Behandelter Abschnitt Mt 22,34-40
Das vornehmste Gebot. Mt 22,34-40.
Den zwei vorhergehenden Fragestellern folgt nun ein Dritter. Diesmal ist es ein Gesetzesgelehrter. Alle vereinigten sich gegen den Herrn: Pharisäer, Herodianer und Sadduzäer. Und obwohl sich sonst die verschiedenen Gruppen bekämpften, waren sie sich in der Verwerfung Christi alle eins. Alle an den Herrn gerichteten Fragen waren listig, verfänglich und glichen fein gesponnenen Netzen, um den Herrn darin zu überlisten.
I. Eine neue Versuchung.
Obgleich der Graben zwischen den Pharisäern und Sadduzäern fast unüberbrückbar war, so war es den Pharisäern doch nicht recht, daß der Herr die schlauen Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte. Um endlich einmal einen Erfolg buchen zu können, dingen sie gemeinsam eine besondere Größe, einen Gesetzesgelehrten. Sie meinten, einem so gelehrten Herrn werde der Zimmermannssohn im Kreuzfeuer der Fragen nicht standhalten können. Ach, sie wußten nicht, daß Christus die Weisheit, ja Gottes Weisheit ist. Was ist menschliche Gelehrsamkeit vor dem Allwissenden? Diesmal handelte es sich nicht um Fragen übers zivile Gesetz, wie in Vers 17 oder um bloße Thesen, wie in Vers 24-28, sondern um das Gesetz selbst; denn Ihn darin zu fangen, wäre eine außergewöhnliche Handhabe gegen Ihn gewesen.
II. Eine besondere Frage.
Der Gesetzesgelehrte fragte: "Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?" Der Fragesteller war offenbar ehrlich. Die Juden hatten endlose Gebote und Regeln aller Art. Sind da wirklich solche Unterschiede in Geboten (Mt 23,23)? Die Juden waren sich ihrer Übertretungen wohl bewußt und suchten nach Auswegen, um ihre Sünden zu verringern. Der Herr aber ging auf ihr Unterschiedmachen nicht ein, sondern erfaßte sofort den Kern des Gesetzes. Die Juden wußten nicht, daß sie es mit einem Größeren als Moses zu tun hatten; ja, mit dem "Gesetzgeber" selbst - dessen Angesicht zu sehen des "Gesetzesüberbringers" (Moses) höchster Wunsch war (2. Mose 33).
III. Des Herrn Antwort.
Weil der Oberste den Herrn wegen des Gesetzes Moses fragte, antwortete ihm der Herr auch mit Moses, und zwar mit 2 Worten, die allen gut bekannt waren. Gott selbst hatte die Gebote in 2 Teile geteilt; in Pflichten Gott und Menschen gegenüber. Die erste Antwort war aus 5. Mose 6,4-8, die jeder Israelit wußte: "Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen." Das ist das Anrecht, das Gott an sie hatte, der sie aus Ägypten geführt und ihnen ein so gutes Land geschenkt hatte. Dazu zeigt der Herr, daß diese Liebe 1. von ganzem Herzen, ungeteilt, mit aller inneren Zuneigung, und nicht bloße Lippenhuldigung wie bei Israel, sein soll; 2. soll sie mit ganzer Seele, d. h. mit Hingabe des ganzen Lebens sein; 3. soll diese Liebe das ganze Gemüt, den ganzen Verstand, das ganze Denken und Fühlen allein auf Ihn richten. Der Herr griff hier ein Wort heraus, das Israels ganze Stellungnahme und Herzenszuneigung zu Gott meinte, daheim in der Familie, auf Reisen, bei der Arbeit usw. Wie trefflich! Aber welch eine Belehrung ist das auch für uns alle. Studieren wir dieses Wort sorgfältig zu unserer Selbstprüfung.
Des Herrn zweite Antwort ist aus 3. Mose 19,18: "Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst." Welche Antwort für die Fragesteller, die den Herrn, der Gott und ihr Nächster zugleich war, nicht liebten, sondern haßten.
Liebe zu Gott ist also das Summa-Summarum der ersten Gesetzestafel,
und Liebe zum Nächsten das der zweiten. Diese Liebe muß
selbstverständlich sein, weil sie des Gesetzes Erfüllung ist (
IV. Die Erfülllung dieses Gebotes ist für den natürlichen Menschen unmöglich.
Von Natur sind wir selbstsüchtig und lieben weder Gott noch den Nächsten; denn ein anderes Gesetz, das der Sünde, ist in uns tätig. Die einzige Erfüllungsmöglichkeit liegt in der neuen Geburt, im Teilhaftigwerden der göttlichen Natur. Es ist so, wie schon Moses klagte (5. Mose 29,4): "Ach, daß sie ein solches Herz hätten." Das Herz muß erst beschnitten werden (5. Mose 30,6; Apg 7,52-53). Da in uns nur Selbstliebe ist, muß erst die Liebe Gottes ausgegossen werden in unser Herz durch den Hl. Geist (Röm 5).
V. Das Ergebnis.
Matthäus bringt nichts hierüber in seinem Bericht, dagegen lesen wir Ermunterndes darüber in Mk 12,34. Der Herr sagte dem Fragesteller: "Du bist nicht fern vom Reiche Gottes." Du stehst dicht an der Tür. Tritt durch Buße und Glauben über die Schwelle! Gehe durch mich, die Tür, ein, zum Leben (Joh 10,9; Mk 10,21). Der Gesetzesgelehrte sollte sich nun "nur noch als schuldig dem Gesetze gegenüber" erklären, und den Herrn, der der Erfüller des Gesetzes ist, annehmen. Das ist der Weg in das Reich Gottes.