Behandelter Abschnitt Mt 7,1-8
Vom Richten. Mt 7,1-8.
Beim Nachdenken an obige Schriftstelle müssen wir uns wohl alle als schuldig bekennen. Keine Sünde ist so verbreitet, als die des Richtens. (Oft unbewußt, nicht boshaft und doch ist es Sünde.) Der Grund alles Richtens liegt im Mangel an Liebe, denn liebten wir, dann würden wir nicht richten. Darum benötigen wir alle, unter ständigem Selbstgericht zu stehen (Ps 139,23-24). Versuchen wir, ein wenig in dieses ernste Wort des Herrn einzudringen.
I. Ist alles Richten verboten?
Wir alle müssen oft richten, in Familie, Geschäft etc. Das junge
Mädchen muß den Mann beurteilen, der um ihre Hand bittet. Die Eltern
müssen den Lehrmeister beurteilen, dem sie ihr Kind anvertrauen wollen.
Dazu gibt es in der Gemeinde Fälle, wo das Richten geboten ist, sonst
würde sich des Herrn Wort mit andern Schriftworten widersprechen. Dazu
müssen wir laut Vers 6 zwischen Schafen und Schweinen unterscheiden,
oder falsche Propheten entdecken können (Vers 15-20). Sünden in der
Gemeinde müssen gerichtet werden und die, die ihr vorstehen, müssen
darauf achten (1Tim 5,20; 2Tim 4,2; Tit 2,15;
Wir müssen laut unserm Wort Irrenden helfen, denn der Herr redet vom Entfernen des Splitters im Auge des Bruders. Das Auge ist der empfindlichste Teil unseres Leibes. Etwas aus entzündetem Auge ziehen, kann nicht jede Hand, noch weniger ein Kurzsichtiger oder gar ein Blinder. Und den Splitter des Bruders kann nur der entfernen, der selbst keinen Balken im Auge - also einen klaren Blick hat.
Wir müssen auch beurteilen können, was vor der Welt am Platze ist (Vers 6). Der Herr nennt hier Hunde und Säue, die in der Regel zum Gespieenen zurückkehren (2Pet 2,22). Vor sie sollen wir unsere Perlen nicht werfen. Vor ihnen sagen wir kein ungünstiges Wort über die Heiligen. Hierin handeln Gläubige oft sehr unweise, indem sie Schwächen der Mitgläubigen vor Ungläubigen oder Kindern erzählen. Das ist eine große Sünde, die bösen Lohn empfängt.
II. Was aber meint denn der Herr bei Nichtrichten?
Alles lieblose Urteilen über andere. Wie schnell erklärt man z. B. andere als geizig, ohne sich zu fragen, ob sie nicht nach Mt 6,3 handeln. Gehörtes weiterzusagen, ohne zu untersuchen, ist Sünde. Der Herr stellt hier einen Menschen vor uns, der einen Fehler beim andern entdeckt, ihn schnellstens weitergibt und aus der Kleinigkeit des andern etwas Großes macht. Wäre kein Balken in seinem Auge, dann würde er anders urteilen. Dabei handelt es sich meistens um solche, die nie den Geist des Evangeliums und die ganze Größe ihrer eigenen tiefen Schuld erkannt, und nie einen Zusammenbruch etwa wie Jesaja erlebt haben (Jes 6). Menschen, die über ihre eigene Sünden erschrocken sind, hüten sich, über andere zu urteilen. Diese Sünde kennzeichnet Menschen ohne Priesterherz, sie betrachten anderer Sünde durchs Mikroskop.
III. Warum wir nicht richten sollen.
Auf daß wir nicht gerichtet werden. Der Herr hat dabei unser eigenstes Interesse im Auge. Unser liebloses Richten kommt in der Regel auf uns selbst zurück. Oft seufzen wir über Verleumdungen, vergessen aber, daß wir selbst andere gerichtet haben. David war entrüstet, als er vom Diebstahl jenes Lammes hörte, und nicht daran dachte, daß er selbst der weit größere Dieb war (2Sam 12). Ismael war gegen jedermann, und alle waren gegen ihn. Haman stellte einen Galgen gegen Mordechai auf, und siehe, er selbst wurden daran gehängt. Adonibesek schnitt 70 Königen die Daumen und die großen Zehen ab, und am Ende schnitt man sie ihm selbst ab.
1. Durch Richten betrüben wir den Hl. Geist. Oft geschieht das auch in Gemeinden. Man verurteilt die andern, redet geringschätzend von ihnen, anstatt einander zu achten, wie das die Schrift gebietet (Phil 2,3). Wir können unmöglich die Beweggründe anderer beurteilen, aber Fehler- finden geschieht gewiß nicht aus Liebe und ist darum Sünde.
Wer dereinst nicht gerichtet werden will (2Kor 5,10), der richte sich selbst schonungslos, damit er nicht vom Herrn gerichtet werde (1Kor 11,31).
IV. Wiederum das "Zuerst" Gottes.
Wir sind diesem "Zuerst" schon öfters begegnet und werden ihm noch öfter begegnen. "Zuerst" hingehen und sich mit dem Bruder versöhnen (Mt 5,24). "Zuerst" das Reich Gottes (Mt 6,33) und hier wiederum ein wichtiges "Zuerst" den Balken aus dem eigenen Auge ziehen und dann den Splitter aus dem des Bruders. Ja, so wollen wir gewißlich in allem handeln und nie mehr den Herrn betrüben! Wir wollen das an erste Stelle im Leben stellen, was Gott zuerst verlangt.
V. Ein ernstes Gebot.
Der Herr gebietet, daß sich der Richtende von diesem Geist ganz frei mache. Diese Sünde darf keineswegs geduldet werden. Sie verstößt gegen Gottes Gebot, betrübt den Hl. Geist, schadet dem Bruder, stört die Gemeinschaft und bringt Gericht. Richten, Kritisieren, Murren sind einander sehr verwandte Sünden, die auch später in den Briefen ernsthaft gerügt werden.