Behandelter Abschnitt Apg 16,13-15
Lydia
Auf das Gesicht des mazedonischen Mannes hin verließen die Apostel Troas und kamen nach Philippi, der ersten Stadt in Europa, welcher das Evangelium Jesu Christi gebracht wurde. Dieses Europa, das im Laufe der Jahrhunderte so begünstigt war, in den verschiedensten Ländern eine Erweckung nach der andern zu erleben, steht heute im Begriff, ohne Gott fertig werden zu wollen. Und doch ist von diesem Europa aus in den letzten Jahrhunderten die Botschaft von Golgatha bis auf die entlegensten Inseln getragen worden. Die erste Europäerin, deren Bekehrung in Einzelheiten geschildert wird, war Lydia. Sie soll uns kurz beschäftigen.
Lydia vor ihrer Bekehrung. Die Ansicht, dass sich nur diejenigen bekehren müssen, die auf der untersten Stufe der Moral angelangt sind, ist verkehrt. Von der Lydia wird nichts Ungünstiges gesagt. Im Gegenteil! Gerade die Apostelgeschichte verrät uns zu verschiedenen Malen, dass moralisch hochstehende Personen den Herrn suchten und fanden. Da sind der Kämmerer aus dem Mohrenland; ferner Saulus von Tarsus, Timotheus und Kornelius; intelligente Männer mit unbefleckter Moral. Aber auch ihnen galt Jesu Wort an Nikodemus‑ „Ihr müsset von neuem geboren werden“ genau so, wie dem verlorenen Sohn. Doch besehen wir uns die Einzelheiten der Bekehrung der Lydia etwas näher.
Ihre Herkunft. Sie war von Thyatira in Kleinasien; gerade von jener Gegend, welche die Apostel kurz vorher zu durchreisen beabsichtigten. Nun rettete der Herr die Lydia in Philippi, die, wie anzunehmen ist, nach Thyatira zurückkehrte, und dort den Boden für das Evangelium vorbereitete.
Ihr Beruf. Sie war eine Purpurkrämerin. Wahrscheinlich kam sie nach Philippi, um dort ihre Waren anzubieten. Gläubige Kaufleute sind meistens rührige, nützliche Kinder Gottes; praktische Leute, die jede Gelegenheit vom Herrn zu zeugen, ausnützen, wie Lydia es getan hat.
Lydia war eine Gottsucherin, eine Proselytin. Des Heidentums müde, suchte sie im Judentum das Heil, ähnlich dem Kämmerer (Kap. 8, 27). Als Proselytin beobachtete sie das Gesetz und ging am Sabbat zum jüdischen Gottesdienst. Da in Philippi nur wenige Juden waren, hatten sie keine Synagoge. Sie versammelten sich im Freien, außerhalb der Stadt, an einem Wasser, wie es die Juden einst in Babylon taten (Ps 137; Esra 8,15,21), wohl deshalb am Wasser, damit sie die vielen vorgeschriebenen Waschungen besser durchführen konnten. Im allgemeinen beobachteten die Bewohner von Philippi den Sabbat nicht, weil sie Heiden waren. Lydia aber zog es vor, eher ihr Geschäft zu schließen, als den Gottesdienst zu versäumen. Groß wäre ihr Verlust gewesen, wäre sie an jenem Sabbat, als die Apostel kamen, daheim geblieben. Es wäre ihr ergangen wie Thomas, der abwesend war, als der Auferstandene in der Mitte der Jünger erschien (Joh 20,24). Alle lässigen Versammlungsbesucher werden dereinst so recht erkennen, welche Verluste sie dadurch erlitten haben, dass sie so achtlos am Gebot des Herrn, „die Zusammenkünfte nicht zu vernachlässigen“, vorübergegangen sind (Heb 10,25). Das Wort Gottes gering achten, heißt nichts anderes, als den Herrn und Sein Wort verschmähen. Das Wort bleibt in Ewigkeit. Es vertausche doch niemand das Ewige um das Vergängliche!
Lydias Bekehrung. Ein Mann hatte den Apostel gebeten: „Komm herüber und hilf uns!“ und im ersten Gottesdienst fanden die Apostel nur Frauen. Kaum in Philippi angekommen, besuchten die Apostel den jüdischen Gottesdienst am Wasser. Man kann sich das Staunen der Frauen kaum vorstellen, als unerwartet vier Männer erschienen. Paulus ergriff das Wort. Aller Augen und Ohren waren auf die vier Gottesmänner Silas, Lukas, Timotheus und Paulus gerichtet. Wie mag sich Lydias Bekehrung vollzogen haben?
Sie ging zum Gottesdienst. Dies ist vorbildlich für alle. Fehlen wir unter keinen Umständen in den Versammlungen.
Sie hörte aufmerksam zu. Der Glaube kommt aus der Predigt. Wie sollen
wir glauben, wenn uns nicht gepredigt wird? (Röm 10,17;
Der Herr öffnete der Lydia das Herz (Vers 14; Joh 6,44;
Lydia gab acht auf das Wort. Sie machte es also nicht wie später Felix, Festus und Agrippa, die, obwohl von der Wahrheit überführt, sich doch nicht für den Herrn entschieden. Lydia glaubte der Botschaft. An Jesus und Sein Wort glauben, heißt: Ihn als Herrn anerkennen. Und so viele Ihn aufnehmen, dürfen sich Gottes Kinder heißen (Joh. l, 12).
Lydia bekannte. Sie ließ sich taufen, und bezeugte dadurch vor allen, dass sie mit Christo gestorben, begraben und auferstanden sei.
Die guten Früchte dieser Bekehrung. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, und an den Früchten erkennt man den Baum (Mt 7,16).
Lydia gehorchte. Gehorsam dem Wort gegenüber ist gewöhnlich die erste Frucht der Bekehrung. Lydia tat dies indem sie sich taufen ließ. Wer den Herrn liebt, der hält Sein Wort, ganz gleich um welche Seite der Wahrheit es sich auch handle (Joh 14,24).
Lydia liebte das Wort. Sie nahm die Apostel alsbald in ihr Haus auf, um durch sie den Weg Gottes genauer erfahren zu können. Soeben bekehrt, war sie begierig nach der lautern Milch des Wortes (1Pet 2,2) und blieb in der Lehre der Apostel (Apg 2,42). Darin liegt das Wachstum des Gläubigen.
Lydia diente sogleich dem Herrn. Wie einst die Rahab, so nahm auch sie die Boten Gottes auf. Und wie das ganze Haus der Rahab gerettet wurde (Jos 2), so auch das der Lydia. Wie gastfrei Lydia war, ersehen wir aus dem späteren Verhalten der Apostel, denn als sie aus dem Gefängnis entlassen waren, gingen sie sogleich wieder zu ihr. Wo das Herz für den Herrn offen ist, da ist auch das Haus nicht verschlossen. Lydia beherbergte die Boten Gottes wie die Emmausjünger den Herrn (Lk 24). Wie wertvoll auch gerade dem Apostel die Gastfreundschaft der Lydia war, ersehen wir aus Stellen wie Phil. l, 5; 4, 15. Gastfreundschaft war seither schon oft das Mittel in Gottes Hand, ein Werk für Ihn zu beginnen.
Lydia war ihrem ganzen Haus ein Segen. Alle Hausgenossen glaubten. Die Apostel hätten niemals andere, als wahrhaft Gläubige getauft. Bei ihnen gab es keine sogenannte Proselytenmacherei, nichts Halbes. Es sind nicht alle dazu berufen, in der Öffentlichkeit zu dienen, aber ihrem Hause sollen alle Gläubigen ein Wegweiser zu Christo sein. Eltern sollen den Kindern zum christlichen Vorbild sein, und Vorgesetzte ihren Untergebenen durch Wort und Tat, aber auch durch einen gerechten Lohn ein dem Bekenntnis würdiges Beispiel geben.
Lydia war ihrer Stadt ein Segen. Suchet der Stadt Bestes (
Hier steht also eine Frau im Mittelpunkt. Sie war eine an Gott völlig ausgelieferte Seele und diente Ihm mit der ganzen Wärme ihres Herzens wie Maria von Bethanien, oder wie Maria Magdalena. Wie oft sind da und dort Frauen die Seele eines Werkes gewesen. Die vielen hervorragenden Frauen der Schrift sollten jede Schwester zu gleichem Handeln ermuntern.
Aber gerade Thyatira zeigt uns auch das Gegenstück. Kam nicht bald
eine andere Frau in jene Gemeinde, jene scheußliche Isebel (
Behandelter Abschnitt Apg 16,13-15
ÄHRENLESE
Lydia Apostelgeschichte 16,13 bis 15
Die Missionsreisen der Apostel standen im Zeichen großer Segnungen. Auf jeder Wortverkündigung lag sichtbar die Wirkung des Heiligen Geistes durch Frucht an Seelen. Die Apostel waren mit besonderer Vollmacht ausgerüstet, diese steht auch zu unserer Verfügung. Es ist bei unseren Reisevorhaben genauso nötig, unter der Leitung des Geistes zu stehen, als bei den Aposteln. Paulus hatte laut Vers 6, 9 andere Pläne, die Gott durchkreuzte.
Die Umstände, die zur Bekehrung führten. Beachte: Die Zeit, da der Herr wirkte. An einem Sabbat. Er ist ein herrliches Gottesgeschenk. Ein Tag leiblicher Ruhe (nicht des Umherrasens). Zugleich ist er uns gegeben, um für Gott zu wirken.
Der Ort, da Lydia den Herrn fand. An einem Fluss. Gott hat sich öfters an Wassern geoffenbart. Der Hagar (1. Mose 16). Einem Elieser bei der Schaftränke (l. Mose 24). Der Samariterin. Und bei Lydia war es am Flüsschen Gangites, da sich die Juden zum Gebet versammelten. Offenbar bestand keine Synagoge am Ort. Jeder Ort, wo sich Menschen zum Gebet versammeln, ist ein Gotteshaus, in dem Gott weilt (Mt 18,20). Man denke an Jakob am Jabbok (1. Mose 32), an Paulus in Apostelgeschichte 20,36 f.
Die Teilnehmer jener Gebetsstunde. Es waren Frauen. Was soll uns das sagen, dass nur Frauen zugegen waren? Die Schrift befiehlt, dass die „Männer“ heilige Hände aufheben sollen (1Tim 2,8). Sie versagten damals schon, nicht nur heute. Große Ehre zollt hier diesbezüglich das Wort der Frau und noch in vielen anderen Fällen. Frauen waren die letzten unter dem Kreuz, bei der Grablegung Christi und die ersten am Auferstehungsmorgen an der Gruft (Joh 19,25; 20,1; Lk 23,55.56). Die Liebe zum Herrn konnte durch kein Feuer der Trübsal ausgelöscht werden. Einer Frau offenbarte sich der Herr als erster nach Seiner Auferstehung (Joh 20,16), einer anderen zollte Jesus das höchste Lob (Mk 14,8). Auch das Alte Testament zeigt uns hervorragende Frauengestalten, so die Sara (1Pet 3,5.6), Debora (Richter 4,4), Ruth, Hanna usw.
Das große Erlebnis jenes Gottesdienstes. Wir sehen,
welch großen Wert die Schrift einer einzigen Bekehrung beimisst. Hier
war es offenbar nur Lydia, die sich bekehrte. Ihr Name ist bis in unsere
Tage sehr beliebt. Sie kam von Thyatira, einer Stadt Kleinasiens. Sie
handelte mit dem kostbarsten Stoff jener Tage, mit Purpur, mit dem sich
nur Reiche kleiden konnten. Der reiche Mann in Lukas 16 kleidete sich
damit. Herodes legte einen Purpurmantel auf den Herrn, jedoch zum Spott,
weil Jesus bezeugte, Er sei der König der Juden. So wird Lydia auf ihren
Reisen meistens nur in vornehme Häuser gekommen sein. Lydia war wie der
Kämmerer eine Proselytin, d. h. eine, die aus dem Heidentum kam und im
Judentum das Heil suchte und nicht fand. Das Heil besteht nicht im
Religionswechsel, sondern im Glauben an den Herrn Jesus (
Der große Vorgang. Das Mittel zur Bekehrung der Lydia war das Wort Gottes und das Werkzeug der Apostel Paulus. Eine Bekehrung ist so groß in Gottes Augen, dass sie der Heilige Geist in der Apostelgeschichte durch Lukas berichten lässt. Engel im Himmel freuten sich darüber. Paulus wusste in seinen Reden nichts anderes als Christus gekreuzigt und auferstanden (1Kor 2,2; Gal 6,14). Diesen verkündigte er auch in Philippi.
Die Bekehrung wirkte der Herr selbst. Er ist in allem A und O. Sein Geist überführt den Menschen von seiner Schuld (Joh 16,8) und offenbart ihm nach der Sündenerkenntnis das Opfer Christi, Sein Blut, das Vergebung bringt (Epheser 1,7). Die Bekehrung wird mit einer Neuschöpfung verglichen, und Schöpfer aller Dinge ist allein der dreieinige Gott. Er schafft das neue Herz (Hes 36,26). Wir sind Sein Werk, geschaffen in Christo Jesu (Epheser 2,10). Die Bekehrung wird auch eine Auferstehung genannt (Epheser 2,5; Röm 6,3-6). Sie ist ein Wechsel von der Finsternis zum Licht (Apg 26,18).
Die Bekehrung ist ein geheimnisvoller Vorgang. Der Herr vergleicht sie mit dem Winde (Joh 3,8). Niemand sah den Vorgang im Herzen der Lydia als allein der Herr. Wahre Frömmigkeit entsteht im Herzen. Das Reich Gottes ist inwendig in euch (Lk 17,21; Röm 14,17). Irdische Dinge werden mit Aug' und Ohr wahrgenommen, Sündenerkenntnis und Glaube an den Herrn entstehen im Herzen. Von Natur sind wir Gott gegenüber verschlossen. Lydias Herz öffnete sich dem Herrn wie die Blume der Sonne. Nun erlebte Lydia, was der Herr in Johannes 14,23 sagt. Der Vater und der Sohn nahmen Wohnung in ihr, sie wurde ein Tempel des Heiligen Geistes (l. Kor. 6, 19).
Beachten wir noch einige sofortige Wirkungen ihrer Bekehrung. Lydia war dem Worte gehorsam, Vers 15. Das ist stets die erste Frucht wahrer Bekehrung (Joh 14,15).
Sie liebte die Gemeinschaft, Vers 15, wie jene in Apostelgeschichte 2,44. Sie sehnte sich nach weiterer Belehrung, indem sie die Apostel in ihr Haus aufnahm.
Sie diente sofort mit Gastfreundschaft. Die Apostel suchten sie nach der Freilassung aus dem Gefängnis auf, Vers 40.
Sie war ihrem Hause ein Segen, denn alle im Hause glaubten an den Herrn.Wie die Samariterin in Johannes 4 war sie ihrem Ort ein Segen. In Offenbarung 1,11 und 2,18 bis 24 lesen wir von der Gemeinde in Thyatira, nirgends lesen wir, dass Apostel dahin kamen. Ist sie wohl durch das Haus der Lydia entstanden?