Behandelter Abschnitt Kol 1,3-8
Der Apostel lässt alles aus, was der großartigen Einleitung entsprechen würde, mit der er seinen Brief an die Epheser beginnt (Kap. 1,3–14). Er war im Geist gehindert; er empfand die Gefahr, die den Kolossern drohte. Wie konnte er dann sofort in einen ungehinderten Segensstrom ausbrechen? Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit und beschäftigt sich mit Herzen und Gewissen. Da aber dieser hohe Ton der Anbetung hier nicht angebracht wäre, beginnt er unmittelbar mit einer Danksagung.
Wir danken dem Gott [und] Vater unseres Herrn Jesus Christus allezeit, indem wir für euch beten, nachdem wir gehört haben von eurem Glauben an Christus Jesus und der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt, wegen der Hoffnung, die für euch aufgehoben ist in den Himmeln, von der ihr zuvor gehört habt in dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt Frucht bringend und wachsend ist, wie auch unter euch, von dem Tag an, da ihr es gehört und die Gnade Gottes in Wahrheit erkannt habt; so wie ihr gelernt habt von Epaphras, unserem geliebten Mitknecht, der ein treuer Diener des Christus für euch ist, der uns auch eure Liebe im Geist kundgetan hat (1,3–8).
Der Apostel hatte von dem Glauben an den Herrn Jesus gehört, der in den Ephesern war, und von ihrer Liebe zu allen Heiligen, die in seinem Herzen Dankbarkeit und Gebet auslöste. Er kannte sie persönlich und gut, weil er in ihrer Mitte mit großem Segen gearbeitet hatte; es war wohltuend, vom Wirken des Geistes unter ihnen zu hören. Von den Kolossern hatte er, obwohl er sie nicht so gut kannte, ähnliche Nachrichten, für die er Gott allezeit in seinem Gebet für sie dankte.
Aber ist der Unterschied zwischen den beiden nicht auffällig in der Art und Weise, wie er die Hoffnung darstellt? Im Epheserbrief ist es die Hoffnung der Berufung Gottes, der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen. Was kann größer und grenzenloser sein? Hier konnte er kaum weniger sagen. Ihre Hoffnung war aufbewahrt, sie war sicher, sie war „in den Himmeln“, nicht (trotz Philosophie oder asketischer Verordnungen) auf der Erde. Vor alledem mussten sie sich in Acht nehmen, wie auch immer sie sich zeigen mochten und welche Erwartungen damit verbunden waren. Er erinnert sie an ihre eigentliche Hoffnung, indem er sie an den Himmel erinnert, wo Christus ist, die wahre und einzige Erlösung von allem Wirken des Geistes in göttlichen Dingen und von irdischer Religiosität.
Diese gesegnete himmlische Hoffnung war ihnen nichts Neues, sie hatten sie schon vorher im Wort der Wahrheit des Evangeliums gehört. Was der Apostel lehrte, würde das, was sie in der guten Botschaft, die sie ursprünglich zum Glauben brachte, gehört hatten, nicht schwächen oder untergraben, sondern bestätigen, oder (wie er es hier ausdrückt, um ihm das größtmögliche Gewicht zu geben angesichts ihres Strebens nach neuem) im „Wort der Wahrheit des Evangeliums“ (V. 5). Es war kein intellektuelles Herumtasten, sondern „das Wort“, das ihnen definitiv gesandt wurde, Gottes Offenbarung; es war kein Herumstochern in gesetzlichen Formen, sondern „die Wahrheit“, nämlich des Evangeliums. Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, aber die Gnade und Wahrheit wurde durch Jesus Christus (Joh 1,17). Das Evangelium kam zu ihnen, ja, war bei ihnen gegenwärtig, genauso unveränderlich wie der, der dessen Summe und Inhalt ist. Wahre Wahrheit, selbst wenn sie neu ist, setzt niemals das Alte beiseite, sondern ergänzt im Gegenteil fehlende Verbindungsstücke, vertieft die Grundlagen und erweitert den Gesichtskreis. Hatte ihre Philosophie, hatten ihre neuartigen Satzungen (Kap. 2) ihren Sinn für den Wert des Evangeliums vergrößert? Hatten diese Dinge Christus verherrlicht? Es besteht kein Zweifel, was die Wirkung der Lehre des Paulus im Allgemeinen und in diesem Brief im Besonderen sein würde.
Da das Evangelium also die Entfaltung der Güte Gottes in Christus ist, nicht das Maß menschlicher Pflichten oder ein System religiöser Schatten, ist sein Schauplatz nach Gottes Absichten nicht ein einzelnes Land oder eine Familie, sondern „die ganze Welt“; und sein Wirken ist nicht verdammend und tötend, sondern fruchtbringend und wachsend, wie bei den Gläubigen in Kolossä. Brachte das Evangelium unter ihnen Frucht und wuchs es, seit sie ihre neumodischen Vorstellungen und gesetzlichen Wege aufgenommen hatten? Das Evangelium ist sowohl fruchtbringend als auch wachsend. Dieser Zusatz über sein Wachstum (kai auxanomenon) ist im gemeinsamen Text verlorengegangen, da er in minderwertigen Kopien weggelassen wurde. Dass er echt ist, kann nicht mit Recht angezweifelt werden. Sicherlich waren beide Züge von dem Tag an bekannt, als sie die Gnade Gottes in Wahrheit hörten und kannten. Und das gibt dem gesegneten Apostel Gelegenheit, wie es seine Gewohnheit war, die Hände dessen zu stärken, der ein treuer Diener Christi unter ihnen war, Epaphras, unser geliebter Mitknecht, wie er hier liebevoll genannt wird. Die spekulativen Ansichten, die judaistischen Formen, hatten zweifellos ihre Vertreter, die sich auf Kosten eines treuen Arbeiters einzuschmeicheln versuchten. Wir können uns leicht vorstellen, dass die anerkennenden Worte über Epaphras an die Kolosser notwendig waren.