Behandelter Abschnitt 1Pet 2,6-8
Das heilige Gebäude, von dem der Apostel soeben gesprochen hat, besteht aus lebendigen Steinen, die eine so auffallende Besonderheit von dem lebendigen Stein haben. Diese den Bibelkennern allgemein bekannte Aussage stützt er auf eine Prophezeiung, die im Neuen Testament wiederholt zitiert wird:
Denn es ist in der Schrift enthalten: „Siehe, ich lege in Zion einen Eckstein, einen auserwählten, kostbaren; und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ Euch nun, den Glaubenden, ist die Kostbarkeit; den Ungläubigen aber: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden“, und „ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“ – die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Wort stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind (2,6–8).
Jesaja 28 wendet sich von den „Betrunkenen Ephraims“ und ihrem Gericht zu dem noch schrecklicheren Schlag, der über die schuldigen verächtlichen Herrscher in Jerusalem kommen muss. Denn diese werden, um der überflutenden Geißel des Königs des Nordens oder des Assyrers zu entgehen, einen Bund mit dem Tod schließen und mit dem Scheol im Bund stehen. Aber die Lüge wird ihnen keine Zuflucht gewähren, und die Falschheit wird sie nicht verbergen. Denn der Herr, der sich erheben wird, wird nach dem Vorbild der überwältigenden Siege, die Er David in alten Zeiten gegeben hat, sein befremdendes Werk tun, nur in einem beispiellosen Ausmaß – eine Vollendung, die über die ganze Erde bestimmt ist. So werden der eigensinnige König im Innern und sein Bund mit den Abtrünnigen des Volkes zugrundegehen; und nicht minder der König des Nordens draußen und die Schar der belagernden Feinde, wie Jesaja 29 hinzufügt. Aber angesichts dieser unvergleichlichen Drangsal, von der alles, was dem Volk widerfahren ist, nur ein Vorzeichen ist, verkündet der Prophet vom Herrn, dass Er in Zion einen Stein als Grundstein legt, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, einen sicheren Grund: Wer glaubt, wird nicht ängstlich eilen.
Denn an jenem Tag werden alle Mächte der Welt, ob im Westen oder Osten, sowie die ungläubige Masse der Juden endgültig und unwiederbringlich untergehen, wenn der gottesfürchtige Überrest, der auf Immanuel vertraut, für immer gerechtfertigt wird. Dann wird der, dessen Name Spross ist, aus seiner Stätte emporwachsen, und Er wird den Tempel des Herrn bauen, und Er wird Herrlichkeit tragen und auf seinem Thron sitzen und herrschen, und Er wird Priester auf seinem Thron sein, was kein Sohn Davids je war, außer in einem kleinen vorbildlichem Maß, aber Er, der auch die Wurzel Davids ist.
Hier bei Petrus geht es nicht um den Tempel der Herrlichkeit wie in der Zukunft, sondern um ein geistliches Haus und eine heilige Priesterschaft, die geistliche Opfer darbringt am Tag der Verwerfung Christi durch Israel. Doch verlieren die gläubigen Juden alles, weil die Masse Ihn ablehnt? Weit gefehlt. Sie kommen in den Genuss der Verheißungen, soweit diese mit den gegenwärtigen Wegen Gottes vereinbar sind; und wenn sie nicht alles empfangen, hat Gott etwas „Besseres“ für uns oder in Bezug auf uns vorgesehen, wie ein anderer sagt (Heb 11,39.40). Sie haben in gewissem Maß die Glückseligkeit, zu glauben, ohne gesehen zu haben, wenn die Prophezeiung nicht nur angewendet, sondern buchstabengetreu erfüllt wird. Das Vertrauen auf Christus, das sich dem Götzendienst, dem Antichrist und der scheinbar überwältigenden Macht der Welt verweigert hat, wird gewiss gesegnet sein, auch wenn es am Ende nur ein Gegenstand der Barmherzigkeit sein wird, wenn es nicht die Kraft des Glaubens hat, die jedes Hindernis im Frieden durchbricht, wie es jetzt durch das Wort sein sollte.
Es ist interessant, dass der Apostel Paulus in Römer 9,30-33 dieses Thema aufgreift, um zu erklären, wie Israel, das nach einem Gesetz der Gerechtigkeit strebte, scheiterte, während die Heiden, die nicht danach strebten, es dennoch erlangten. Die Letzteren glaubten und gaben so Gott die Ehre; die Ersteren klammerten sich an Werke, obwohl sie weit von dem entfernt waren, was das Gesetz verlangte, und verrieten so ihre eigene eitle Selbstgerechtigkeit, da sie auch über den Stolperstein stürzten und ihren eigenen Messias verachteten. Denn das Gesetz ist nicht aus dem Glauben, der Segen aber schon, und so steht er dem gläubigen Heiden offen, nicht dem ungläubigen Juden.
Darüber hinaus wird deutlich, dass die Einführung Zions eine bemerkenswerte Bedeutung hat. Denn so, wie der Berg bildlich verwendet wird, drückt er die Gnade Gottes im Gegensatz zum Sinai aus, dem Berg der Verantwortung des Volkes unter dem Gesetz, wo alles scheiterte, nicht weil das Gesetz nicht gut war, sondern weil der Mensch schlecht und derart verdorben ist, dass er ohne einen Retter nicht auskommt. Zion erscheint nach dem völligen Zusammenbruch des Reiches unter Saul, der Wahl des Menschen; denn es wurde den Jebusitern nur abgerungen, um die Stadt Davids zu sein, der Wahl Gottes. Aber ein Größerer als David ist hier, Christus, den der Herr als Eckstein legt, auserwählt, kostbar, über jeden Vergleich erhaben. Wer an Ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden, wie alle, die auf einen Arm des Fleisches vertrauen, vor allem die Israeliten, die Ihn verachtet haben, auf den das Gesetz und die Propheten immer hingewiesen haben. Für das Reich der Welt hat der Herr seinen König auf Zion, dem Berg seiner Heiligkeit, gesalbt; und Christus wird, nicht jetzt, sondern an jenem Tag, die Nationen zu seinem Erbe und die Enden der Erde zu seinem Besitz machen und alle, die sich widersetzen, wird Er mit eisernem Zepter zerschmettern, wie die Gefäße eines Töpfers zerschmissen werden. „Denn der Herr hat Zion erwählt, hat es begehrt zu seiner Wohnstätte: Dies ist meine Ruhe auf ewig; hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt“ (Ps 132,13.14). Der Schlüssel zu alledem ist, dass Zion der irdische Sitz seines Gesalbten, seines geliebten Sohnes sein wird.
Aber Zion und die Erde verschwinden vorläufig als Zentrum und Sphäre des göttlichen Handelns. Denn der verworfene Christus ist im Himmel zur Rechten Gottes, und Engel und Mächte und Gewalten sind ihm unterworfen; und da Er für uns im Fleisch gelitten hat, sind die gläubigen Juden aufgerufen, sich mit demselben Sinn zu wappnen, nicht weniger als die heidnischen Gläubigen, und das Feuer, das unter ihnen entzündet wird, das ihnen zur Prüfung dient, nicht etwas Fremdes zu halten, sondern, da wir an den Leiden Christi teilhaben, uns zu freuen, damit auch wir uns bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit jubelnd freuen können. Das ist das Los des wahren Christen in der Gegenwart, der durch verschiedene Prüfungen gehen wird, damit der Beweis unseres Glaubens, der kostbarer ist als Gold, das vergeht, obwohl es im Feuer erprobt wird, an jenem Tag zu Lob, Herrlichkeit und Ehre gefunden wird.
Sicherlich wird dann der kostbare Wert Christi offenbar werden. Könige werden ihren Mund vor Ihm verschließen; denn was ihnen nicht gesagt worden ist, werden sie sehen, und was sie nicht gehört haben, werden sie verstehen. Und die Völker werden zu Zions Licht und König kommen, zum Glanz seines Aufgangs. Doch wie unendlich groß ist nun die Gnade, dass das Verderben des auserwählten Volkes (nicht nur unter dem Gesetz, sondern noch schlimmer durch die Ablehnung des Messias und des Evangeliums) den gläubigen Überrest nicht daran hinderte, den Segen in seiner christlichen Form und Fülle zu erwarten! Alles dreht sich um den gestorbenen und auferstandenen Christus in der Höhe. „Euch nun, den Glaubenden, ist die Kostbarkeit“ (V. 6). Seine Verwerfung war die Gelegenheit, alles, was verheißen war, und noch viel mehr, was der Apostel Paulus mitzuteilen hatte, zur Ehre Gottes zu verwirklichen. Aber wie reich ist auch hier die Gnade, die sich entfaltet! Wenn sie nicht über ihre ungläubigen Brüder nach dem Fleisch trauern konnten, worin hatte dann die Gnade für den, der glaubte, versagt?
Jetzt verstanden sie die Bedeutung mancher Schriftstelle, die ihnen bis dahin durch ihre Unvorsichtigkeit, sich vorzustellen, dass die Obersten und das Volk der Juden so hart und finster und widerspenstig gegen den Herrn sein könnten, unklar war. Sie übersahen nicht nur die ernsten Warnungen seines Wortes, das sie in Händen hielten oder hörten, sondern sie erfüllten die Stimmen der Propheten, indem sie seinen gerechten Knecht verurteilten, der sich durch jene göttlichen Aussprüche und durch Wunder göttlicher Macht und Güte auszeichnete, die nur noch durch seine persönliche Herrlichkeit und durch seine moralische Vortrefflichkeit auf jeder Seite ohnegleichen übertroffen wurden.
Hier ein Beispiel: Jesaja 53 war ihnen kein Rätsel mehr; im Gegenteil, es bot die leuchtendste Erklärung dessen, was ihnen in ebenso sicheren wie wichtigen Tatsachen vor Augen gestellt wurde: „Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des HERRN offenbar geworden? – Und er ist wie ein Reis vor ihm aufgeschossen und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt; er war verachtet, und wir haben ihn für nichts geachtet. Doch er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen. Und wir, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg; und der HERR hat ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit“ (Jes 53,1‒6).
Nun sind die Juden zutiefst ungläubig, nicht nur wie alle natürlichen Menschen, sondern auch durch Gericht verblendet, denn es war angesichts der vollsten Beweise und der langen Duldsamkeit bis zum Äußersten. Aber ihr Selbstgericht wird endlich am Tag der Macht des Messias und ihrer nationalen Befreiung kommen. Dann werden sie alles sehen und bekennen, wie andere Schriften bezeugen; und sie werden verstehen, dass der Herr für alle ihre Sünden Sühnung geleistet hat durch das, was ihre zerstörerische und unverzeihliche Sünde war. In dieses Werk, das an sich schon vollendet ist, tritt nun der gläubige Überrest in seinem ganzen Wert ein, wie wir aus den Heiden. Aber noch ist die Masse unempfänglich. „Euch nun, den Glaubenden, ist die Kostbarkeit, den Ungläubigen aber: ,Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden‘ und „ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses‘“ (V. 8a). Wie offensichtlich ist die Lösung des Rätsels! Und wie könnte es anders sein, wenn Jesus der Christus und Sohn Gottes ist? Psalm 118,22 und Jesaja 8,14 sind ebenso eindeutig erfüllt wie die umfassendere Vorhersage. Während wir auf den irdischen Triumph warten müssen, wenn Israel alles besitzen wird, ist Jesus im Himmel zum Eckstein gemacht worden, und alle, die jetzt glauben, ob Juden oder Heiden, genießen den Segen durch den Glauben. Auch das ist schon jetzt für das Herz vortrefflicher als die sichtbare Herrlichkeit, wenn sie erscheint, wie es sicher der Fall sein wird, ganz zu schweigen von der himmlischen Herrlichkeit, die sich an jenem Tag auch über der Welt zeigen wird.
Der gegenwärtige Zustand der Juden entspricht genau dem dunklen Hintergrund des Bildes. Und die folgenden Worte sind ebenso ernst in moralischer wie in tatsächlicher Hinsicht: „die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Wort stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind“ (V. 8b). Weder hier noch anderswo findet sich die dogmatische Verwerfung der calvinistischen Schule, die ebenso wenig durch die Schrift zu rechtfertigen ist wie der gegenteilige Irrtum von der Kraft zum Guten der Pelagianer. Alles Böse ist des Menschen, wie das Gute ausschließlich der Gnade Gottes entstammt. Er hat den Menschen nicht zum Sünder gemacht, noch hat er Gefallen am Tod des Sünders, noch weniger an seiner ewigen Strafe. Aber Er ist der Höchste, und so kühn der Mensch auch im vorsätzlichen Ungehorsam sein mag, Gottes Wille bleibt bestehen. Er stellt seine Gnade und Wahrheit in Christus dar, und die Menschen stolpern über das Wort, das Ihn offenbart. Dazu sind sie bestimmt, nicht um ungehorsam zu sein, sondern um auf diese Weise zu straucheln, die Gott in seiner Weisheit als ihre Prüfung bestimmt hat. Sie lehnen das Wort ab und verachten es, während andere, die es aus Gnade selbst beurteilen und Ihm glauben, es zu ihrer Errettung, ihrem Frieden und ihrer Freude annehmen (vgl. Jud 4).