Behandelter Abschnitt Heb 4,14-16
Das Wort Gottes, so wertvoll und mächtig es auch sein mag, ist nicht das einzige erklärte Mittel für unsere sichere Führung durch die Wüste. Kein Instrument ist so wirksam, um nicht nur die äußeren Wege, sondern alles, was der Mensch ist, zu sichten und zu behandeln. Doch wir brauchen und haben noch viel mehr: sogar die aktive Gnade des Priestertums Christi, die uns in allen Sorgen und Prüfungen unserer Fremdlingschaft begleitet.
Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten; denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde. Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe (4,14–16).
Hier wird der „große Hohepriester“ in seiner normalen Stellung vorgestellt, nicht ausnahmsweise wie in Kapitel 2,17. Jene außergewöhnliche Handlung, das Bewirken der Versöhnung, war die Grundlage von allem zur Ehre Gottes und zur Rettung des Menschen; aber hier haben wir den einzigen gebührenden Platz seines Dienstes der Fürbitte. Wir sehen Ihn durch die Himmel gehen, nicht einfach „hineingegangen“, wie in allen alten englischen Versionen, mit Ausnahme von Wiclif, der sich an die Vulgata hält und hier recht behalten hat. Die unermessliche Überlegenheit Christi gegenüber Aaron und seiner Nachfolge wird so zur Gewissheit für den Christen dargelegt. So ist der große Hohepriester am wirksamsten in der Lage, unsere Bedürfnisse zu stillen, da Er für immer in der Höhe vor Gott steht, während wir in der Wüste von Gebrechen umgeben und Prüfungen, Gefahren und Kummer ausgesetzt sind. Aber es ist derselbe Jesus, der Sohn Gottes, der die Reinigung von den Sünden, die Er an seinem Leib am Kreuz trug, vornahm, bevor Er sich zur Rechten Gottes niedersetzte. Die Frage unserer Knechtschaft und Schuld ist daher für alle, die glauben, für immer geklärt; so wie es keinen Anspruch Ägyptens oder seines Fürsten auf Israel gab, nachdem es das Rote Meer durchquert hatte.
Dennoch war die Wüste voller Fallstricke und Gefahren, wie auch unser christlicher Weg durch die Welt. Nur sind wir in einem höheren und umfassenderen Sinn die Erlösten des Herrn, die die Erlösung der Seele nicht mehr brauchen und auf die Erlösung des Leibes bei seinem Kommen warten. Dennoch sind wir hier in dieser Wüste und haben nichts als den öden, unfruchtbaren Sand, wenn wir nicht Gott bei uns haben. Deshalb hat Er uns, um uns zu stützen und mit uns in unserer Schwachheit mitzufühlen, einen großen Hohenpriester gegeben, dessen Liebe zu uns Er schon bewiesen hat, als es noch nichts gab, um uns zu lieben, dessen Blut uns von aller Sünde gereinigt hat, dessen Tod und Auferstehung uns befreit und eine unüberwindliche Schranke gegen unsere alten Feinde aufgerichtet hat, um nie mehr gesehen zu werden. Wir sind nicht von der Welt, wie Christus es nicht war, durch seinen Sieg nie mehr Sklaven Satans.
Aber wir sind noch nicht wie Er im himmlischen Land. Wir sind auf dem Weg durch die trockene und heulende Wüste, und obwohl wir nicht im Fleisch sind (Röm 8,9), sondern im Geist, da der Geist in uns wohnt, so ist das Fleisch in uns doch immer bereit, auf den Versucher zu hören, wenn unsere Augen nicht auf Christus gerichtet sind, um dem Geist zu folgen. Daher die große Bedeutung der Tatsache, dass unser gepriesener Erlösers für uns in der Höhe ist, die der Gegenwart des Heiligen Geistes in uns hier auf der Erde entspricht. Ohne beides würden wir in der Wüste fallen, denn in ihr wird alles Fleisch gerichtet und geht es zugrunde. Auch als Gläubige brauchen wir kein Mitgefühl mit dem Bösen in uns. Wir haben gelernt, es durch das Wort Gottes zu erkennen und die Gesinnung des Fleisches als Feindschaft gegen Gott und Tod zu hassen. Wir haben auch gelernt, dass das Ich und der Wille immer und nur böse sind; und darum sitzen wir durch die Gnade im Gericht über uns selbst, so dass wir jetzt jeder sagen können: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,19.20).
Hier also brauchen wir jetzt ständige Wachsamkeit und Gebet, während wir uns dem Wort unterwerfen, das uns göttlich prüft und uns auffordert, jede Schlinge abzuwerfen. Aber wir haben seine gnädige Aufsicht, wo sie am wirksamsten ist, der für und mit uns empfindet, der Heiligende mit den Geheiligten, in jeder Schwierigkeit, Gefahr und jedem Leiden, wie wir auf Gottes Befehl hin stehenbleiben oder weitergehen. Aber die Wolke der göttlichen Führung, so kostbar sie auch sein mag, reicht nicht aus, ebenso wenig wie die warnenden oder siegreichen und aufmunternden Stimmen der silbernen Trompeten. Wir brauchen eine lebendige Person, unnachgiebig für Gottes Herrlichkeit, unfehlbar in Bezug auf Gottes Willen, unfehlbar in der gnädigen Macht für uns in unserer Schwachheit und Gefährdung; und all das haben wir, und unermesslich mehr, in Jesus, dem Sohn Gottes, der als großer Hoherpriester durch die Himmel gegangen ist. Er ist so wahrhaftig Mensch wie wir oder ein anderer. Er war nicht nur ein vollkommener Mensch, sondern der vollkommene Mensch. Er weiß daher aus Erfahrung, was die Welt und was Satan ist; aber das Böse im Fleisch, das Er durch seine übernatürliche Geburt nie hatte, hat Er durch seine Abhängigkeit von Gott keinen Augenblick lang zugelassen. Das „Heilige“, das von Maria geboren wurde, war und lebte immer als der Heilige Gottes (Lk 1,35).
Daher konnte Gott nur Ihn am Kreuz für uns zur Sünde machen, damit wir in Ihm Gottes Gerechtigkeit würden. Daher ist Er jetzt als der ewig lebende Hohepriester genau und ausschließlich der, der für uns Fürsprache einlegt und mit uns mitfühlt. Hätte es in Ihm auch nur ein klein wenig von dem gegeben, was die Heilige Schrift die Gesinnung des Fleisches oder die ihm innewohnende Sünde nennt, so hätte dies sowohl das Opfer für die Sünde verhängnisvoll verdorben als auch das Herz der heiligen Liebe von seinem Mitleid mit uns in unserem Verlangen und dem Widerstand des Geistes gegen das Fleisch abgestumpft. Aber da war absolut nichts. Da Er an Blut und Fleisch teilhatte wie wir, war in Ihm keine Sünde, wie sie in uns ist: nicht nur keine Taten, sondern auch keine Wurzel des Bösen. Satan fand nichts in Ihm (Joh 14,30), auch Gott nicht (Ps 17,3). Deshalb konnte Er wirksam für unsere Sünden und für die Sünde sterben; deshalb lebt Er, um sich nicht weniger wirksam für uns zu verwenden und mit unseren Schwachheiten Mitleid zu haben. Der Tod, und nur sein Tod, konnte im Blick auf die Sünde helfen; und Gott hat Ihn in vollem Umfang angenommen, indem Er Jesus (der Ihn in allen Dingen und in diesem am meisten verherrlicht hat) zu seiner Rechten gesetzt und seinen Geist herabgesandt hat, damit wir wissen, wie Er den Wert der Wirkung für uns jetzt und in Zukunft und in Ewigkeit einschätzt.
Aber wir wollen Ihn, der lebt und sich jeden Augenblick für alle unsere Schwierigkeiten und Schwachheiten interessiert, da wir jetzt für Gott in einer bösen Welt leben und noch nicht von jenem bösen Prinzip, der Gesinnung des Fleisches, befreit sind, die niemals in Ihm, sondern in uns war. Das erweckt sein Mitempfinden für uns umso mehr, als wir nicht nur dem Satan widerstehen müssen, wie Er es allein vollkommen tat, sondern auch einem inneren Feind oder Verräter, den Er nicht hatte. Und Er ist absolut fähig, da Er Gott und Mensch in einer Person ist, und dies, nachdem Er den ganzen Weg so vollständig durchschritten hat, wie es kein anderer im Himmel oder auf der Erde je getan hat oder tun konnte. So bittet und empfindet Er für uns, der durch die Himmel gegangen ist, vollkommen mit uns. „So lasst uns das Bekenntnis festhalten“. Das ist die Forderung und das laute Rufen des neuen Menschen gegen die Welt, das Fleisch und den Teufel.
Wäre der Sohn Gottes einfach über den Himmeln gewesen, hätte es kein solches Motiv zum Festhalten, keinen solchen Trost in unseren Prüfungen als Christen geben können. Aber hier lebte, litt und starb Er und kannte alles, wie es kein anderer je getan hat oder kann als Jesus, der Sohn Gottes. Daher war Er als Mensch und mit unvergleichlicher Erfahrung dazu geeignet. Er kann wie kein anderer mitfühlen, nicht mit unseren Sünden, die wir als Gläubige nicht zu suchen wagen, sondern von ganzem Herzen ablehnen, sondern mit unseren Schwachheiten. Nicht einmal Paulus, der sich dieser rühmte (gewiss nicht der Sünden!), konnte ohne sein Mitgefühl auskommen. Nein, gerade weil Er sein Mitgefühl so viel besser kannte und schätzte als wir, konnte er frohlocken, wenn wir allzu oft niedergeschlagen sind. Er übt diese Funktionen jedoch nicht im Fleisch oder auf der Erde für uns aus, sondern in den Himmeln, wo weder Sünde noch Gebrechen jemals hinkommen können. So trägt Er uns, und mit zärtlichstem Mitgefühl für uns, für jeden so wahrhaftig, als gäbe es keinen anderen, der es teilen könnte, da Er nicht weniger Gott als Mensch ist. Einen Priester auf der Erde zuzulassen, ja, ihn als solchen zu begreifen, ist Judaismus. Abgesehen von dem ganz anderen Werk, hat Er die Grundlage für alles in der Sühnung bewirkt. Nun ist sein priesterliches Werk ausschließlich in der Höhe, da wir einer himmlischen Berufung teilhaftig sind, und wir sind dazu berufen, dieses Bekenntnis und kein anderes festzuhalten.
Aber um ein solches Priestertum zu erlangen, wurde Jesus in allen Dingen in gleicher Weise versucht, ausgenommen die Sünde. Hier müssen wir auf der Hut sein. Denn die Einfügung von „doch“ in der Authorized Version im letzten Satz ist geeignet, eine Vorstellung zu vermitteln, die der Wahrheit völlig zuwiderläuft und Christus höchst abschätzig gegenübersteht. Die meisten Leser würden daraus schließen, dass Christus zwar in allen Punkten versucht wurde, wie es bei uns der Fall ist, aber dennoch nicht gesündigt hat. Nun kann man freimütig behaupten, dass dies ganz und gar nicht der wahren Bedeutung entspricht, ja sogar ein ganz anderer Gedanke ist, so dass die Absicht Gottes in diesem Abschnitt verfehlt wird. Es geht nicht um Sünden oder Versagen, sondern um „ausgenommen die Sünde“. Wir haben böse Versuchungen von innen, durch das gefallene Menschsein; Christus hatte keine. Das war absolut unvereinbar mit seiner heiligen Person. Durch ein Wunder war Er sogar in Bezug auf die Menschheit frei von einem Makel des Bösen, wie es seit dem Sündenfall niemand mehr war. Und von diesen heiligen Versuchungen handelt der Hebräerbrief, nicht von unseren unheiligen. Der Jakobusbrief unterscheidet sie in Jakobus 1 sehr deutlich. Man vergleiche die Verse 2 und 12 einerseits und die Verse 13–19 andererseits. Die letzteren kennen wir nur zu gut, Jesus nie. Aber Er kannte das erste wie kein anderer zuvor oder danach. Er wurde in allem versucht wie wir, das heißt mit uns, mit diesem unendlichen Unterschied, „ohne Sünde“. Er kannte keine Sünde, Er hatte keine innere sündige Versuchung. Er ist daher umso mehr, nicht weniger, in der Lage, Mitleid mit uns zu haben. Denn die Sünde im Innern, auch wenn man ihr nicht nachgibt, blendet den Blick und trübt das Herz und hindert daran, sich vorbehaltlos mit den Prüfungen der anderen zu beschäftigen.
Da wir nun einen so einfühlsamen und wirksamen Beistand in unserem ewig lebenden Fürsprecher zur Rechten Gottes haben, werden wir ermahnt, mit Freimütigkeit zum Thron der Gnade hinzuzutreten. Beachte sorgfältig, dass es nicht bedeutet, zu Christus zu kommen, um für uns zu bitten, was jemand voraussetzt, die nicht in der richtigen Stellung vor Gott ist und an der Gnade zweifelt, in der wir, die wir glauben, durch die Erlösung gewöhnlich stehen. Christus ist nicht eher in die Höhe gegangen, als bis alles für uns auf der Erde geklärt war und wir, wie wir aus Johannes 20 wissen, in den Genuss seiner eigenen Beziehung zu seinem Vater und seinem Gott (seine Gottheit natürlich immer ausgenommen) gekommen sind, als Kinder und Heilige, die mit Ihm lebendig gemacht geworden sind und denen alle ihre Übertretungen vergeben wurden (Kol 2,13). „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade“. Das ist es, was wir jetzt brauchen und haben.
Wir sind also berechtigt, mit aller Freimütigkeit zu Gott, der auf seinem Thron sitzt, zu kommen. Für uns ist es durch die Erlösung Christi ein Thron der Gnade. Am Anfang der Offenbarung sehen wir einen Thron, von dem die Worte des Gerichts ausgehen. Gegen Ende ist es ein Thron der Herrlichkeit, der Thron Gottes und des Lammes, von dem ein Strom des Lebens, glänzend wie Kristall, hervorgeht; so wird es sein, wenn die Hochzeit des Lammes gekommen ist und seine Frau sich bereitet hat. Müssen wir noch den Ernst des großen weißen Throns des ewigen Gerichts hinzufügen? Der Thron der Gnade, obwohl von demselben Gott, hat einen völlig anderen Charakter gegenüber den vielen Söhnen, die zur Herrlichkeit gebracht werden.
Daher wird uns gesagt, dass wir ihm mit aller Freimütigkeit nahen sollen. Manche bevorzugen das, was sie „eine demütige Hoffnung“ nennen. Aber das ist nur ein menschliches Gefühl oder noch schlimmer. In uns selbst haben wir nicht einmal den geringsten Grund zur Hoffnung; wenn wir Christus durch den Glauben haben, verkennen wir sowohl sein Werk als auch die Gnade Gottes, die jetzt gerecht und vollkommen gerechtfertigt ist, wenn wir nicht mit aller Freimütigkeit zum Thron der Gnade hinzutreten. Ist das eine Übertreibung des Wortes Gottes? Oder ist das nicht Unglaube? O weh, der Unglaube der Gläubigen!
Beachte, was das Ziel ist, wenn wir so nahen: „dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitiger Hilfe“. Unsere Schwachheit braucht diese Barmherzigkeit, und es ist Gottes Wohlgefallen, dass wir, die wir den Schwierigkeiten des Weges begegnen, Gnade zur rechtzeitigen Hilfe finden. Er sitzt dort und lädt ein, damit wir seine Hilfe zur rechten Zeit in Anspruch nehmen können. Wenn wir einen solchen Priester haben, lasst uns freimütig zum Thron der Gnade hinzutreten. Gott und sein Sohn haben sich verpflichtet, uns zu segnen, und auch wir können uns ohne Zweifel und Furcht an Ihn wenden. Das ist sein Wort, nicht weniger als sein Wille.