Behandelter Abschnitt Kol 1,10-11
Das Gesetz gibt das niemals im geringsten Maß; es ist ein gerechtes Verbot für den Willen des Menschen. So gibt es nur eins der Gebote – ich meine das Gesetz über den Sabbat – das nicht deutlich diesen Charakter hat. Die Verneinung kann niemals die Wege eines Christen bilden. Wir wollen den Menschen sittlich zu allem Guten erziehen. Wie ist das zu bewerkstelligen? Wie Christus die Quelle des Lebens ist, so werden wir aus Ihm auch erfüllt mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlicher Einsicht. Der Gläubige wird von Gott nicht wie ein Ross oder ein Maultier behandelt, die keinen Verstand haben, sondern wie ein einsichtigstes und liebendes Wesen, das in die Gemeinschaft mit Gott gebracht wird. Er wäre kein erlöster Mensch, wenn sein eigener Wille ihn beherrschen würde; aber das ist das genaue Gegenteil davon, mit der Erkenntnis des Willens Gottes erfüllt zu sein, und deshalb betet der Apostel für sie, dass sie erfüllt werden.
Im Epheserbrief lesen wir zwar auf wunderbare Weise von Gottes Willen (Eph 1), aber der Apostel verlangte nicht wie hier, die Erkenntnis dessen für sie zu erbitten. Es war eine Herzenserkenntnis in ihnen, die es nicht nötig hatte, dass der Apostel so für sie betete. Er wünscht für sie sowohl eine tiefere Erkenntnis ihrer Stellung als auch eine reichere Freude an Christus im Innern, damit sie mit der Fülle Gottes erfüllt würden.
um würdig des Herrn zu wandeln zu allem Wohlgefallen, in jedem guten Werk Frucht bringend und wachsend durch die Erkenntnis Gottes, gekräftigt mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit, zu allem Ausharren und aller Langmut mit Freuden (1,10.11)
Doch mit der Erkenntnis seines Willens erfüllt zu werden, wie wir es hier finden, hat offensichtlich mit dem praktischen Wandel zu tun, „um würdig des Herrn zu wandeln“ (V. 10). Mit anderen Worten, im Kolosserbrief gibt es einen wichtigen praktischen Bezug zum Wandel; es ist mehr die Formung des Kindes; es ist die Stärkung und Führung jemandes, der nur schwach wandeln kann, ihm dabei zu helfen. Im Epheserbrief ist es die Mitteilung des Gottes und Vaters Jesu Christi an seine Kinder, die nun nicht mehr kleine Kinder, sondern erwachsene Menschen sind. Daher haben wir dort die familiären Beziehungen, Empfindungen, Stellungen, Interessen und Verantwortungen, und zwar sehr ausführlich. Die Kolosser waren durch die Gedanken von Lehrern irregeführt worden, die selbst weit in der Irre waren.
Obwohl die Gläubigen dort ernsthaft waren, gab es doch etwas, das ihre Augen verblendete: „Wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein“ (Mt 6,22). Sie müssen von ihren eigenen Gedanken beherrscht worden sein, sonst hätten sie diese falschen Vorstellungen sicher zurückgewiesen. Es ist eine einfache Wahrheit, aber sehr beachtenswert, dass das, was als Gottes Wille dargestellt wird, notwendigerweise das Denken und folglich den Wandel eines Christen prägt. Wenn ich in Bezug auf den Geist oder die Ziele Gottes in die Irre geführt werde, ist die Auswirkung praktisch höchst fatal; und je ernster man es meint, desto weiter geht man in die Irre. Aber der Apostel hatte für die Kolosser gebetet, und fuhr noch fort: „damit ihr erfüllt sein mögt mit der Erkenntnis seines Willens“ (V. 9). Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass in diesem Abschnitt ein Gegensatz zum Wandel eines Menschen besteht, der, wie wohlgesinnt er auch sein mag, unter dem Gesetz steht. Je mehr der Christ von Gottes Willen weiß, der sowohl gnädig als auch heilig ist, desto mehr wächst das Glück und auch die Kraft; wohingegen das Gesetz so wirkt, dass es Elend erzeugt und uns unsere völlige Schwachheit vor Augen führt. Kein Zweifel, wenn es ein tiefes Empfinden für die Gegenwart Gottes gäbe, würde es nur einen kleinen Unterschied machen, mit wem wir es zu tun hätten, mit Weltmenschen oder mit Kindern Gottes. Natürlich gäbe es einen Unterschied in unserem Verhalten zu ihnen, je nach ihrer Beziehung zu Gott oder ihrer Unwissenheit über Ihn; aber Tatsache ist, dass wir immer sehr stark von der Gesellschaft beeinflusst werden, in der wir uns befinden. Wir beeinflussen andere und werden von denen beeinflusst, mit denen wir zusammen sind. Daher ist es offensichtlich, dass, je mehr ein Gläubiger die persönliche Beziehung zu Christus erkennt und pflegt, er in seinem Wandel Christus ähnlicher wird. Wenn ich meinen Platz als an Ihn gebunden und Ihn als mein Haupt und meinen Bräutigam anerkenne und Ihn als Gegenstand meines Herzens habe, ist es klar, dass ein völlig anderer Wandel das Ergebnis sein wird. Das Maß und der Charakter des Wandels unter den Kindern Gottes wird durch das Maß unserer Bekanntschaft mit Christus gebildet, wo das Fleisch ausreichend gerichtet wird, um die Gemeinschaft mit Ihm zu genießen.
Aber beachte wiederum, dass der Apostel zunächst nicht die Dinge anspricht, in denen sie versagten. In der Mitte des zweiten Kapitels sagt er ihnen klar und deutlich, wo sie schuldig waren. Das ist für uns sehr wichtig zu beachten; denn wenn unser Ziel wirklich das Wohl und die Befreiung und Hilfe der Gläubigen ist, sollten wir sehen, wie Gott den Einzelnen begegnet und sie befähigt, der Schlinge zu entkommen. Und das lernen wir am besten, indem wir die Führung des Heiligen Geistes, wie sie uns in solchen Schriftstellen wie diesen gezeigt wird, beobachten und uns daran halten. Es ist eine Zurechtweisung der eigenen allzu häufigen Haltung gegenüber anderen, wenn wir an die wunderbare Gnade und die Langmut des Apostels denken, bis er auf den Punkt kommt, wie wir das nennen. Ich zweifle nicht daran, dass es darin viel zu lernen gibt; wir könnten im Anfang dieses Briefes fast denken, dass die Kolosser in einem sehr erfreulichen Zustand waren. Der Apostel nähert sich allmählich und sehr vorsichtig dem, was ihn schmerzte und was sie schmerzen musste. Er schürft und schürft sozusagen, um die Zitadelle einzunehmen; es ist eine langsame, aber sichere Arbeit.
Es gibt hier noch einen anderen Ausdruck, der unserer Aufmerksamkeit wert ist: „um würdig des Herrn zu wandeln zu allem Wohlgefallen“ (V. 10a). Es ist nicht würdig des Evangeliums, noch ist es würdig unserer Berufung und so weiter. Das ist nicht die Form der Ermahnung hier. Die Epheser waren hinreichend frei von diesem bösen Einfluss und konnten frei in der Berufung Gottes, zu der sie berufen waren, unterwiesen werden; und deshalb sagt er dort, „dass ihr würdig wandelt der Berufung“. Aber zu den Kolossern sagt er: „würdig des Herrn“. Es würde für sie nicht so leicht sein, sich der Auswirkungen zu entledigen, die durch die Beschäftigung mit Philosophie und den Satzungen unter ihnen waren. Die Epheser waren von diesem Irrtum ganz frei geblieben, und deshalb werden sie ermahnt, dessen würdig zu wandeln, von dem sie wussten, dass es ihre Stellung war.
Wie hier auf den Herrn Jesus hingewiesen wird, so ist „zu allem Wohlgefallen“ der Maßstab; es geht nicht darum, uns oder anderen zu gefallen, sondern Ihm zu gefallen. Das ist nun ganz anders als das Gesetz, das nur so viel und nicht mehr verlangte. Die Wege der Gnade sollten unbegrenzt sein, „des Herrn würdig zu wandeln zu allem Wohlgefallen“. Deshalb fügt er gleich hinzu: „in jedem guten Werk Frucht bringend“. Es ist alles positiv und nicht nur negativ wie die Anforderungen des Gesetzes. „Und wachsend durch die Erkenntnis Gottes“ scheint hier der Gedanke zu sein. Es bezieht sich auf die Mittel des christlichen Wachstums. Ich denke, „Weisheit und geistliche Einsicht“ (V. 9) bedeutet eine Wahrnehmung dessen, was in Gottes Augen gut und weise ist, abgesehen davon, dass es sein ausdrückliches Gebot ist. Ich könnte eine Sache tun, einfach weil ein anderer es wünscht, und natürlich ist das ganz richtig, wenn es eine entsprechende Autorität gibt. Zum Beispiel kann mein Vater mir befehlen, dieses oder jenes zu tun, und ich mag es tun, ohne zu wissen, warum; aber hier ist es mein Vater, der mir gleichzeitig die Bedeutung dessen zeigt. So sieht die „Weisheit“ die Schönheit und Angemessenheit jeder gegebenen Sache, und die „geistliche Einsicht“ die richtige Anwendung. Das eine ergreift die Ursache, das andere ist mit der Wirkung beschäftigt. Darin unterscheidet sich also das Evangelium vom Gesetz. Ob ein Mensch den Sinn des Gesetzes verstand oder nicht, er gehorchte einfach, weil Gott es befohlen hatte.
Das entspricht nicht dem Wesen des christlichen Gehorsams, der sich an der Entfaltung der Gedanken Gottes in Christus erfreut, so dass man nicht nur seine Autorität, sondern auch ihren bewundernswert vollkommenen Charakter und ihre gnädigen Wirkungen sieht. Es ist ganz richtig, dass ein Untertan, ein Diener, ein Unmündiger, lernen sollte zu gehorchen, wenn es nur um des Gehorsams willen wäre. Aber das ist nicht das christliche Prinzip. Der Gehorsam eines Christen ist nicht der Blinde, der den Blinden führt, noch ist es der Sehende, der den Blinden führt, sondern der Sehende, der den Sehenden führt. Aber es steckt sehr viel mehr dahinter.
Es geht nicht nur darum, dass Menschen belebt werden und Frucht bringen, sondern sie wachsen auch durch oder in eine tiefere Erkenntnis Gottes selbst hinein. Diese vertiefte Bekanntschaft mit Gott, die mit der Kenntnis seines Willens einhergeht, ist eine sehr wichtige Sache auf dem Weg des Gehorsams. Man lernt Gott besser kennen, man versteht besser seinen Charakter, man lernt sich selbst gründlicher kennen.
Eine andere Sache von großer Bedeutung ist: Es gibt nicht nur die wachsende Erkenntnis, sondern wird auch „gekräftigt mit aller Macht nach der Kraft seiner Herrlichkeit“ (V. 12a); denn das ist der Gedanke – es ist nicht seine herrliche Macht, sondern die „Macht seiner Herrlichkeit“. Es setzt voraus, dass die Herrlichkeit Christi eine ganz entschiedene Wirkung hat in der Art und Weise, in der die Kraft gebildet oder vermittelt wird.
Wenn ich Christus hier auf der Erde betrachte, sehe ich Ihn in Schwachheit und Schande und Verwerfung, aber in größte Gnade, und nirgends so sehr wie am Kreuz; darauf können und wollen wir nicht verzichten (in der Tat ist Christus überall unaussprechlich kostbar und absolut notwendig für uns); doch ein Christ wird dadurch gekräftigt, dass er auf den auferstandenen und verherrlichten Christus schaut. Zweifellos ist es dieser Gedanke an den demütigen Christus auf der Erde, der die Zuneigung hervorruft, so wie das Kreuz das Bedürfnis des Gewissens befriedigt; aber beides gibt an sich keine Kraft, und beides ist von Gott nicht dazu bestimmt, all das zu geben, was wir brauchen. Daher werden die, die Christus überhaupt kennen, sicherlich in Ihm Leben und Segen finden, aber sie sind niemals stark, wenn sie sich nur mit seinem Weg auf der Erde beschäftigen. Was stillt denn unser Bedürfnis in dieser Hinsicht? Solche sollten abwägen, was in 2. Korinther gesagt wird: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (3,18). Das gibt praktische Kraft. Hier verbindet sich also die Frage der Macht mit seiner Herrlichkeit. Wenn es um Mitleiden geht, ist sie immer mit seinem Leben hier unten verbunden; zum Beispiel im Hebräerbrief wird zwar von Christus zur Rechten Gottes gesprochen, aber als dem, der einst in allen Punkten versucht wurde wie wir, die Sünde ausgenommen, und daher Mitleid mit unseren Schwachheiten hat. Das ist sehr tröstlich, was die Kraft des Mitgefühls angeht. Ewiges Leben und Kraft sind zwei völlig verschiedene Dinge. Viele haben das einzige Ziel, Christus als Beispiel zu folgen. Natürlich ist das bewundernswert; aber was gibt uns Kraft? Ich muss zuerst in Beziehung zu Gott stehen, das ewige Leben besitzen, und dann ist Kraft gefragt. Ich bin nicht in der Stellung, bis ich die Erlösung durch das Blut Christi kenne, und Kraft ist nur in dem auferstandenen und verherrlichten Christus zu finden. Die Quelle der Kraft liegt nicht darin, dass ich auf das schaue, was Er hier auf der Erde war, sondern dass ich das Bewusstsein der Herrlichkeit habe, die in Ihm ist, und dass die entsprechende Kraft mein eigenes Herz erfüllt und mir die Gewissheit gibt, bei Ihm zu sein.