Behandelter Abschnitt Titus 2,9-10
Die Sklaverei war eine der schwerwiegenden Tatsachen, mit denen sich das Christentum auseinandersetzen musste, sie war damals allgemein verbreitet und existiert an manchen Orten bis zu einem gewissen Grad immer noch. Nirgendwo beweist die Kraft des Werkes Christi deutlicher oder entschiedener seine himmlische Quelle und seinen Charakter, als im Umgang zwischen Herren und Sklaven.
Der Apostel fordert Titus auf:
Die Knechte ermahne, sich ihren eigenen Herren unterzuordnen, in allem wohlgefällig zu sein, nicht widersprechend, nichts unterschlagend, sondern alle gute Treue erweisend, damit sie die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem (2,9.10).
Auch hier ist die Unterordnung die oberste Pflicht einer solchen Beziehung und wird entsprechend in den Vordergrund gestellt – die Unterordnung unter den eigenen Herrn. Die Beschäftigung auch in Gedanken mit anderen würde nur Unheil anrichten. Kein Gläubiger, kein Apostel oder Prophet, ist frei von der Pflicht der Unterwerfung. Christus hat den Gläubigen ihre Wahrheit und ihre moralische Vortrefflichkeit deutlich gemacht; denn Er, der Herr aller, offenbarte sich als Mensch, das Muster der absoluten Unterwerfung in Liebe und Gehorsam gegenüber seinem Vater, als aller Diener. Welch ein Vorbild und Motiv für christliche Knechte! „In allem wohlgefällig zu sein“ ist manchmal eine sehr große Schwierigkeit, sei es durch die Eigenheiten des Herrn oder durch die des Knechtes. Satan würde gern unterstellen, dass sie unter anderen Umständen besser gehorchen könnten; und dass es vergeblich ist, so wie sie sind, daran zu denken, „in allem wohlgefällig zu sein“. Der eigene Herr könnte launisch oder fehlerhaft sein. „Wenn ich solch einen Herrn hätte …“ – doch es gibt keine Herabsetzung des Anspruchs Christi; und es ist Christus, und Christus allein, der, wenn Er so vor den Augen eines Knechtes steht, ihn befähigt, wahrhaftig untertan zu sein und in allen Dingen auszuharren, anstatt zumindest manchmal verzweifelt aufzugeben. Denn der Glaube, nicht die Resignation, ist das wahre göttliche Gegenmittel gegen Gefühle der Verzweiflung, an die ein Christ niemals denken darf. Wer hat es mehr nötig als ein christlicher Sklave, sich an den Aufruf Gottes zu erinnern, sich allezeit im Herrn zu freuen? „Denn auch der Christus hat nicht sich selbst gefallen, sondern wie geschrieben steht: ,Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen‘“ (Röm 15,3).
Außerdem sollte der Sklave „nicht widersprechend“ sein. Manch einer könnte viel tun oder gar ertragen, dem es schwerfällt, in der Tat nicht zu widersprechen oder zu antworten, mehr als in der Rede; aber das Wort des Herrn an den Knecht ist: „nicht widersprechend“. Ist er nicht ein Freigelassener des Herrn? Kann es eine solche Freilassung wie die seine geben? Könnte man sich mit Geld eine solche Befreiung erkaufen? Möge solch ein Sklave Gott danken und mit Freuden seinen Weg gehen, die Wünsche seines Herrn weiterleitend und niemals vereitelnd zu seinem Ober-Herrn und Retter, dessen Auge immer auf ihn gerichtet ist, um ihn zu erheitern und zu führen.
Wiederum war es für Sklaven, die selbst geraubt wurden oder deren Kinder waren, natürlich, dass sie wenig Respekt vor den Rechten anderer hatten, deren Beziehung im Allgemeinen auf einem Unrecht beruhte. Aber eine Argumentation auf abstrakte Rechte als Entschuldigung für „Unterschlagung“ ist nicht zulässig. Ist er nicht in seinem Glauben im Besitz der wahren Reichtümer, die keine Flügel haben, um wegzufliegen? Erwartet er nicht, dass der Herr kommt und ihn zu jeder Zeit offenbart, wenn Er auch zur besten Zeit verweilt? Ist es für ihn nicht eine Schande, einen solchen Herrn zu entehren und Schande über alles zu bringen, was er glaubt und bekennt?
Der Apostel besteht darauf, dass die christlichen Knechte „alle [oder: jede Art von] gute Treue erweisen“. Sie dienten wirklich demselben Herrn wie ihre Herren, wenn sie Christen waren; und wie könnten sie ohne das Gefühl der direkten Verantwortung gegenüber dem Herrn, wie auch seiner Gnade, durch und durch richtig handeln? So lehrt und ermahnt die Gnade an anderer Stelle: „Was irgend ihr tut, arbeitet von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen“ (Kol 3,23).
Es genügte auch nicht, dass sie nicht unbeständige und unwürdige Gläubige sein sollten, sondern, wie der Apostel hier sagt, „damit sie die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem“ (V. 10). Es gibt auf der menschlichen Seite der Wirkungen der Wahrheit nichts Bewundernswerteres als ihre praktische Kraft auf das Herz der einst Erniedrigten oder gar Verderbten. Das sehen wir auch an der Haltung des bekehrten Räubers inmitten der Qualen der Kreuzigung. Welche neugeborene Ehrfurcht! Welches Bekenntnis der Sünden! Welcher Sinn für Gerechtigkeit! Welche Freimütigkeit des Glaubens! War dies nicht schon damals und dort eine Zierde für die Lehre unseres Heiland-Gottes?