Behandelter Abschnitt Apg 27,27-44
Der Schiffbruch
Die besten Charaktereigenschaften und Fähigkeiten eines Menschen treten meistens in Notzeiten hervor. Diese Beobachtung wird oft in Kriegs- und Krisenzeiten der Völker gemacht. Im vor uns liegenden Fall wurde sogar ein einfacher Gefangener zum tonangebenden Führer des Schiffes. Ihm mussten alle gehorchen. Wo immer wir Paulus sehen, steht er im Vordergrund. Das sehen wir bei ihm als Schüler Gamaliels; als Verfolger; als Prediger des Evangeliums; als Retter, wenn die Gemeinde durch falsche Lehren bedroht war. Hier in der höchst kritischen Lage, wo alle den Kopf verloren, ergriff er sozusagen das Steuer und wurde zum Retter der ganzen Schiffsbesatzung. Es ist interessant zu sehen, wie sich alle den Anordnungen des Paulus fügten. Fliehende Matrosen wurden auf seinen Befehl hin zurückgehalten. Da, wo alle versagten, stand der mutige Zeuge Jesu Christi mitten in der Brandung. So dürfen manchmal Gläubige in großen Schwierigkeiten Wegweiser und Helfer sein, denn da, wo weder Sonne noch Sterne scheinen, leuchten sie wie die Sonne am Himmel und wie die Sterne in ihrer Pracht, und zeigen Irrenden den sicheren Ausweg. Beschäftigen wir uns nun noch kurz mit dem weiteren Reisebericht des Lukas.
Eine kleine Welt. Auf großen Schiffen findet man im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Welt beieinander. Alle Klassen, Rassen und Religionen sind meistens vertreten. In unserem Fall werden Männer wie der Kapitän, der Hauptmann Julius, Soldaten, Matrosen und Geschäftsherren genannt. Der Schiffsarzt Lukas, der für das leibliche Wohl sorgte, darf auch nicht fehlen. Selbst die Gläubigen, das Salz der Erde und das Licht der Welt, müssen dabei sein, ohne sie versinkt die Welt im Chaos. Sie sind jene zwei oder drei, auf die Gott Sein Auge richtet, wenn es die Welt durchläuft, deren Augen aber auch zu Ihm emporblicken und den Segen für alle herabflehen. Trotz der vielen Schmähungen, die Gläubige von der Welt erfahren, ahnt sie nicht, was Gottes Volk für sie ist. Waren es nicht die wenigen Gläubigen, die in ihrer engen Kabine für die Rettung aller flehten und erhört wurden? Alle im Schiff hatten ihre Rettung ebenso der kleinen Beterschar zu verdanken, wie jene Weisen in Babylon (deren Hinrichtung durch Nebukadnezar beschlossen war) dem kleinen Beterkreis Daniels (Dan 2). Auch gegenwärtig ist es ähnlich. Warum ist das geweissagte Gericht noch nicht über diese Welt hereingebrochen? Sehr einfach, weil Gottes Volk noch in ihr ist. Wenn aber die Gemeinde hinweggenommen sein wird, dann wird die Welt plötzlich vom Verderben ereilt (2Thes 2,6). Ja, interessant ist der Bericht des Lukas, der uns diese kleine Welt vor Augen führt mit Juden, Griechen, Römern und Gotteskindern, Heer und Marine, Wissenschaftern und Gefangenen, Kaufleuten und Berufsleuten, kurz, alles ist vertreten. Alle sind denselben Leiden, Freuden und Gefahren ausgesetzt, ob Gottesknecht oder Verbrecher. Die Hauptrolle im Schiff aber spielt Gottes Volk. Das muss uns viel zu denken geben und aufs neue dazu anspornen, unsere hohe Aufgabe, die wir inmitten eines verdrehten Geschlechtes haben, zu erfüllen. Wehe denen, die dazu berufen sind, aber versagen. Kind Gottes, bedenke wozu du berufen bist.
In verzweifelter Lage. Auf jenem Schiff hatte die Mannschaft während vierzehn Tagen nichts gegessen. Alle waren durch Müdigkeit und Kälte erschöpft. Jede Hoffnung auf Rettung schien dahin zu sein. Die Matrosen, die von ferne Land erblickten, wollen in einem Rettungsboot fliehen. Das Schiff war in Gefahr, von der Wucht der Wellen auf einen Felsen geworfen zu werden und zu zerschellen. Wen sollte nicht angesichts solcher Not die Verzweiflung packen? Am tätigsten von allen war der Apostel. Er verzweifelte nicht. Er sandte mit einigen andern Reisenden Hilferufe nach oben und erhielt sogleich die ermutigende Antwort (Vers 24-25). Nichts ist so wertvoll in dieser Welt als kindlicher Glaube; er erreicht das sonst Unmögliche.
Am fünfzehnten Morgen (Vers 33). Unheilvolle vierzehn Tage lagen hinter jenen Schiffbrüchigen. In diese Notlage hinein rief Paulus allen zu, dass keinem unter ihnen ein Haar vom Haupte fallen werde, sprach ihnen Mut zu und ermahnte sie, zu essen. Vielleicht hatten sie aus gleichen Gründen nichts gegessen, wie die Leute von Ninive, als Jonas ihnen das Gericht predigte, und sie daraufhin in Gebet und Fasten zu Gott schrien. Paulus aber stand inmitten der Menge und dankte Gott. Er verwirklichte seine eigene Lehre: „Danksaget für alles!“ Das war ein mutiges und gottverherrlichendes Zeugnis. Paulus empfahl allen, Speise zu sich zu nehmen und ihre entkräfteten Leiber zu stärken.
Der Schiffbruch (Vers 39-41). Nochmals unternahm die Mannschaft den Versuch, das Schiff zu retten, aber vergeblich. Sie versenkten die kostbare Ladung; aber auch das nützte nichts. Es gibt Zeiten, wo es gilt, das Wertvollste fahren zu lassen. Die schweren Wellen trieben das Schiff hin und her, bis es endlich mit seinem Vorderteil auf eine Landzunge geriet, stecken blieb, und von der Gewalt des Sturmes auseinander gerissen wurde. Hier hätte Paulus mit gutem Recht nochmals ausrufen dürfen: „Man hätte freilich mir gehorchen sollen“ (Vers 21).
Satans List (Vers 42-43). Satan hat es stets auf die Vernichtung der Knechte Gottes abgesehen. Nach altem Brauch wollten die Kriegsknechte die Gefangenen töten. Damit wäre auch Paulus umgekommen, aber der Hauptmann Julius verhinderte es. Gottes Verheißung steht auch in dunkelster Stunde fest. Paulus wird sich an das Wort gehalten haben: „Du wirst in Rom von mir zeugen.“ Alle Mächte Satans wollten Paulus daran hindern, nach Rom zu gehen. Aber, was Gott sich vorgenommen und was Er haben will, das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel. Auch Julius wird erkannt haben, auf welch wichtiger Mission Paulus sich befand und rettete ihn. So wurde Satans Plan vereitelt.
Alle gerettet (Vers 44). Keinem Mitreisenden sollte ein Haar gekrümmt werden, hatte Paulus ausgerufen und nun sahen sie die Verheißung erfüllt. Alle waren ans Land gelangt, teils durch Schwimmen, teils auf Brettern. Gottes Verheißungen täuschen nie. So hatte der Herr dem Apostel alle Seelen geschenkt, und er durfte der Retter von einigen hundert Menschen sein. Mögen auch wir, wo immer Gott uns hingestellt haben trag, unsern Platz ausfüllen wie Paulus.