Behandelter Abschnitt Mt 26,6-25
Wir haben schon oft davon gesprochen, dass sich Edles von Unedlem scheiden muss, auch Weizen und Unkraut, von Wirkung und von Gegenwirkung, und ich möchte noch einmal auf dieses Gebiet zurückkommen an der Hand der tragischen Geschichte von Judas Ischariot. Was mir dabei besonders vorschwebt und was für uns entscheidend und bedeutungsvoll ist, das ist die Stellung, die der Herr dem Judas Ischariot gegenüber einnahm, und die sicherlich massgebend ist für uns, da, wo wir das Böse im engsten Kreise haben, im eigenen Hause, in einem kleineren Jüngerkreise, wo sich dieses Böse offenbart auf die eine oder andere Weise.
Es liegt viel für uns in dieser Geschichte des Judas. Wir beginnen bei Matthäus 26, Vers 8: „Als aber die Jünger es sahen, wurden sie unwillig" — und dann in einem anderen Evangelium heisst es: „Es waren aber etliche unwillig bei sich selbst" — und bei Johannes im 12 Kapitel Vers 4 heisst es: „Es sagte nun einer von seinen Jüngern . . ich sage: wenn man diese drei Berichte zusammennimmt, so sieht man, dass einer aus dem Kreise der Jünger der Anstifter war, den Sauerteig in den Kreis der Jünger hineingeworfen hat — ein anderer sagt: etliche — ein anderer sagt: „im allgemeinen", nämlich die Jünger im allgemeinen. Das war beim letzten Abendmahl, wo die Sachen auf die Spitze kamen und zum Austrage kam, was sich in den drei Jahren angebahnt hatte.
Der Herr hatte eine ganze Nacht auf dem Berge zugebracht mit dem Vater, als er am anderen Morgen, von diesem Berge herunterkommend, seine zwölf Jünger bezeichnet. Die Liste wurde auf dem Berge gemacht in einer mit dem Vater durchwachten Nacht. Er hat ja nichts aus sich selbst getan und gesprochen — so hat er auch seine zwölf Jünger nicht selbständig gewählt; denn die Wahl dieser zwölf Jünger war bedeutungsvoll für die ganze Zukunft der Gemeinde. Das sind die Hauptpfeiler der Gemeinde Jesu Christi. Wenn wir nun dazu nehmen, dass der Herr von Anfang an wusste, welcher ihn verraten würde — dann kann man sich denken, was es für den Herrn sein musste, als der Vater ihm auch den Judas nannte. Und da ist es mir, als könnte ich die Frage unseres Herrn und Meisters hören: „Vater, auch diesen?" — Er wusste ja von Anfang an, was an diesem Judas war — und die Antwort des Vaters: „Ja, auch diesen." Und ich sehe im Geiste, wie hierauf der Sohn sich unbedingt gebeugt hat unter den Willen des Vaters. Er hat dann auch den Judas nicht selbst ausgeliefert, sondern Judas musste sich stufenweise ausliefern, bis es zum Äussersten kam.
Die nächste Nutzanwendung für uns ist diese: dass wir auch im eigenen Hause, im engsten Kreise in unseren Komitees nicht einfach nach eigener Wahl Leute ausscheiden können, weil uns der Herr einen Durchblick gegeben hat, dass sie eine Gefahr sind für andere — mit anderen Worten: dass wir also die Leitung der Sachen Gott nicht aus der Hand nehmen dürfen. Das ist ein Eingriff. Wir dürfen auch nicht vorgreifen, wenn wir merken, der und der ist von einem unlauteren oder gar unsauberen Geiste beseelt. Und doch wissen wir sa alle, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig versauert.
Der Sauerteig schafft Gutes, aber auch Böses — er hilft, aber er kann auch verderben. Die Bundeslade durfte niemand anrühren, auch wenn sie in der äussersten Gefahr war. Das ist Gottes Sache. Es ist immer noch Geduld von seiten Gottes. Erst damit, dass Judas an jenem Abend hinausging und den Herrn verriet, wurde es dunkle Nacht bei Judas. Da ist der Teufel in ihm reif geworden, und er ging hinaus und erhängte sich. Der Herr Jesus aber sagte dann: „Jetzt ist des Menschen Sohn verherrlicht." Das ist Verherrlichung des Menschensohnes, dass er die Entwicklung dieses Finfternischarakters und die Entwicklung der anderen Jünger seinem Vater überlassen hat. „Nun ist des Menschen Sohn verherrlicht."
Der Herr wird nur dadurch in uns, in unseren Familien, unseren Gemeinschaften verherrlicht, dass wir nicht die Erziehung unserer Kinder, die Wahl unserer Dienstboten, die Zusammensetzung unserer Gemeinden und Gemeindlein selbst in die Hand nehmen und darin — wenn auch nach bestem Wissen und Gewissen — schalten und walten. Es ist das Heiligtum Gottes und man rührt das Heiligtum Gottes nicht an. Es kann des Vaters Wille sein, dass dieser und jener in unserem Hause oder in einem gewissen Kreise bleibe, wie es des Vaters Wille war, den Judas in der Schar der Jünger zu haben. Es muss unser Tagewerk, unser Umgang, sowie die Zusammensetzung unseres Umgangs in Gottes Hand zurückkommen. Wir lernen dann auch — um den Kreis etwas weiter zu ziehen — unsere Begegnungen mit anderen in Gottes Hand zurückgeben, dass man nicht Stunden mit denen verbringt, die uns verstehen, und dann wieder sorgfältig denen ausweicht, die uns nicht verstehen — etwa geschwind einen Vorwand gebraucht, um letzteren möglichst schnell wieder aus dem Wege zu gehen.
Gott wollte dich mit diesem und jenem zusammenführen, und du solltest da einen Lichtstrahl göttlicher Geduld in Her; und Leben des anderen hineinwerfen — du aber bist ausgewichen und hast dich nicht dazu hergegeben. Es müssen die Quellen unseres inneren und die Fäden unseres äusseren Lebens, unsere Begegnungen und Auseinandersetzungen in Gottes Hand zurückkommen. Gott muss A und O werden in unserem Leben. Alles muss zurück in Gottes Hand, sonst kommt er nicht zu seinem Rechte. All unser Vorgreifen, unser nicht zart Eingehen auf Gottes Führungen verschleppt die Zeit und nötigt unseren Gott, zu warten — und er kann warten. Er ist ein Gott der Geduld. Er lässt alles reifen, und es muss reifen — die Wechselwirkung zwischen Weizen und Unkraut muss immer tiefer gehen, dass durch das Böse ringsumher unsere tragende Liebe ausreife der Vollendung entgegen.
Gott nimmt nicht halbreife Leute hinauf. Es muss alles ausreifen für die Ernte, und nichts reift so sehr für die Herrlichkeit aus wie tragende Liebe für die Unlauteren, über die wir uns je und je geärgert haben. Gott hat den Judas getragen mit grosser Geduld und hat ihn nicht unnötig blossgestellt. Und so lernen wir, unsere ganze Reichsgottesarbeit — auch unser Beten — je länger, je mehr aus unserer Hand geben, dass Gott über unsere Gebetskraft verfüge, und richten uns — wie in entscheidenden Schlachten — mit unserem Arsenal fürbittender Liebe, tragender Liebe, gerade auf die Punkte, die uns Schwierigkeiten machen in den Linien der Vorsehung — nichts selbst machend — der scheinbar zufälligen Vorkommnisse und Begegnungen, Gespräche usw. Es ist alles geordnet von Gott, wo man alles zurückgibt in Gottes Hand — seine Eindrücke, sein Lieben, Leiden und Dienen — alle seine inneren und äusseren Bewegungen. Dann kann ein Lebenslauf herauskommen zur Ehre Gottes, ein harmonisches Ganzes.
Möchten wir doch einmal auch sagen können wie der Apostel Paulus: „Ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten. . ." Vielleicht hängt die Wiederkunft des Herrn mit davon ab, dass es endlich einmal Menschenexistenzen gibt, in denen Gott alles ausgestalten kann, was er hineingelegt hat, und die zum wahren Selbstbewusstsein aufwachen — zum Bewusstsein dessen, was Gott für uns hineinlegen wollte in den engsten und weitesten Kreis und den ganzen Rahmen unserer persönlichen, Familien- und Gemeinschaftskreise und Linien, dass die einmal göttlich ausgefüllt werden in Geduld und Glauben der Heiligen, in zartem Liebesgehorsam gegen den allweisen Gott, damit er endlich einmal zum Rechte komme, und nicht nur er, sondern auch Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.