Behandelter Abschnitt Mt 21,18-22
Der Herr und der Feigenbaum. Mt 21,18-22.
Dieses Wort ist beides, ein Wunder und ein Gleichnis. Die Jünger gerieten in Staunen wegen des plötzlichen Verdorrens des Feigenbaumes. Die damit verbundene Lehre zeigt, daß der Herr mit dem unfruchtbaren Feigenbaum „Israel“ meinte. Israel wird mit dreierlei Bäumen verglichen, mit dem Feigenbaum, dem Olivenbaum und dem Weinstock. Der Herr hatte alles angewandt, daß dieses Volk die erwartete Frucht brächte, aber da waren nur Blätter. Alles war Schein! So war der Einzug des Herrn in Jerusalem höchst verheißungsvoll, aber dem lauten Hosiannaruf folgte bald jener andere: „Hinweg mit diesem, kreuzige Ihn.“ Ganz ähnlich ist es in der Christenheit. Ein klares Bild davon steht in Off 3,14-22. Nach außen gleicht alles einem üppigen Baum, aber es sind keine Früchte daran. Da sind schöne Reden, Kunstgesänge und allerlei Liebestätigkeit, aber der Herr selbst steht draußen vor der Tür. Lassen wir die Belehrung dieses Wunders zu unserem Herzen reden.
Der hungrige Herr.
Der Herr hatte den Tempel verlassen und übernachtete in Bethanien. In aller Frühe kehrte Jesus, ohne gefrühstückt zu haben, nach Jerusalem zurück. Die Zeit bis zum Kreuzestode war gar kurz, und es gab für Ihn noch viel zu tun. Hungrig kam Er nach Jerusalem; denn der Herr war allen natürlichen Bedürfnissen unterworfen. Er fühlte Hunger, Durst und Müdigkeit genau so, wie andere Menschen. Siehe, da stand prangend am Wegrand ein Feigenbaum – voller Blätter. Und da beim Feigenbaum erst die Früchte und danach die Blätter kommen, konnte der Herr Früchte, erwarten, um Seinen Hunger zu stillen. Doch da waren keine! Noch mehr als an diesem Feigenbaum suchte Er Frucht bei Israel, das mit dem Feigenbaum verglichen ist. Israel zeitigte nur Blätter, es bekannte, in Beziehung zu Gott zu stehen, war Ihm aber im Herzen fern, und darum unfruchtbar.
II. Der enttäuschte Herr.
Wie der Feigenbaum voller Blätter stand, so prangte Israel mit starren Formen und Zeremonien. „Wir haben Abraham zum Vater“, - „hier ist der Tempel des Herrn“ und in ähnlichen Aussagen bestand ihre Wichtigtuerei. Wahre Gerechtigkeit und Heiligkeit fehlten, und ihre Nächstenliebe glich einer schallenden Zymbel. Gleich ihrem Tempel, den der Herr eine Mördergrube nannte, war auch ihr Herz. Wohl rühmten sie sich der Stadt, des Tempels und des Gesetzes (Joh 2,20; Mk 13,1; Röm 2,17), aber den Herrn des Tempels, den Geber des Gesetzes und den Erbauer der Stadt Gottes verwarfen sie. Der Herr erwartet eben Frucht und nichts weniger (Gal 5,22; Eph 5,9); denn schrecklich ist der Zustand der Unfruchtbarkeit. Wo ein Bekenntnis ist, da dürfen weder Kraft noch Heiligkeit fehlen. Sind wir dem Herrn ein Labsal, erquickende Frucht, oder bereiten wir Ihm Enttäuschung? Bald wird Er unser Lebenswerk beurteilen.
III. Der richtende Herr.
Unter den vielen Wundern des Herrn ist das Verfluchen des Feigenbaums das einzige Gerichtswunder. Es geschah aber nicht einmal an einem Menschen, sondern an einem unfruchtbaren Baum. Protzend und prahlend stand er unfruchbar vor allen am Wegrand. Welch ein erschütterndes Bild von Israel! Hier war nur die Form der Gottseligkeit, aber die Kraft fehlte. Sie hatten den Namen, daß sie lebten, jedoch waren sie tot in Sünden und Übertretungen. Wie der Herr nur ein Wort bei der Stillung des Sturmes zu sagen brauchte, so trat auch hier gleicherweise nach Seinem Allmachtswort die Verdorrung des Baumes ein. Das Wunder ist eine Gerichtsvoraussage an Israel (Hes 17,24), es zeigt, wie der Herr die Heuchelei richtet (Lk 13,6-9). Das Verfluchen des Feigenbaumes ist gleich der nationalen Verwerfung Israels.
IV. Der staunenerweckende Herr.
Als die Jünger den verdorrten Feigenbaum sahen, gerieten sie außer sich. Wie ist doch Sein Wort so kräftig, und das sowohl beim Segnen als auch beim Fluchen. Er gebietet, und es steht da, jedoch kann Er auch fluchen, und es verschwindet. Wie wird ein Johannes an den verfluchten Feigenbaum zurückgedacht haben, als Israel ohne Gnade im Jahre 70 durch Titus gerichtet wurde; denn er sah beides: das Verdorren des Feigenbaums als Symbol, und das Gericht über Israel. Der Feigenbaum sollte nochmals begossen werden, und das geschah an Pingsten reichlich, aber er blieb fruchtlos.
Der verheißende Herr.
Der Herr gab den erstaunten Jüngern sofort eine praktische Belehrung über das Glaubensgebet, ähnlich wie in Mt 17,20. Es ist, als fragten Ihn die Jünger: wie kann auf ein Wort hin so etwas Unmögliches geschehen? Der Herr zeigt dann die großen Möglichkeiten zweifelfreien Betens und Glaubens. Dadurch können alle Hindernisse beseitigt werden. Der Berg, von dem der Herr redet, ist Israel. Dieser Berg wurde ins Meer geworfen, das in der Schrift die Völker darstellt (Lk 21,25). So wurde Israel von seinem Platz weggenommen und unter die Völker zerstreut. „Brauchet das Glaubensgebet“, sagt der Herr, und auch ihr werdet jedes Hindernis beseitigen. Der Herr aber redet nicht nur vom Beseitigen von Hindernissen, sondern auch vom Empfangen durch Gebet. Hier ist die Quelle wahrer Fruchtbarkeit, die Israel verlassen hatte, das Glaubensgebet. Glaube, Gebet, Wort Gottes und in Ihm bleiben, wie die Rebe am Weinstock, das sind die Mittel wahrer Fruchtbarkeit. Wo sich Gläubige dieser bedienen, werden sie den Herrn, der auch bei ihnen Frucht sucht, nicht enttäuschen. Dann wird nicht Fluch das Ende sein, wie bei Israel, sondern Segen.