Behandelter Abschnitt Apg 28,11-25
Von Malta nach Rom
Der rührende Abschied auf Malta gehörte nun der Vergangenheit an. Solchen Besuch hatten die Inselbewohner nie zuvor gehabt. Gottes weise Vorsehung führte alles herrlich hinaus, wenn auch der Weg zu den Segnungen auf Malta durch tiefe Wasser ging. Notzeiten sind vielfach Geburtsstätten der Fruchtbarkeit. Wie lange werden die Malteser noch an den Apostel gedacht und von ihm geredet haben, da er doch drei Monate lang unter ihnen als Zeuge Gottes lebte und wirkte. Auch Paulus wird eine stille Sehnsucht nach diesen dankbaren, erweckten Menschen und ihrem Inselland in liebendem Andenken mit sich getragen haben.
Auf, nach Rom! Nach einem Unterbruch von drei Monaten wurde die Reise in einem alexandrinischen Schiffe fortgesetzt. Die ganze Mannschaft vertraute sich wiederum Wind und Wellen an und erhoffte eine günstigere, sturmfreiere Fahrt. Diesmal äußerte der Apostel keine Bedenken zum Einsteigen. Gestützt auf Gottes Zusage: «Du wirst Rom sehen und von mir zeugen, war er voll Vertrauen für die nahe Zukunft. Allerdings wusste er nicht, was seiner als Sklave Jesu Christi in Rom harrte; aber des einen war er sich klar, dass der Herr vor ihm herging, mit ihm war, und auch hinter ihm stand.
Soweit verlief die Reise planmäßig. Verschiedene Häfen wurden angelaufen, bis sie endlich nach Puteoli, am Tyrrhenischen Meer, kamen. Zwischenhinein wurden Ruhetage eingeschaltet. Stille Tage sind kein Überfluss, auch nicht verlorene Zeit; sie sind eine Notwendigkeit, soll der Gläubige auf der Lebensreise nicht ermatten. Alles hat seine Zeit ‑ das Reisen und das Ruhen. Und der Herr selbst hat den Jüngern nach getaner Arbeit geboten, etwas zu ruhen (Mk 6,31).
Eine freudige Überraschung. Zu seiner nicht geringen Freude fand der Apostel in Puteoli Brüder, mit denen er sieben Tage Gemeinschaft pflegen durfte. Die Sekte der Nazarener, der allenthalben widersprochen ward, fand man überall. Die Ausbreitung des Evangeliums hatte nicht selten durch vertriebene Gläubige gute Fortschritte gemacht. Obwohl jene Gotteskinder in Italien den Apostel noch nie gesehen hatten, verband sie doch die Liebe Christi, die weder Grenzen noch Rassenunterschiede kennt. Die Liebe Christi ist das Band der Gemeinschaft, das alle Gotteskinder umschließt. „Sie sind allzumal einer in Christo Jesu“ (Gal 3,28). Die sieben Tage in Puteoli mögen denen in Troas geglichen haben (Kap. 20, 6-7) oder jenen in Tyrus (Kap. 21, 4). Im Laufe dieser Woche wurden die Heiligen erquickt, Seelen hinzugetan, und vielleicht auch Kranke geheilt. Da Paulus in ständiger Gemeinschaft mit Gott, der nie und nirgends versiegenden Segensquelle, lebte, ging überall eine Kraft von ihm aus. Welcher Einfluss geht von uns aus?
In Apii-Forum. Hier lag die erste Strecke italienischen Landes hinter den Reisenden. Es ist anzunehmen, dass schon viele der zweihundert und sechsundsiebzig Mann, darunter besonders die Matrosen, in Puteoli zurückgeblieben waren. Lukas berichtet aber nichts von einem Abschiednehmen, nichts von einem Dank des Schiffskapitäns oder der Passagiere, die doch alle nebst Gott dem Apostel ihr Leben zu verdanken hatten. Wohltaten sind so schnell vergessen. Der Apostel hatte gelernt, nach erwiesenen Liebesdiensten übersehen, wenn nicht gar verleumdet und verfolgt zu werden. Geht es den Gläubigen heute anders? Sie sind immer Narren um Christi willen. Eigenartig ist auch, dass Lukas gar nichts von Bekehrungen sagt. Sicherlich waren die drei Gottesmänner nicht stumm auf dem Schiff. Erst die Ewigkeit wird uns erzählen, dass doch mancher der Mitreisenden den Herrn gefunden hat.
Während des siebentägigen Aufenthaltes des Apostels in Puteoli hatten die dortigen Brüder Zeit genug die Gläubigen in Rom über dessen Ankunft zu unterrichten. Brüder aus Rom kamen dann auch dem Apostel entgegen und hießen ihn willkommen. Waren etwa seine getreuen Freunde, Aquila und Priscilla, die nun in Rom lebten, unter ihnen? Was gerade dieses Ehepaar dem Apostel in Ephesus und in Korinth war, brauchen wir hier nicht zu wiederholen. Der Apostel selbst stellt ihnen in wenigen Worten in seinem Briefe an die Gemeinde zu Rom ein sehr vielsagendes Zeugnis aus (Röm 16,3-5).
Eine zweite Gruppe von Gläubigen kam Paulus nach Tres-Tabernä entgegen. Sie kannten den Apostel und seine innige Liebe zu ihnen durch den Brief, den er ihnen zuvor geschrieben hatte (Röm 1,11-13). Auch sie wollten den Apostel mit Willkommensgrüßen erfreuen. Was dachten wohl die übrigen Mitreisenden ‑ der Hauptmann Julius und die Soldaten über diese herzlichen Gemeinschaftsbezeugungen ? Wurde es ihnen klar, was Paulus den Gläubigen war? Und der heimatlose Apostel muss sich vorgekommen sein, als kehre er heim. Dass er wie ein Verbrecher in Ketten war, hinderte die Brüder nicht an der Gemeinschaft mit ihm. Er kam, dessen ungeachtet, im vollen Segen zu ihnen. „Und so kamen wir nach Rom.“ Das Wörtlein „so“ ist hier bedeutsam. Wie kamen sie denn nach Rom? Ganz anders als Paulus es sich vor Jahren gedacht ‑ und in Ephesus mit den Worten geäußert hatte: „Ich muss Rom sehen.“ Mit diesem „so“ hielt Lukas, der Schreiber, einen kurzen Rückblick über all die Umstände und sagt gleichsam: Trotz allem kamen wir durch. Und werden nicht auch wir am Ende unserer Reise nach dem Kanaan droben dankbar ausrufen: Und «so» gelangten wir an unser herrliches Ziel. Wie denn? Genau so wie Paulus: auf unerwarteten Umwegen. Beim Apostel ging es von Ephesus via Jerusalem in die Gefangenschaft nach Cäsarea, und dann über den Schiffbruch vor Malta einigermaßen ruhig nach Rom. Ähnliche Umwege macht Gott noch heute mit den meisten Seiner Kinder. Es geht durch Härten, Leiden, Verluste, Enttäuschungen, Verachtung und drohende Stürme. Dennoch werden wir am Ziel triumphierend sagen: Und „so“ kamen wir heim. Und gleich wie die Freude des Apostels groß war, als er die Brüder von Rom sah, und Gott dafür dankte, so werden auch wir uns freuen, wenn wir den Herrn sehen, und unsere Brüder im Vaterhaus wiederfinden werden.
Paulus dankte Gott und fasste Mut. Wann dankte er
denn? Als er die römischen Brüder sah! Und warum fasste er Mut? Weil er
durch die Anwesenheit der Brüder offene Türen zur Wortverkündigung
erblickte. Er wollte nicht umsonst nach Rom gekommen sein. Auch sollten
die Ketten ihn nicht hindern, die Menschen auf die Notwendigkeit der
Bekehrung aufmerksam zu machen. Und wie ist es bei uns, wenn wir in
bedrängter Lage Brüdern begegnen? Sind wir zum Danken bereit und fassen
wir neuen Mut? Es sei noch hervorgehoben, dass der Apostel diese
Begegnung seit langem mit viel Gebet vorbereitet hatte (
Der Abschied. Lukas verschweigt ihn. Und doch fragen wir uns, wie es dem Hauptmann Julius und den übrigen zumute war, als sie sich von den Gottesmännern verabschiedeten? Nie werden sie Paulus und seine Botschaft vergessen haben, und mancher wird dereinst im Himmel dem Apostel für sein treues und mutiges Zeugnis danken und sagen: Und «so» kamen wir in den Himmel. Und sollte der eine oder andere Mitreisende den Herrn in jenen Tagen nicht angenommen haben, so hat er vielleicht noch in letzter Stunde, auf dem Sterbebett, an Jesum Christum als an seinen persönlichen Retter geglaubt.