Behandelter Abschnitt Apg 7,51-60
Ein seliger Ausgang
Stephanus hatte ein Schriftwort nach dem andern aus Israels reicher Geschichte zitiert, war aber nicht weiter als bis zum Tempel, ihrem stolzen Heiligtum, gekommen. Von Gott aus gesehen war es längst nicht mehr die Wohnstätte Gottes. Er hatte sich indessen ein Heiligtum aus lebendigen Steinen erbaut (1Pet 2,5). Stephanus hielt ein mit den vielen Zitaten, und voll Heiligen Geistes bezeugte er ihnen, nachdem er die Sünden der Väter hervorgehoben hatte, ihre eigene große Schuld, die Verwerfung des Größten aller Gottgesandten, des Messias. Zugleich muss er sie beschuldigen, dass sie auch den Heiligen Geist verwarfen. Diese Anschuldigungen wollten sie nicht annehmen und einmütig stürmten sie auf ihn zu, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Israel hatte somit nicht nur den Sohn, sondern auch den von Ihm gesandten Heiligen Geist, der soeben noch zu Israel durch Stephanus redete, von sich gestoßen und verworfen. Israel hatte kein weiteres Gnadenangebot mehr zu erwarten ‑ nur noch das vom Herrn geweissagte kommende Gericht. Es ist der Mühe wert, die letzte Stunde des Stephanus zu betrachten.
Die letzte Mahnung (Vers 51). «Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstreitet allezeit dem Heiligen Geist, wie eure Väter so auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, welche die Ankunft des Gerechten zuvor verkündigten, dessen Verräter und Mörder i h r, jetzt geworden seid, die ihr das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen und nicht beachtet habt.» Wie schon so oft, schlug Israel auch diese wohlgemeinte klare Ermahnung aus und handelte wie die Väter, indem es den Boten Gottes umbrachte.
Der letzte Blick (Vers 55). Noch stand Stephanus vor dem Rat, wo ein wildes Durcheinander ausbrach. Sie knirschten mit den Zähnen, als wollten sie Stephanus fressen. Himmel und Hölle standen sich hier gegenüber; da war der finstere, hasserfüllte Blick des Rates und das leuchtende Angesicht des Stephanus. Mitten in dieser Hölle durfte Stephanus den offenen Himmel sehen, in den er kurz darauf eingehen konnte. Das Auge des Glaubens und das Herz voll Heiligen Geistes haben zwar überall einen offenen Himmel. Diesbezüglich hinterlässt uns die Schrift manches schöne Beispiel.
Jakob sah den offenen Himmel (1. Mose 28).
Mose erlebte zuerst etwas vom offenen Himmel am Dornbusch und später als er auf dem Berge war (2. Mose 24).
Jesaja war im Geiste vor Gottes Thron (Jes 6).
Hesekiel machte ein ähnliches Erlebnis (Hes 1,1).
Paulus war entrückt bis in das Paradies Gottes (2Kor 12).
Johannes machte öfters solche Erlebnisse.
Unabwendbar, wie die Jünger bei Christi Himmelfahrt, schaute auch
Stephanus gen Himmel (Apg 1,10). Und was sah er? Die Herrlichkeit
Gottes und den Sohn des Menschen zur Rechten stehen. Jene Herrlichkeit,
die Abraham erschien (Apg 7,2), auf Sinai leuchtete (
Das letzte Zeugnis (Vers 56). Eben hatte Stephanus seine langen Beweisführungen, die die Verwerfung des Herrn zur Grundlage hatten, beendet. Nun fährt er fort und bezeugt, dass er diesen Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sehe. Stephanus beginnt mit dem Wörtlein „Siehe“. Es ist ihm, als müssten alle sehen, was er sehen durfte. Er konnte den herrlichen Anblick nicht für sich behalten, so wenig wie einst Abraham, es war ihm zu überwältigend. Alle sollten wissen, wen er sah und wie Jesus, von dem er zeugte, ihm nahe war. Alle sollten es nochmals hören, dass Jesus wirklich lebe und von Gott zum Herrn und Christus über alles gesetzt sei. Aber gerade das wollten jene Verwerfer Christi weder sehen noch hören. Niemand ist so blind, als der, der nicht sehen will. Einmütig stießen sie Stephanus zur Stadt hinaus. Er erlebte hier Gleiches wie Sein Herr (Lk 4,29). Sie verstopften ihre Ohren wie gegen Lästerworte (Sach 7,11). Ganz nach jüdischem Brauch legten sie die Kleider zu den Füßen eines Jünglings nieder (5. Mose 13,10; 17,7). Triumphierend feierten die Feinde ihren scheinbaren Sieg, ähnlich wie jene, die Daniel zur Löwengrube brachten; dennoch war Stephanus der große Sieger, der Gekrönte. Mitten aus seinem gesegneten Dienst herausgerissen, legte er sein Leben für Jesus hin. Getreu bis zum letzten Atemzug verherrlichte er allein seinen Herrn.
Sein letztes Gebet (Vers 59). Er rief: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“ Dies war keine Bitte an Menschen, etwa an seine Peiniger, um sie zur Milde gegen ihn zu stimmen; noch beklagte er sich, dass sie ihn ohne Untersuchung steinigten, oder gegen das Gesetz der Römer handelten, sondern es war eine Bitte an seinen Herrn. Ganz ergeben und voll Vertrauen überließ er seinen Geist dem, dem er so treu gedient hatte. Seinen zerschlagenen Leib überlässt er seinen Peinigern. Zerbrochen lag die irdische Hütte am Boden, aber sein Geist schwang sich hinauf zu seinem Herrn. Wie herrlich, wenn am Ende dieses Pilgerlaufes die freudige Gewissheit, zum Herrn zu gehen, ein Herz erfüllt; wenn der Gläubige mit Paulus bekennen kann: „Wir wissen, dass, wenn unser irdisches Haus, die Hütte, zerstört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein Haus nicht mit Händen gemacht, ein ewiges in den Himmel“ (2Kor 5,1).
Das letzte Gebet des Stephanus war auch das des Herrn und seither vieler, die im kindlichen Glauben an den Herrn entschlafen sind. Leser, könntest du auch so beten, wenn deine Stunde nahte?
Seine letzte Fürbitte (Vers 60). Eben hatte er sich selbst der Gnade Gottes anbefohlen und nun gedenkt er noch, wie einst Sein Herr, fürbittend seiner Feinde. Stephanus kniete, wie viele andere Heilige zuvor, voll Ehrerbietung nieder (2Chr 6,13; Dan 6,10; Lk 22,41; Apg 9,40; 20,36; 21,5), und betete sehr ernst; denn er schrie mit lauter Stimme. Das war ganz nach dem Muster seines Herrn, der auch laut zu Gott rief, als Er am Kreuze hing (Lk 23,34). Mit einem Gebet zum Herrn Jesus auf seinen Lippen starb er. Wer so stirbt, der stirbt wohl. Noch einmal mussten die Feinde hören, dass Jesus lebe; denn zu einem Toten kann man nicht beten. Ein Zeuge Christi verschied, aber ein noch Größerer sollte bald in Saulus von Tarsus auftreten. Ein Weizenkorn fiel in die Erde und brachte viel Frucht. Ähnlich wie Johannes Huß auf dem Scheiterhaufen sagte: „Heut bratet ihr eine Gans (Huß heißt Gans), aber nach hundert Jahren wird kommen ein Schwan, den werdet ihr ungebraten lahn“ Dieser Schwan war Dr. Martin Luther.