sich ihnen unterordnen. Der sakrale Anspruch ist nun ausgeschlossen, und die Gesetzlosigkeit wird als gottverachtend beurteilt. Christus selbst hat hier auf der Erde den Weg des unveränderlichen und unerschütterlichen Gehorsams vorgezeichnet; und solche, die führen, werden nur dann richtig führen, wenn sie auf den offenbarten Wegen Gottes wandeln, die sie anderen nahelegen; denn diese sind nur dann gesegnet, wenn sie in Gehorsam und Unterwerfung wandeln, statt in einem eitlen Gezeter nach ihren eigenen Rechten, das, wenn es verwirklicht würde, eine Sklaverei Satans wäre. Jeder von uns ist ein Knecht des Herrn Jesus.
Aber es ist gut zu bemerken, dass die Vulgata in die Verdrehung verfallen ist, die für den offiziellen Geist so natürlich ist, dass die Führer über die Seelen, die unter ihrer Aufsicht stehen, Rechenschaft ablegen müssen. Das ist die seltsame Lesart der alexandrinischen MS, der Lachmann in seinem Griechischen Testament von 1831 folgt. Tischendorf, der dies bemerkte, hätte sehen müssen, dass Lachmann den Fehler in seiner größeren Ausgabe von 1840–50 korrigierte. Gewiss gibt es keine Entschuldigung dafür, dass jemand das überwältigende Zeugnis zugunsten der alten Abschriften wie auch des Textus Receptus nicht anerkennt, die davon sprechen, dass die Führer, die ihre wache Sorge im Namen der Seelen der Gläubigen ausüben, Rechenschaft ablegen müssen. Damit sind aber nicht die Seelen anderer Menschen gemeint, sondern ihr eigenes Verhalten ihnen gegenüber. Denn jeder soll seine eigene Last tragen; und was oder wer auch immer zwischen das Gewissen und Gott tritt, ist vom Feind. Hierin ist der Katholizismus der Haupt-, aber bei weitem nicht der einzige Übeltäter, der sich eines durchsichtigen Irrtums bedient und dessen übelste Folgen nach sich zieht. Da den Gläubigen die ernste Verantwortung ihrer Führer vor Augen geführt wird, werden sie aufgefordert, eine gnädige Bereitschaft zum Gehorsam und zur Unterordnung zu pflegen, damit die Führer ihr wachsames Werk mit Freude tun und nicht mit Seufzen über ihre Widerspenstigkeit, die für die Gläubigen schädlich wäre (vgl. für die andere Seite 1Joh 2,28 und 2Joh 8 und für diese Seite 3Joh 4).
In der Bitte des nächsten Verses gibt es einen schönen Zusammenhang: „Betet für uns; denn wir sind überzeugt, dass wir ein gutes Gewissen haben“ (V. 18a). Wie viele bitten noch um Gebet, weil sie ein schlechtes Gewissen haben! Aber der inspirierte Schreiber konnte darum bitten, dass die Herzen seiner Brüder Gott um Unterstützung in seinem Werk bitten mögen, da der Geist ihn weiterführte, ohne die traurige Notwendigkeit, von diesem oder jenem Übel, das ihn belastete, moralisch wiederhergestellt zu werden. Denn es ist eine Tatsache, dass von allen Gläubigen keiner mehr Gebet braucht – sein eigenes und das anderer – als die, die in der Arbeit des Herrn sehr im Vordergrund stehen und tätig sind. Wenn man gewohnheitsmäßig damit beschäftigt ist, anderen zu predigen und sie zu lehren, wie groß ist dann die Gefahr, mit einem schlechten Gewissen über sich selbst hinwegzugehen! Und was kann entschiedener verunreinigen oder verhärten? Wenn der Apostel an seine Brüder schreibt, bittet er sie umso mehr um ihr Gebet, als er sich selbst darin geübt hat, stets ein Gewissen zu haben, das frei von Vergehen gegen Gott und die Menschen ist, wie er vor dem Statthalter Felix und dem Hohenpriester Ananias sagen konnte, die beide in dieser Hinsicht schwerwiegend und notorisch weit davon entfernt waren.