Behandelter Abschnitt Joh 10,4-5
Joh 10,4.5: 4 Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
Er hat seine eigenen Schafe hervorgebracht, Er „geht vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm“, um von nun an all das, was sie brauchen, in dem Hirten zu finden. In einem Pferch werden die Schafe durch die sie umgebenden Mauer zusammengehalten; in der Herde werden sie durch die Sorgfalt und Pflege des Hirten zusammengehalten. Der Segen, die Führung und der Schutz der Herde hängen völlig vom Hirten ab. Brauchen sie Nahrung, ist der Hirte da, um sie zu grünen Weiden zu führen; tritt ihnen der Feind entgegen, steht der Hirte vor der Herde, um sie zu beschützen; gehen sie bisweilen über harte und gefährliche
Straßen, geht der Hirte vor ihnen her, um sie auf dem Weg zu leiten. Außerdem folgen die Schafe in einer Herde dem Hirten deswegen, weil sie seine Stimme kennen. Wenn ein Fremder versuchen würde, die Schafe vom Hirten wegzuziehen, dann würden sie dem Fremden nicht dadurch entgehen, dass sie mit ihm kämpfen, sondern dadurch, dass sie vor ihm fliehen. Sie fliehen vor dem Fremden, nicht weil sie seine Stimme kennen, sondern weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
Wie passend legt dieses Gleichnis die wahre christliche Stellung in Übereinstimmung mit Gottes Willen dar. Es zeigt uns eine Gemeinschaft von Gläubigen – die Schafe Christi –, die völlig zu Ihm gehören, und Er, der Hirte, beschäftigt sich mit seinen Schafen und führt sie aus einem weltlichen religiösen System heraus. Außerhalb dieses Systems sieht man sie als völlig unter seiner Führung; Er führt sie durch die Wüste der Welt, sorgt für all ihre Bedürfnisse und beschützt sie vor jedem Übel. Auf der anderen Seite kennen die Schafe die Stimme Christi und erkennen ihre Abhängigkeit von Ihm. Im Bewusstsein ihrer Schwäche fliehen sie vor dem Fremden: Es ist ausreichend für sie, dass sie die Stimme des Fremden nicht erkennen.
Wo im Christentum sehen wir eine wahre Antwort auf dieses perfekte Bild? Völlig abhängig von einem unsichtbaren Führer zu sein, braucht die ständige und konstante Übung im Glauben und das Vertrauen der Liebe. Wie nun kann die große Masse der reinen Bekenner, die den Großteil der Christenheit ausmacht und bei denen Glaube und Liebe völlig fehlt, den Platz der Schmach außerhalb des Lagers in Gemeinschaft mit einem verworfenen und unsichtbaren Christus annehmen? Da sie die Stimme des Hirten nicht kannten, sind sie zur leichten Beute der Stimme des Fremden geworden. Deshalb konnte es geschehen, dass die Christenheit eine Vielzahl von Schafställen nach jüdischem Muster aufgerichtet hat. Dort werden die Menschen zusammengehalten durch Glaubensbekenntnisse und Leiter, die von Menschen benannt wurden und die Christus, den alleinigen Hirten der Schafe, beiseitegesetzt haben. Dennoch bleibt das Bild in seiner Schönheit bestehen und zeigt uns Gottes Maßstäbe für sein Volk. Trotz des Verfalls der Christenheit ist es noch immer das Vorrecht der Gläubigen, in Liebe zu Christus und in Gehorsam seinem Wort gegenüber zu Ihm zu gehen „außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13).