Behandelter Abschnitt Apg 28,23-29
Ein Letzter Appell an die Juden
Die vielen Juden, die nun zum Apostel kamen, waren nicht etwa suchende Sünder. Es war ihnen vielmehr darum zu tun, etwas mehr über die „Nazarener“ (über die sie übrigens schon ziemlich auf dem Laufenden waren) zu erfahren. Auch Paulus selbst konnte ihnen kaum unbekannt sein, da er doch als ein Anführer der Sekte galt. Außerdem war in Rom eine ansehnliche Christengemeinde, in der zahlreiche bekehrte Juden waren. Sie kannten also die Lehre der Nazarener, aber es hatte einen gewissen Reiz für sie, diesen abtrünnigen Paulus selber zu hören.
In der Herberge. In Rom war Paulus, wie wir heute sagen würden, in Untersuchungshaft. Er erfreute sich aber trotzdem als römischer Bürger verschiedener Freiheiten, von denen er gern und dankbar Gebrauch machte. Eine dieser Freiheiten war die, bis zum Gerichtsurteil unabhängig in einem eigenen, gemieteten Hause wohnen zu dürfen. Selbstverständlich war dies nur möglich, wenn der Gefangene die Mittel dazu hatte. Ob die Gemeinde zu Rom das Haus für den Apostel gemietet hatte oder für die Unkosten aufkam, wissen wir nicht. In jedem Fall hatte Paulus auch seine materiellen Sorgen, denn er dankte den Philippern, die ihm eine Gabe nach Rom gesandt und so seiner Notdurft gedacht hatten (Phil 4,16). Daneben hatte der Apostel viel Schweres und Unangenehmes. Man bedenke, dass er ständig von einer römischen Wache umgeben und an den wachehaltenden Soldaten angekettet war. Auf diese Weise war Paulus selten einen Augenblick allein. Wollte er beten, so war der Soldat dabei; Besuche belehren, so geschah es in Gegenwart der Wache; Briefe schreiben, so waren sie zensuriert; die Versammlungen besuchen, so wurde er gekettet dahin geführt. Doch der Segen dieser Härten verdient auch hervorgehoben zu werden. Paulus erwähnt ihn in Phil 1,12 ff. Auf diese Weise kamen viele Soldaten und Beamte mit Paulus in Berührung, und mancher unter ihnen wurde des Herrn Eigentum. Deshalb lässt er auch in seinem zweiten Brief an Timotheus «die aus des Kaisers Haus» grüßen. So diente letzten Endes alles zur Förderung des Evangeliums.
Der Ausdruck „gemietetes Haus“ weist zugleich auf die Fremdlingschaft des Apostels hin. Bei all der ihm eingeräumten Freiheit fühlte er sich doch nicht daheim, und er sehnte sich nach der Behausung die vom Himmel ist (2Kor 5,2). Sogar unser Herr nannte sich einen Fremdling (Mt 25,35) und dies ist auch unser Los. Behalten wir also diese Tatsache im Gedächtnis, damit wir nicht in Versuchung fallen, unser Vertrauen auf die Dinge dieser Welt zu setzen, sondern nach dem zu streben was droben ist, wo Christus ist.
Sein Hauptthema war das Reich Gottes. Also Gottes Gedanken über Israel und die Völkerwelt. Das, was der Apostel bereits längst zuvor den Christen zu Rom in seinem Briefe (Kap. 9-11) mitgeteilt hatte, wird er diesen Juden hier näher erklärt haben. Im Vordergrund der Belehrung lag jedoch die Beweisführung, dass dieser Messias, den sie erwarten, schon gekommen sei und von ihm verkündigt werde. Israel habe ihn aber nicht erkannt und Ihn infolgedessen verworfen und getötet. Des Apostels vornehmste Aufgabe unter den Juden war stets die, sie zu bitten, diesen Jesus doch anzunehmen. Dann würde Er wieder zu Seinem Volke kommen, den Thron Davids besteigen, Israel wieder in sein Land bringen, und es von allen Bedrückern befreien. Mit großer Geduld war Paulus den ganzen Tag damit beschäftigt, sie zur Annahme des Messias zu bewegen (Vers 23). Nur zu gern hätten auch wir den weisen Ausführungen dieses bedeutenden Zeugen Gottes gelauscht; doch hat es der Heilige Geist uns vorenthalten, in alle Unterredungen und Auseinandersetzungen, die der Apostel mit den Juden hatte, hineinzuschauen.
Das Resultat der Rede (Vers 24). Es war wie üblich. Einige glaubten und entschieden sich für Christus, andere verharrten in ihrem Unglauben. Dasselbe Feuer, das das Wachs schmilzt, härtet den Ton. Dies war stets die Wirkung des Wortes. Diejenigen die glaubten, erhielten Vergebung ihrer Sünden; die Ungläubigen aber gingen einer noch größeren Gottesferne entgegen.
Ein ernstes Schlusswort (Vers 25, 26). Vor dem Auseinandergehen erinnerte Paulus sie an die bekannte Weissagung in Jes 6,9-10, die auch der Herr selbst den Juden zurief (Mt 13,14-15; Joh 12,39-41). Dass diese Weissagung schon mehr als 700 Jahre vorher ausgesprochen und vom Herrn wiederholt wurde, beweist die unendliche Geduld Gottes mit Seinem Volke. Wiederum ging Israel achtlos an dieser ernsten Weissagung Jesajas vorüberl Es wollte den verkündigten Christus nicht hören, nicht umkehren, und so irrt es bis heute in Blindheit umher, bis endlich die Decke von seinen Augen fallen und es in seiner größten Not den Durchstochenen erkennen wird. Israel schloss sich somit selbst von dem durch Paulus verkündigten Reiche Gottes aus, und wird draußen bleiben bis zur Erfüllung von Röm 11,26. Und hier schließt Gottes Bemühung um Sein Volk Israel genau so traurig ab, wie am Schluss des Alten Testamentes, da Maleachi das Volk nicht „Israel“, sondern nur „Jakob“ nennen konnte.
Was Paulus damals von den Juden so ernstlich bezeugen musste, ist auch leider nur zu wahr vom heutigen, sogenannten Christentum. Es ist nämlich ebenso lau und hohl wie das damalige Judentum, hat auch nur die Form der Gottseligkeit und verschmäht den wahren Inhalt des Evangeliums, Jesum. Wie bei Israel, so ist auch beim Christentum viel leeres Lippenbekenntnis. Das Herz ist fern von Gott! Und genau so wie Israel im Gericht endet, so wird es auch das Christentum. Es hat ebenso große Untreuen auf seinem Schuldkonto wie Israel, das sich den Namen einer Hure verdient hatte. Aber wie in Israel einige waren, die glaubten, so ist auch inmitten des Christentums eine kleine Überwinderschar, die wie Paulus, als Fremdlinge im gemieteten Hause warten, bis der Herr sie ins Vaterhaus heimholt.
Die Folgen der Ablehnung (Vers 28). Paulus ließ nun jene verantwortlichen Juden, als Resultat ihres Unglaubens wissen, dass das ihnen zuerst angebotene, aber verachtete Heil in Christo fortan den Nationen gesandt werde. Wir begegnen in der Tat keinem weiteren Heilsangebot an Israel mehr. Unsagbar ernst ist die Folge der Christusablehnung.
Auf dem Heimwege (Vers 29). Hier kam es zu einer lebhaften Diskussion unter den Heimkehrenden. Alle, auch die Ablehnenden, waren tief beeinflusst von den so ernsten Beweisführungen des Apostels, denen offenbar keiner zu widersprechen vermochte. Alle wurden sich ihrer Schuld und Verantwortung dem gehörten gegenüber bewusst, doch glaubten nicht alle. Die aber gläubig geworden waren, versuchten ihre Brüder auf dem Heimwege zu überzeugen und zu gewinnen. Von ihnen können wir lernen, die vom Gottesdienste Heimkehrenden weiter zu belehren und zur Übergabe an den Herrn zu nötigen.