Behandelter Abschnitt Phlm 1,4-7 „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“ (V. 3). So grüßte der Apostel die Gläubigen in Rom, in Ephesus, in Philippi; so an die Versammlung in Korinth und die Versammlungen in Galatien, kürzer an die in Kolossä, noch mehr in seinem ersten Brief an die Thessalonicher, ganz ausführlich in seinem zweiten Brief an sie. An Timotheus, wenn nicht an Titus, fügt er „Barmherzigkeit“ hinzu, wie es der Einzelne braucht. Und wie gesegnet ist sie, gleich in welcher Form! Welch eine unerschöpfliche Quelle, und wie würdig ist die Wirkung! Was gab es Besseres oder so Gutes, das der Vater seinen Kindern oder der Herr seinen Dienern schenken konnte?
Ich danke meinem Gott, indem ich dich allezeit erwähne in meinen Gebeten, da ich höre von deiner Liebe und von dem Glauben, den du an den Herrn Jesus und die du zu allen Heiligen hast, dass die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Anerkennung alles Guten, das in uns ist gegen Christus [Jesus]. Denn ich hatte große Freude und großen Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind (V. 4–7).
Er beginnt wie üblich mit dem Besitz all dessen, was göttlich im Herzen und in den Wegen Philemons gewirkt wurde, der die ganze Zeit über persönlich und sogar ausdrücklich angesprochen wird. Die übrigen erwähnt er erst am Schluss (V. 25), wie er sie hier am Anfang mit ihm verbunden hatte. Von ihm aber spricht er einzeln, wie er seinem Gott immer dankt, indem er ihn in seinen Gebeten erwähnt und von seiner Liebe und dem Glauben hört, den er gegenüber dem Herrn Jesus und gegenüber allen Heiligen hat; und dies, damit die Gemeinschaft seines Glaubens wirksam wird, um alles Gute zu erkennen, das in uns von Christus ist. Nicht die Liebe steht hier im Vordergrund, sondern der Glaube, obwohl in Philemon 5 die Liebe vor dem Glauben stand, was eine ungewöhnliche Reihenfolge ist (vgl. Eph 1; Kol 1). Aber hier möchte der Apostel, dass Philemon in der Gemeinschaft des Glaubens mit allen, die Christus angehören, steht, und zwar in praktischer Kraft, indem er alles Gute, das in uns ist, Christus gegenüber anerkennt. Wie boshaft, wenn Gläubige sich nie über das Empfinden unseres natürlichen Bösen erheben und nur auf das Herz schauen, das über alle Maßen trügerisch und verzweifelt böse ist! Gibt es keine Wirklichkeit in der neuen Schöpfung? keine Kraft in dem ewig innewohnenden Heiligen Geist, die Christus in uns gut macht?
Der Apostel rechnet mit allem in Philemon, was des Heilands würdig und zur Erlösung geeignet ist. Er erwartet, dass es nur ein neuer Anlass für das Wirken der bisher bekannten Liebe und des Glaubens ist, und ein Grund zum Gebet mit Danksagung. Daher wäre der Druck seiner eigenen apostolischen Autorität ebenso unangebracht gewesen wie die Einmischung von Brüdern oder der Zwang von Zuchtmaßnahmen. Wie anders ist das gnädige Eingreifen des Paulus, des Gefangenen Jesu Christi, und der Versammlung im Hause, die an allem äußerst interessiert war!
Zweifellos war Böses bei Onesimus und in seiner Flucht vor seinem Herrn. Aber ist es nicht das Wort Gottes, das Böse mit Gutem zu überwinden, anstatt von ihm überwunden zu werden? Ist es nicht so, dass die Gnade für uns und in uns gewirkt hat? Nichts anderes wird jetzt erwartet, sondern die Übereinstimmung mit jenem Wirken der Gnade, das Philemon ausgezeichnet hatte. „Denn ich hatte große Freude und großen Trost durch deine Liebe, weil die Herzen [Eingeweide] der Heiligen durch dich erquickt worden sind“ (V. 7). Welch ein häusliches Vertrauen der Liebe in diesem letzten Wort, wie und wo es ist! Die Schrift lehrt uns, es zu gebrauchen, nicht nur als formellen Anspruch der Christen, sondern mit bezeichnender Kraft, wo die Gelegenheit es nachdrücklich verlangt. Gewiss wird es hier von Paulus so angewandt, wie einst auf ihn (Apg 9,17), als dieses Wort auf sein Herz gefallen sein muss wie Tau vom Herrn, wie ein Schauer auf das Gras.
Es ist eines der traurigen Zeichen und Beweise dafür, wo die Kirche jetzt steht, dass selbst bei den ernsthaftesten Kindern Gottes nur wenig daran gedacht wird, die Herzen der Gläubigen zu erquicken. Der Eifer geht in der einfachen Bekehrung von Sündern auf. Die Herrlichkeit Gottes in der Versammlung wird vernachlässigt, die Liebe Christi zu seinem Leib und jedem Glied wird größtenteils ignoriert. Wenn ein schwacher Gedanke aufsteigt, ist er hauptsächlich von wohlwollender Art, was Doddridge hier ausdrückt, wenn er nur an die armen Gläubigen denkt. Sicherlich ist das ein Aufruf an die Bekehrten in Bezug auf einen schreienden Mangel seit fast achtzehnhundert Jahren. Man sagt dies nicht, um das Mitleid mit den Umkommenden zu mindern, sondern um die Ansprüche der Herrlichkeit und Gnade Christi auf die Erlösten zu betonen. Die Herde, die schöne Herde des Herrn, oh, wie verstreut und ausgehungert ist sie. Wenn dies in den Augen des Herrn schmerzlich ist, was sollte es dann für uns sein, die wir Ihn und sie lieben?
Wir kommen hier zu dem unmittelbaren Gegenstand des Briefes, für den die Einleitung so bewundernswert den Weg bereitet hat. Würde Philemon nun durch die Beschäftigung mit seinen Rechten oder den Einfluss weltlicher Gefühle und Praktiken von jener praktischen Gnade abweichen, die den Apostel mit so viel größerer Freude erfüllt hatte, weil die Herzen der Gläubigen durch ihn erfrischt worden waren? Sollte die Beziehung des „Bruders“ in seinen Augen fortan seinen Wert verlieren? Das hatte der Apostel sicher nicht erwartet, sondern er rechnete mit dem Triumph der göttlichen Liebe.
Es ist eins der eigentümlichsten und mächtigsten Merkmale des Evangeliums, mit dem der Apostel hier den Aufruf ausspricht: Die Behauptung eines Anspruchs, der wahr, gerecht und unbestreitbar ist, auf den er aber dennoch verzichtet, um in dem Aufgerufenen freien und vollen Raum für die Gnade zu haben. So hat Christus hier unten gelebt, sich bewegt und sein Wesen gehabt; so hat Er die Seinen am eindrücklichsten in jene Gesinnung geführt, die sie durch den Glauben immerfort zu besitzen und täglich zu vertreten berufen sind. Höre, wie Er Petrus vorwegnimmt, der den Steuereinnehmern schnell die Bereitschaft seines Meisters versicherte, wie ein treuer Jude zu zahlen: „Was meinst du, Simon? Von wem erheben die Könige der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden? Petrus sagt zu ihm: Von den Fremden. Jesus sprach zu ihm: Demnach sind die Söhne frei. Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh an den See, wirf eine Angel aus und nimm den ersten Fisch, der heraufkommt, tu sein Maul auf, und du wirst einen Stater finden; den nimm und gib ihnen für mich und dich (Mt 17,25‒27).
Zweifellos hatte das Gesetz einen direkten Anspruch auf jeden Israeliten. Aber hatte Simon nicht erst kurz zuvor Jesus als Sohn des lebendigen Gottes bekannt? Und noch später, als er, geblendet von der Herrlichkeit des Reiches, vorschnell Mose und Elia auf eine Stufe mit Ihm stellte, war er nicht vom Vater korrigiert worden, indem Er Jesus als seinen geliebten Sohn anerkannte, den man jetzt hören sollte? All dies stammte aus der Zeit, als Er angesichts seiner Leiden und der Herrlichkeiten, die folgen sollten, den Jüngern verbot, irgendjemandem zu sagen, dass Er der Messias sei. Die mächtige Veränderung war nahe: die größere und himmlische Herrlichkeit, die auf seinem Tod beruhte und in der Zwischenzeit eine ähnliche Verwerfung nach sich zog, bis Gott seine Herrlichkeit bei seiner Wiederkunft öffentlich rechtfertigen würde.