„Sein Gaumen ist lauter Süßigkeit“ (Hld 5,16a).
Da die Lippen bereits genannt sind, so muss durch diesen Vergleich noch auf etwas anderes als die bloßen Worte des Herrn hingedeutet werden. Vielleicht bezieht er sich mehr auf die Ausdrücke der Gnade und Freundlichkeit Jesu, auf Seine vertrauten Mitteilungen, auf die innigen Kundgebungen Seiner Liebe und Freundschaft. Die Braut hat schon oft Seine Gnade geschmeckt; deshalb kann sie aus Erfahrung sagen: „Sein Gaumen ist lauter Süßigkeit.“ Die Güte und Freundlichkeit, mit der Er ihr begegnet; selbst wenn sie gefehlt hat, ist genug, um in ihrem Herzen einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck von der Süßigkeit Seiner Gnade zurückzulassen. „Wenn ihr wirklich“, sagt der Apostel, „geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist“. – Andere Ausleger denken, dass der süße, liebliche Klang der Stimme des Herrn hier gemeint sei.
Die Braut schließt die Beschreibung ihres Geliebten mit den Worten: „
Und alles an ihm ist lieblich. – Das ist mein Geliebter, und das ist mein Freund, ihr Töchter Jerusalems!“ (Hld 5,16b).
Die Worte fehlen ihr. Nicht dass sie müde wäre, von Ihm zu reden; aber sie ist unfähig, alles zu sagen, was Er ist. Darum endigt sie mit den alles umfassenden Worten: „Alles an ihm ist lieblich.“ Es ist, als wenn sie sagen wollte: Alle nur erdenkliche Lieblichkeit ist in Ihm; was die Seele wünschen und begehren kann, findet sich in Ihm; alle Schönheit gehört Ihm an. In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit samt allen Tugenden der Menschheit. Er ist lieblich in Seiner Erniedrigung und lieblich in Seiner Erhabenheit; ja, alles an Ihm ist lieblich.
Und ist nicht der letzte Ton dieses herrlichen Liedes der schönste und vollste von allen? „Das ist mein Geliebter, und das mein Freund!“ Manche mögen sagen: Welch eine Beschreibung ist dies! Aber du, meine Seele, sage: Welch ein Schluss ist dies! „Das ist mein Geliebter, mein Freund.“ Er, Er Selbst ist mein! Die Braut verweilt mit tiefer Freude bei Seinen Eigenschaften; aber ihre Wonne erreicht den Gipfelpunkt, wenn sie sagen kann: „Er, in dem alle diese herrlichen Eigenschaften sich finden, ist mein! Deshalb sind auch alle Seine Eigenschaften mein.“ – Throne, Kronen, Szepter, Königreiche, Herrlichkeit und Segnung – alles ist Sein, und des Gläubigen in Ihm. Doch so herrlich diese Dinge auch sein mögen, sie sind doch nicht Er. Was wären sie alle wert ohne die Person des Geliebten? „Was wär‘ der Himmel ohne Dich und alle Herrlichkeit?“ Ohne Ihn wären alle jene Dinge, so herrlich sie sind, für die Liebe des erneuerten Herzens ein Hohn; gleich der Braut, deren Herz öde und leer sein würde, gebrochen auf der Schwelle ihrer neuen Heimat, wenn sie sähe, dass der, auf dessen Liebe sie rechnete, sie verließe und einer anderen nachginge. Das neue, hübsch eingerichtete Haus bliebe ja zurück; aber ach! das Herz des Geliebten, gerade das, wonach sie sich sehnte, ist anderswo. Der Anblick der Räume, in denen sie mit dem Mann ihrer Wahl so glücklich zu sein hoffte, erweckt nichts als Gefühle der bittersten Enttäuschung in ihr. Alles erinnert sie nur an ihr Elend und ihr Verlassensein. Ihr Glück ist dahin, für immer dahin.
So ist es nicht selten mit der Liebe auf dieser armen Erde. Wie manches liebende und vertrauende Herz ist so gebrochen und unglücklich gemacht worden durch die Herzlosigkeit dessen, dem es vertraute. Aber so ist nicht die Liebe Gottes; Ihm sei ewig Lob und Dank. Glückselig alle, die ihr Vertrauen auf Jesus setzen. Es ist schon der Himmel auf Erden, Ihn zu kennen, Seine Liebe, Seine unergründliche, unveränderliche Liebe zu kennen und zu genießen. Diese Liebe besteht nicht in Worten allein, sondern in Tat und in Wahrheit; nicht in einem förmlichen, kühlen Gelöbnis, von dem das Herz nichts weiß, sondern in dem ewigen Bund Seiner Gnade, besiegelt durch Sein eigenes kostbares Blut. – Und was wird.es erst sein, meine Seele, wenn du diese Liebe in ihrer Fülle erkennen wirst, wenn das Stückwerk aufhören und das Vollkommene gekommen sein wird! wenn du Ihn, deinen Geliebten, sehen wirst, wie Er ist!