Behandelter Abschnitt Apg 26,24-32
Es fehlt nicht viel
In Kap. 25, 22 äußerte der König Agrippa den Wunsch, den gefangenen Paulus (wohl aus Neugierde) sehen und hören zu dürfen. Nun wurde dem König und seinem ganzen Gefolge der Becher voll eingeschenkt. Alle Anwesenden hatten sich den Verlauf des Verhörs anders gedacht. Niemals glaubten sie den Saal mit einem beunruhigten Gewissen verlassen zu müssen. Keiner dachte daran, vor eine Entscheidung für Christus gestellt zu werden. Agrippa stattete dem Festus einen Staatsbesuch ab, wobei ihm jeder Wunsch erfüllt wurde, aber dass er, als König, bei dieser Gelegenheit durch einen Gefangenen des Landpflegers veranlasst werden sollte, sich vor dem König aller Könige zu beugen, war ihm gewiss nicht in den Sinn gekommen. Selten dringt das lautere Evangelium bis zu den höchsten Kreisen durch, doch hier erreichte es die obersten Klassen: die königliche Majestät, den Landpfleger und Statthalter, die Obersten der Juden und die Vornehmsten der Stadt. Paulus hatte hier sehr deutliche und eindringliche Worte gesprochen, doch achten wir, wie sie bewertet wurden. Zunächst folgte:
Eine Unterbrechung. Bis dahin hatten alle dem Apostel mit Interesse zugehört. Festus mag beobachtet haben, dass etliche der Anwesenden von einem gewissen Unbehagen ergriffen wurden und gab sich Mühe, die Verhandlungen in andere Bahnen zu lenken. Er war zwar von der Unschuld des Paulus überzeugt und dass er keinerlei Strafe verdiente, aber er hielt ihn für überstudiert. Festus durchbrach die üblichen Schranken der Höflichkeit und rief laut aus: „Du rasest Paulus! Die große Gelehrsamkeit bringt dich zur Raserei.“ Mit andern Worten gesagt: du bist von Sinnen, dir fehlt es wohl im Kopf! Festus gedachte auf diese Weise die empfangenen Eindrücke abschwächen zu können. Wer würde auch die Worte eines Irrsinnigen ernst nehmen? Satan machte hier den Versuch, der Wahrheit und der Kraft des Evangeliums die Wirkung zu nehmen. Der Apostel behielt aber seinen Gleichmut und widersprach höflich aber bestimmt. Er betonte ausdrücklich, dass er gerade deshalb mit solcher Freimütigkeit rede, weil seine Angelegenheit dem König überhaupt nicht fremd sei. Nichts war im Winkel geschehen. Überall wurde das Evangelium öffentlich verkündigt. Da nun Paulus merkte, dass die Versammlung abgebrochen werden sollte, schritt er eiligst zur Hauptsache und drängte auf:
Eine persönliche Entscheidung. Durch die ablehnende Haltung des Festus sah Paulus sich veranlasst, sich direkt an Agrippa zu wenden. Die Handlungsweise des Apostels war äußerst geschickt. Er war sichtlich vom Heiligen Geiste geleitet. Paulus fragte: „König Agrippa, glaubst du den Propheten?“ Im gleichen Atemzug fügte er noch hinzu: „Ich weiß, dass du glaubst.“ Die Absicht des Apostels war, den König nicht nur zu interessieren oder sein Wohlwollen zu gewinnen, sondern ihn zu klarer, unzweideutiger Entscheidung für Christus zu drängen. Ein vom Geiste Gottes durchdrungener Diener wird das Heil der Seelen als Endergebnis seines Dienstes im Auge haben. Nicht des Apostels Weisheit, sondern die rettende Macht des Evangeliums sollte den Sieg davontragen. Das Opfer Christi sollte anerkannt und der Sünder zur Buße geleitet werden. Paulus war nur dann befriedigt, wenn die Zuhörer sich zu ernster Nachfolge Jesu entschlossen hatten; für bloße Namenchristen hatte er nichts übrig.
Beachtenswert ist die Methode, die Paulus anwandte, seine Zuhörer zu überführen. Er bediente sich der Schrift; sprach von den Propheten und vom Glauben an ihre Lehre. Er fuhr da weiter, wo seine Zuhörer in der Erkenntnis stehen geblieben waren, und ermunterte sie, den nie zu bereuenden Schritt im Glauben zu Jesus zu tun, wie er ihn getan hatte. „Es fehlt nicht viel“ (Vers 28). Und doch fehlte alles. Beinah bekehrt! Die Antwort des Agrippa verrät ein deutliches Wirken des Wortes Gottes, dem er sich aber nicht unterstellen wollte. Sein Zustand war ein unhaltbarer und er musste ein endgültiges „Für oder Wider“ aussprechen. Agrippa war sich wohl bewusst (wenn er den gebundenen Apostel ansah), dass eine Entscheidung für Christus mehr bedeutete, als nur ein Anerkennen von christlichen Lehren. Millionen gehen zur Unterweisung, und sind dennoch fern davon ein Christ zu sein. Auch bei Agrippa fehlte es nicht am Wissen. Väterliche Überlieferungen machen keinen Christen, es muss vielmehr eine persönliche Übergabe an den Herrn stattfinden, um das ewige Leben zu haben. Agrippa war nicht nur halb, sondern ganz davon überzeugt, dass er ein Christ werden sollte, doch waren gewisse Hindernisse einer völligen Auslieferung an Gott in seinem Wege.
Agrippa lebte in Fleischessünden. Neben ihm stand Bernice, seine Schwester, mit der er ein unerlaubtes Verhältnis unterhielt. Ähnliche Sünden sind vielen ein Hindernis zur Bekehrung.
Agrippa fürchtete die Schmach Christi. Er wollte doch nicht als verrückt angesehen werden wie Paulus, dem Festus eben erklärt hatte, er sei von Sinnen.
Agrippa scheute die Leiden. Er sah die Ketten des Apostels, die er um Jesu willen trug. Diese wünschte Paulus ihm nicht, denn er sagte ausdrücklich: er wünschte alle würden solche wie er sei, ausgenommen die Bande, die er trug. Sollte Agrippa plötzlich auf all den Luxus, auf die vielen Ehrungen und die weltlichen Lüste verzichten? Aus diesen und andern Erwägungen heraus konnte er sich nicht entscheiden. Sicherlich ist er wie jener reiche Jüngling, nach diesem inneren Konflikt, traurig davongegangen. «Beinahchristen» sind bedauerliche Menschen, da sie auf beiden Seiten hinken.
Was war nun der Erfolg jener. Versammlung? Unter all den verschiedenen Anwesenden hatte sich kaum jemand für den Herrn entschieden. Festus war nicht geneigt zu glauben. Er erklärte es als Unsinn. Agrippa und Bernice zogen die Sünde dem Heiland vor und verharrten weiter in ihr. Die übrigen Ungenannten gingen ihren gewohnten Weg weiter. Jeder beraubte sich des größten Segens, der wahren Freude, der Vergebung und des ewigen Lebens. Beinah bekehrt führt in das ewige Verderben.
Der Abschluss jener Versammlung war die erneute Feststellung der Unschuld des Apostels (Vers 30 bis 32). Dies war auch zugleich eine Anerkennung des rechten Weges, den der Apostel ging und lehrte, und somit eine um so größere Verantwortung ihrer Christusablehnung.