Behandelter Abschnitt Apg 8,26-40
Philippus auf der öden Straße nach Gaza
Die beiden Apostel Petrus und Johannes hatten Samaria verlassen und befanden sich auf dem Heim Wege nach Jerusalem. Überall, wo sie durchzogen, predigten sie das Wort. Treue Gotteskinder lassen keine Gelegenheit unbenützt. sie verkündigen das Evangelium mit Freuden zur Zeit und zur Unzeit. Wie demütigt uns der Eifer der ersten Christen. Nicht nur die beiden Apostel, auch Philippus verließ Samaria. Und wer kümmerte sich nun um die dort zurückgelassene Herde? Gott wirkt so ganz anders als wir Menschen. Die Samariter sollten wegblicken von ,jenen Werkzeugen, die Gott zu ihrer Rettung und Förderung im Glaubensleben gebraucht hatte. Sie sollten sich hinwenden zum Hirten und Bischof ihrer Seelen. Gewiss hat Gott auch den Samaritern weitere Lehrer geschickt, wie das bei andern Gemeinden, die die Schrift erwähnt, der Fall war.
Wir kommen nun zu der Bekehrung des Kämmerers aus dem Mohrenlande und sehen schon einen kleinen Anfang von jenen „Enden der Erde“, die der Herr in Kap. 1, 8 erwähnt. Die Behauptung, dass Kornelius der erste' Bekehrte aus den Heiden war, stimmt nicht. Der Kämmerer war ein Hamit, also aus den Heiden.
Von der Arbeit in die Stille (Vers 26). Die Stille aufsuchen bedeutete zunächst für Philippus dem Engelsauftrag nachzukommen. Nichts benötigt der Diener Gottes mehr als die Stille, sucht er sie nicht, so wird sein Herzenszustand bedenkliche Mängel aufweisen. Mit dem Ausdruck „wüst oder öde“ hatte der Engel auf gewisse Schwierigkeiten hingewiesen, denen Philippus begegnen werde, denn die Einöde ist das Bild der Entbehrungen. Nicht umsonst machte der Herr sowohl Jungbekehrte als auch Seine Diener auf kommendes Entsagen und Gefahren aufmerksam (Mt 8,20; Apg 20,23).
Auffallend ist, dass ein E n g e 1 zu Philippus sprach. Er mag über das Erlebnis mit Simon dem Zauberer getrauert haben ‑ und damit er nun seines Weges ganz sicher sei, sprach Gott durch einen Engel zu ihm, wie einst zu dem niedergeschlagenen Elias in der Wüste (1Kön 19). Sicherlich geschieht heute noch ähnliches. Wir glauben ja an die Beeinflussung durch böse Mächte, warum dann nicht auch an die durch gute? Woher kommt oft der Drang, da oder dort einen Besuch zu machen, oder für einen bestimmten Zweck eine Gabe zu senden, oder Fürbitte zu üben?
Von Samaria auf die öde Straße (Vers 26). Der göttliche Auftrag, auf die öde Straße zu gehen, mag für Philippus unverständlich gewesen sein, es sei denn, dass er in ihm die oft so nötige innere Zurückgezogenheit erblickte. Philippus folgte dem Befehl und ging. Er schaute dabei nicht auf das Unangenehme, das solch eine Reise gewöhnlich mit sich bringt. Wie lohnend gerade der Gehorsam des Philippus war, zeigt unser Abschnitt, denn er durfte nicht nur den Kämmerer zum Herrn führen und folglich erneut ein Seelengewinner sein, sondern auch im Philisterland bis nach Cäsarea hin dienen (Vers 40). Ein gesegnetes Arbeitsfeld verlassen, bedeutet für jeden Diener am Wort ein Opfer, doch weiß er, dass Gottes Gedanken, wie immer sie sein mögen, Gedanken der Liebe sind.
Der ernste Diener Gottes. Das ganze Kapitel entwirft ein schönes Bild über Philippus. Beachten wir noch folgendes. Philippus war ganz in Gemeinschaft mit Gott, deshalb auch so empfänglich für die Leitung von oben. Erst sprach ein E n g e 1 zu ihm und später der H e i 1 i g e G e i s t (Vers 26, 29). Philippus wusste, dass alle geistliche Kraft in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen liegt.
Den weiten Weg (120 Kilometer) ging er willig zu Fuß. Dabei kam es darauf an, dass er im rechten Zeitpunkt beim Kämmerer eintraf, um ihn nicht zu verpassen. Wenn wir Gott gehorchen, werden wir stets zur rechten Zeit am Platze sein. Viele laufen voraus, andere kommen zu spät. Das Sprichwort sagt: „ Fünf Minuten v o r der Zeit, ist des Christen Pünktlichkeit.“ Philippus folgte der Leitung von oben und so wirkte alles zusammen zur Ehre Gottes und zur Rettung des Kämmerers.
Einzelseelsorge. Die Schrift nennt viele Fälle von Einzelseelsorge. Wir erinnern an die reiche Wirksamkeit des Herrn selbst. Zwar diente Er des öfteren großen Volksmengen, doch legte Er großen Wert auf Einzeldienst. Stammen die vielen schönen Berichte in den Evangelien nicht aus dem Einzeldienst? Man verwendet oft sehr viel Zeit zu Predigtvorbereitungen, aber wie wenig für den Dienst an einzelnen Menschen. Wenn wir aber die Schrift betrachten, kommen wir zu der Erkenntnis, dass gerade der Dienst an der einzelnen Seele am lohnendsten ist. Auch Philippus konnte die neunundneunzig zurücklassen und dem einen Verirrten nachgehen. Denken wir über diesen ernsten Punkt nach, und stellen wir uns, wenn nötig, in unserm Dienste für den Herrn um, auf dass wir die Winke des Geistes beachten wie Philippus.
Reiselektüre. Reisende nehmen gern ein gutes Buch mit auf den Weg; das tat auch der Kämmerer. Er hatte die beste Lektüre gewählt. Als Suchender war er leer von Jerusalem zurückgekehrt. Die religiösen Systeme als solche befriedigen keinen Hungrigen. Befriedigung schenkt allein das Wort Gottes. Dieser bedeutende 'Mann wird in Jerusalem mit den Großen bekannt geworden und über all die geistlichen Ereignisse falsch unterrichtet worden sein. Auf dem Heimwege studierte er den Propheten Jesaja, also das Alte Testament, mit welchem viele, wie sie sagen, nichts anfangen können. Sie vergessen, dass das Alte Testament die Bibel des Herrn und der Apostel war. Die Lektüre des Kämmerers war die beste Vorbereitung für die weitere Belehrung durch Philippus. Viele beklagen sich, leer aus der Wortverkündigung gegangen zu sein, bedenken aber nicht, dass sie es an jeder eigenen Vorbereitung haben fehlen lassen.
Der praktische Prediger. Er naht sich den Menschen, wo er sie findet und versucht eine Unterredung anzuknüpfen. Beim Herzunahen hörte Philippus den Kämmerer den Propheten Jesaja lesen. Er betrachtete sozusagen das Herz des Evangeliums. Und was ist denn wichtiger, als aus der Schrift zu lesen:
Dass wir alle in der Irre gehen wie Schafe.
Dass der Herr diese Irrenden sucht, unserer Missetat wegen verwundet wurde und unsere Strafe trug.
Dass wir allein durch Jesu Wunden Heilung haben. Der rechte Predigtgegenstand an Suchende ist das sühnende Opfer Christi. Beide, der Kämmerer und Philippus, waren für die Begegnung vorbereitet. Der Kämmerer durch das Lesen des Wortes lind Philippus durch den Auftrag des Heiligen Geistes.
Lebendiger Glaube. Der Glaube kommt aus der Predigt. Der Kämmerer glaubte den klaren, schlichten Worten des Philippus und ging ohne jedes Zögern darauf ein. Blitzartig wurde der Kämmerer erleuchtet und es folgte ein sofortiges Bekenntnis seines Glaubens an Christus durch die Taufe. Es wurde also keine Probezeit verlangt. Philippus war überzeugt. dass der Kämmerer sich dein Herrn übergeben hatte und als neuer Mensch seine Reise fortsetzte.
Der Kämmerer
Lukas zeigt uns hier in seinem Bericht einen wahren Gottsucher. Später weist er noch auf Kornelius, auf Lydia, auf den Kerkermeister und andere hin. Die Schrift sagt: „Wer sucht, der findet“ auch wenn es, wie beim Kämmerer, auf großen Umwegen geschieht. Der Kämmerer war nach Jerusalem gereist, vielleicht wie jene Griechen (Joh 12,20), zu einem der großen Feste Israels, in der Meinung, dort den ersehnten Herzensfrieden zu finden. Er fand ihn aber nicht in Jerusalem, sondern auf öder Straße. Der Friede Gottes hängt nicht vom Wechsel oder von der Annahme einer andern Religion ab, sondern vom Glauben an Christus Jesus (Joh 1,11-12). Beschäftigen wir uns kurz mit dem Kämmerer:
Er war ein bedeutender Mann (Vers 27). Er war Hofbeamter und Finanzminister von Äthiopien. Als Vertreter eines großen Königreiches hätte er sich eines pompösen Empfangs bei Herodes erfreuen können. Doch nicht das war der Zweck seiner Reise, sondern Gott zu suchen und Ihn anzubeten war er gekommen. Der Kämmerer gehörte zu jener vornehmen Klasse, aus deren Mitte heraus nur wenige nach Gott fragen (Mt 11,25; 1Kor 1,26).
Er war ein suchender Mann (Vers 27). Dieser gottesfürchtige Heide suchte mehr als nur das Judentum, er suchte Gottesfrieden. Er war in Jerusalem an die falsche Adresse gelangt, ähnlich den Weisen aus dem Morgenlande, die bei den Großen, den Obersten und Ältesten Wegleitung suchten, sie aber nicht fanden (Mt 2). Auch er musste unbefriedigt heimkehren, doch wie die Weisen sollte er bald durch die Schrift den Herrn finden. Er forschte im Propheten Jesaja. Dieser große Mann schämte sich nicht, wie viele in unseren Tagen, auf Reisen die Schrift zur Hand zu nehmen. Er las sie sogar laut, vielleicht damit seine Knechte dadurch auch Segen empfangen möchten.
Der beste Reiseführer ist Gottes Wort, des Fußes Leuchte und ein Licht auf dem Wege (Ps 119,105). Suchende scheuen kein Hindernis. Es befremdet sie nicht, verlacht zu werden, wenn sie vor den Augen anderer die Bibel lesen. Sie schrecken auch vor keinem weiten Weg zurück, sie kommen, wenn es sein muss, bis von den Enden der Erde, wie die Königin von Saba (Mt 12,42). Gern opfern sie für den Frieden des Herzens ihre Nachtruhe wie Nikodemus, und sind bereit, vor aller Augen herabzusteigen wie Zachäus, um den Herrn mit Freuden aufzunehmen. Ihr einziger Herzensschrei geht nach Frieden mit Gott!
Er war ein demütiger Mann (Vers 31). Philippus fragte den Kämmerer: „Verstehst du auch, was du liesest?“ Beleidigte diese Frage den hochgelehrten Mann nicht? Nein, wahre Gottsucher sind nicht empfindlich, vielmehr sind sie dankbar für jede Hilfe ganz gleich, woher sie kommen mag. Der Kämmerer schämte sich auch nicht vor seinen Dienern, als der einfache Evangelist neben ihm auf dem Wagen Platz nahm, und ihm die Schriften erklärte.
Er war ein lernbegieriger Mann (Vers 34). Von wem redet der Prophet, fragte der Kämmerer? Philippus mag sich gedacht haben, ob denn sein hoher Zuhörer in Jerusalem gar nichts von Jesus vernommen habe. Gewiss hatte er von der Steinigung des Stephanus und von der großen Verfolgung gehört, aber dies nur von den Feinden Christi. Nun ergriff Philippus das Wort, verkündigte aus Jesaja, Kapitel 53, den Herrn Jesus und erklärte ihm das Kreuz, welches der Mittelpunkt dieses herrlichen Kapitels ist.
Er war ein glaubender Mann (Vers 37). Das Anhalten des Wagens ist eine bildliche Handlung von einem Vorgang im Herzensinnern. Der Kämmerer dachte über das Gehörte nach und glaubte der Botschaft vom Kreuz. Er erkannte, dass auch er in der Irre gegangen war und ihm nun durch Jesu Wunden das Heil zuteil wurde. Hierin liegt das große Geheimnis des Friedens mit Gott. Nicht die Anstrengungen des Menschen und dessen Werke, sondern allein das sühnende Werk Christi vermag der Seele Ruhe zu geben. Der Kämmerer übergab sich auf seinem Wagen dem Herrn und war gerettet.
Er war ein gehorsamer Mann (Vers 37). Philippus wurde vom Kämmerer in seiner Rede unterbrochen, wie später Petrus in Kap. 10, 44. Ernstlich Suchende durchbrechen, wenn nötig, alles Zeremonielle. Der Kämmerer, der eben den Herrn in seinem Herzen aufgenommen hatte, bekannte Ihn sofort vor seinen Mitreisenden. Er ließ sich taufen und bezeugte durch diese Handlung ein mit Jesus Gestorbener und Auferstandener zu sein. Erst gilt es, an den Herrn zu glauben und hernach Seinen Namen zu bekennen (Röm 10,10). Die Epheser bezeugten ihren Glaubensgehorsam, indem sie alles Gott Missfällige verbrannten (Apg 19,19). Viele verneinen plötzliche Bekehrungen, ja, stellen sie sogar als Schwärmerei hin, doch zeigt uns gerade die Apostelgeschichte verschiedene augenblickliche Sinnesänderungen.
Er war ein fröhlicher Mann (Vers 39). Er zog seine Straße fröhlich. Dasselbe darf auch von Philippus gesagt werden, da er doch die Freude hatte, den Kämmerer zum Herrn zu führen. Wahre Gotteskinder sind fröhlich, sie freuen sich selbst in Trübsalen (Röm 12,12), ja, sie rühmen sich ihrer sogar (Röm 5,3). Der äthiopische Schatzmeister hatte also den größten Schatz gefunden, einen Schatz im Himmel, und darum zog er seine Straße fröhlich, im Gegensatz zum reichen Jüngling, der diesen Schatz verschmähte, sich an irdische Güter klammerte und betrübt davon ging (Mt 19,22). Und nun zog der Kämmerer, trotzdem Philippus, sein Lehrer, plötzlich entrückt wurde, nicht allein weiter ‑ er hatte fortan den Lehrer in sich, der bei ihm blieb (1Joh 2,27). Fröhliche Gläubige gewinnen andere.