Glückselig sind die Armen im Geiste.
In Kap. 4 sehen wir, wie viele Kranke und Gebrechliche zum Herrn gebracht wurden, und wie Er sie alle heilte. Diese Heilungen zogen viel Volks zum Herrn. Mit Kap. 5-7 folgt eine Unterbrechung dieser Tätigkeit, die erst mit Kap. 8 ihren Fortgang nimmt. Dazwischen liegt die wunderbare Bergpredigt. Die Volksmenge war offenbar sehr groß und wohl deshalb stieg der Herr auf einen Berg. Wie einst in der Wüste der neugeborenen Nation vom Berge aus, durch Moses, das Gesetz gegeben wurde, so gibt hier der König "Jesus" Seinem Volke die Regeln Seines Königreiches. Das Gesetz durch Moses war Gottes Anordnung über Israels Wandel. Die Gesetze des Königs dagegen zeigen die Frucht derer, die in das Königreich eingegangen sind . Hier ist kein Beben und Zittern wie einst am Sinai, sondern hier folgen Aussprüche wahrer Glückseligkeit.
I. Die Zuhörer.
Diese bestanden offenbar aus zwei Klassen. Aus den wahren Kindern
Abrahams, namentlich Seinen Jüngern, und aus der Volksmenge. Redet Er
zur Volksmenge, so sehen wir Ihn voll Erbarmen ihr gegenüber in
Aussprüchen wie: "Kommet her zu mir alle" oder "Wie oft habe ich eure
Kinder versammeln wollen". Aus allem merken wir, wie Er sie zu gewinnen
sucht. Anders redet Er zu den Jüngern. Ein Christ zu werden ist einfach,
der Sünder braucht nur an das vollbrachte Opfer Christi zu glauben. Wer
da glaubet - aber das ist nur der Anfang des Glaubenslebens. Anders sind
Seine Forderungen an Seine Jünger, diese sind radikal. Der Jünger muß
das Kreuz täglich auf sich nehmen, Mt 10,39; 16,24; Lk 9,23;
Joh 12,25. Zu wandeln wie Er, ist die Forderung an sie, 1Joh 2,6;
1Thes 4,1. Dieses ist der Beweis unserer Liebe zu Ihm,
II. Ein herrliches Wort.
Glückselig zu sein ist das ganze Sehnen und Streben des Menschen. Und siehe, hier ist der Bringer der Seligkeit, der Herr! Hätte der Herr nicht Seine Rede mit einem Fluch beginnen können? Nein, das Gesetz ist durch Moses, Gnade und Wahrheit aber durch Jesus Christus, den Glückseligmacher. Lassen wir alle Dogmen beiseite und freuen wir uns herzlich über dieses reiche Angebot und über den einfachen Weg, der dazu führt, sowie auch über die damit gegebene große Verheißung: "das Reich zu besitzen".
III. Was ist Armut im Geiste?
Es ist nicht äußere Armut, obwohl die meisten Gläubigen arm sind. Es
ist aber auch nicht geistige Minderwertigkeit. Materiell Arme sind nicht
immer demütig, auch sind Reiche nicht immer hochmütig, hier ist also
andere Armut gemeint. Armut im Geiste zeigt sich im ganzen Nichtssein in
den eigenen Augen, etwa wie bei jenem Zöllner in Lk 18,14. Oder - in
einem zerbrochenen Herzen, wie David es besaß (Ps 51), gänzlich
entleert wie ein zerbrochenes Gefäß, das ist Armut im Geiste.
Zerknirscht sein, wie wir das bei Josia sehen (2Chr 34) und allein
auf die Gnade hoffen. Arm und elend wie jene Witwen (1Kön 17; 2Kön 4), aber auch voll Vertrauen in Seine Gnade. Oder arm wie jener, der
10000 Pfund schuldete und gänzlich zahlungsunfähig war. Diese innere
Armut legt gern die Wunden bloß, damit der Samariter sein Öl und seinen
Wein hineingießen kann. Sie sind Bettler geistlicher Almosen, solche
aber fühlen gar bald die innige Liebe des Vaters, sie erhalten den süßen
Vaterkuß, erfreuen sich des besten Kleides, des Ringes und der neuen
Schuhe (Lk 15). Solche hören, wie einst Abraham, als er demütig vor
Gott auf dem Boden lag, die vielen "Ich will" ihres Gottes (
IV. Das große Vorbild dieser Belehrungen.
Alles, was der Herr in den Seligpreisungen lehrte, war Er selbst. Er
war dieser Arme, der sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm
(Phil 2,5-8), der um unseretwillen arm wurde (2Kor 9,8;
V. Wem galt diese Seligpreisung?
Gewiß den Jüngern, da andere sie nicht verstanden (Vers 1). Menschen ohne Wiedergeburt können solche Wahrheiten nicht fassen. Hätte Jesus die Unbekehrten gemeint, dann hätte Er Selbsterlösung gepredigt. Aber das Fleisch ist unverbesserlich, es gehört ans Kreuz. Sie galt nur jenen, die des Johannes Bußpredigt angenommen hatten.
VI. Die große Verheißung, die diese Seligpreisung begleitet.
Sie sollen sein Königreich besitzen. Nur dann werden wir dereinst die höchsten Plätze einnehmen, wenn wir, wie Jesus, hier auf Erden freiwillig die tiefsten einnehmen. Die Regierung wird nur von geistlich Armen ausgeführt werden können. Der hier verheißene Segen ist sicher, und den geforderten Preis wert. Sind wir bereit, ihn zu zahlen? Sind wir bereit zu entsagen, zu verzichten, das Kreuz täglich auf uns zu nehmen? Nur dann werden wir dereinst mit Ihm regieren.